Review

Mit „Delirium“ servieren Lacuna Coil dem geneigten Hörer ihr achtes Studioalbum und laut Aussage von Sängerin Cristina Scabbia soll jenes mit seinen elf Tracks noch härter ausfallen, als alles zuvor Gehörte der italienischen Band.

Tatsächlich wird mit dieser Behauptung nicht übertrieben, denn bereits mit dem Opener „The House Of Shame“ beschert das Quartett einen direkten Start in ihren Silberling, der gleich zu Beginn für leichte Herzrhythmusstörungen sorgen könnte. Leitet zunächst ein noch mystisch-choraler Part den Song leise und stimmungsvoll ein, der zudem dazu verführt, die Lautstärke ein wenig aufzudrehen, um sich der anbahnenden Atmosphäre ganz hingeben zu können, ist es mit der Besinnlichkeit durch den unvermittelten Einsatz von Andrea Ferros gutturalem Gesang schnell vorbei. Ein – im wahrsten Sinne des Wortes – Überraschungsmoment, der auch nach mehrmaligem Konsum nichts von seiner Wirkung verliert.

Hier und im weiteren Verlauf des Albums fällt immer wieder die Produktion auf, denn während das Songwriting an sich eher solide statt überraschend und ideenreich ausfällt, gewinnt „Delirium“ durch einen fetten, neumodischen Sound amerikanischer Prägung an – für viele als übertrieben empfundener – Lautstärke. Insbesondere der Gitarren- und Basssound wirkt sehr dominant und scheint vor dem Gesang und den Drums zu liegen.
Um aber für Fans der Band und Stilrichtung durch die moderne Soundausrichtung nicht allzu mainstreamig zu wirken, verpasst man der druckvollen Produktion eine gehörige Portion zusätzliche Härte, die sich sowohl in den gutturalen Passagen als auch auf instrumentaler Ebene niederschlägt.

Meint man, dass dadurch die Melodien und Eingängigkeiten der Songs auf der Strecke bleiben, irrt man auf den ersten Blick respektive Hördurchgang nicht. Lohnenswert ist es dennoch, „Delirium“ die eine und andere Runde im Player zu gönnen, denn die Mehrheit der Titel hat Potenzial, auch nachhaltig zu überzeugen.
So sorgen auch beispielsweise Tempovariationen innerhalb der Tracks für Abwechslung und lassen auf laute, harte Sequenzen erhabene Passagen mit sinfonischen Elementen folgen.
Ein Highlight bildet zudem das zunächst unscheinbare „Take Me Home“, das mit „Kinderchor“, prominentem Bass, reichlich Zerr- sowie Electrosounds und Groove den Wiederspielwert steigert.

Während gesanglich das bewährte „Beauty and the Beast“-Konzept gefahren wird, bei dem sich Andrea Ferro nicht nur Death-Growls und Nu Metal/Core-lastigen Gesängen, sondern auch warmen Klargesangs bedient und Cristina Scabbia mit ihrer Alt-Stimme Unterschiede zum sonstigen Sopran-Geträller liefert, finden auf „Delirium“ abermals auch die bereits häufig bei Lacuna Coil anzutreffenden orientalischen Nuancen ihren Platz.

Lacuna Coil (Copyright: Alessandro Oligati)

Lacuna Coil (Copyright: Alessandro Oligati)

Neigt man zunächst „nur“ zu einer Empfehlung (vor allem für neuere Lacuna Coil-Fans und Hörer der härteren Gangart im Gothic Metal Bereich), so sorgen mehrere Durchläufe des Albums dafür, die Wertung doch noch anzuheben. Denn mit jedem weiteren Konsum kristallisieren sich mehr Details heraus, die die Handschrift Lacuna Coils aufweisen, zudem setzen sich die Songs mehr und mehr im Gehörgang fest. Mit der konsistenten Lautheit und Härte, mit der hier zu Werke gegangen wird, muss sich der eine oder andere eventuell erst arrangieren, stellt sich diesbezüglich jedoch eine Gewöhnung ein, offenbaren die Songs auch ihre melodische und eingängige Seite. Im Endergebnis verdient sich „Delirium“ somit „großartige“ 4 Punkte; wünschenswert ist es dennoch, die Richtung des Sounds, die sich mit „Dark Adrenaline“ und „Broken Crown Halo“ bereits angedeutet und auf „Delirium“ nun manifestiert hat, im Sinne einer weniger übertriebenen und neumodischen Produktion noch einmal zu überdenken.

Video

Tracklist

01 The House Of Shame
02 Broken Things
03 Delirium
04 Blood, Tears, Dust
05 Downfall
06 Take Me Home
07 You Love Me ‚Cause I Hate You
08 Ghost In The Mist
09 My Demons
10 Claustrophobia
11 Ultima Ratio

Details

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Label: Century Media
Vö-Termin: 27.05.2016
Spielzeit: 44:50

Copyright Cover: Century Media



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde