Review

Endzeitfolk – klingt komisch? Ist es beim ersten Hördurchlauf auch ein wenig, aber die Band Kyoll bietet mit ihrer Mixtur aus Mittelalter, Folk, Industrial, Elektro und der Zugabe an Steampunk-Charme, der sich laut Aussage des Labels Danse Macabre u.a. an der Optik von „Mad Max“ orientiert, etwas wirklich Innovatives.

Zu hören gibt es diese ungewöhnliche und vor allem unkonventionelle Kombination auf dem aktuellen Album „Radio:Aktiv“. Aufgemacht als knapp einstündige „Radiosendung“ sendersuchläuft man sich durch die Scheibe und stößt dabei auf postapokalyptische Staumeldungen, lustig-makabre Wetterberichte und fern der selbst kreierten üblichen Radioeinschübe auch noch auf tanzbare Songs sowie experimentelle Klanglandschaften, die genauer aufhorchen lassen.

Ein entspannter, durchgängiger Hörfluss ist damit zwar nicht gegeben, Kyoll zwingen ihre Hörer jedoch auf diese Weise dazu, sich mit „Radio:Aktiv“ intensiv auseinanderzusetzen. In Anbetracht der instrumentalen Vielfalt und des inhaltlichen Gehalts, der endzeitstimmungsvoll von Verfall, Vergänglichkeit und atomarer Bedrohung handelt, ist dies mehr als willkommen, denn jeder Song lässt interessante Details und den Ideenreichtum des Trios entdecken.
Insbesondere die integrierten „Radiomeldungen“ Kyolls lassen beim Zuhörer den Wunsch aufkommen, die Band möge sich in diesem Stil mal an eine Hörbuch/-spielproduktion heranwagen.

Natürlich stehen aber auch die reinen Musiktracks jenen unterhaltsamen Intermezzi in nichts nach. Obwohl es ab und zu den Anschein hat, Kyoll greifen auf alle Instrumente gleichzeitig zurück, die ihnen während der Aufnahmen in die Hände gerieten, um das ganze Klangspektrum zudem noch mit harschen Beats zu untermalen, bilden diese „chaotischen“ Titel eher die Ausnahme. In der Mehrheit der Songs harmonieren die mittelalterlichen Töne, hervorgerufen u.a. durch Drehleier, Schalmei oder Zugpfeife, hervorragend mit den elektronischen Elementen, die mal die Industrial-Härte betonen, mal lediglich als dezenter Zusatz zum Einsatz kommen.

Passend zur Musik scheint die gesangliche Leistung. Vor allem die männlichen Vocals überzeugen innerhalb der Electro-lastigen Songs und kommen dann gerne auch mal mit einiger Verzerrung daher. Die weibliche Stimme orientiert sich an typischer Mittelalter-Folk-Intonierung, driftet darüber hinaus aber auch mal in Chanson-Bereiche oder gotische Gefilde à la Illuminate und Mantus ab – wohlgemerkt nur stimmlich, nicht musikalisch.
Ob die Stimmfarbe der Sängerin im Song „Revolution“ allerdings gefällt, ist wohl eine Geschmacksfrage; zur mutigen stilistischen Ausrichtung der Band passt sie jedoch gut und rüttelt auch mit ihrer Eigenart nicht an der Eingängigkeit und Tanzbarkeit des Tracks – und das, obwohl es zeitweilig so wirkt, als ob mehr gesprochen als gesungen wird.
Gut tun jedoch auch ausgiebige instrumentale Zwischenspiele in Nummern wie „100 Jahre“, die dem Hörer kurzzeitig die Gelegenheit bieten, das Gehörte zu verarbeiten oder einfach nur währenddessen das Tanzbein zu schwingen, ohne sich tiefergehender Lyrik widmen zu müssen.

Kyoll (Copyright: Tom Bombadil / jarwinbenadar.com)

Kyoll (Copyright: Tom Bombadil / jarwinbenadar.com)

Da alle Songtexte in deutscher Sprache verfasst wurden, ist es ein Leichtes, den Messages der Band zu folgen. Schwieriger sieht es hingegen mit der Zugänglichkeit ihrer Musik aus, hier bedarf es gerne mal den einen oder anderen zusätzlichen Hördurchgang, um mit den zahlreichen Stilbrüchen zurechtzukommen.
Kyoll bemühen sich jedoch um ihre Hörer, sodass sich neben vertrackten und unstrukturiert wirkenden Titeln weitaus mehr Songs auftun, die ohne Umschweife einen festen Platz in der eigenen sowie in der Playlist der Clublandschaft finden werden. Unter einer stattlichen Anzahl von 17 Titeln ist die dies betreffende Ausbeute sehr groß.

Für alle, die mutig genug sind, sich der kyollschen Apokalypse zu stellen. Ein Projekt, das selbst genug Mut aufgebracht hat, weit entfernt vom Mainstream ihr Ding durchzuziehen. Respekt und eine Empfehlung für alle, die im Mittelalterbereich auch elektronischen Sounds offen gegenüberstehen bzw. für Electro-Fans, die gegen mittelalterliche Klänge nichts einzuwenden haben.

Video

Tracklist

01 Tonspur 7
02 Radio Aktiv Intro
03 Wismut
04 Revolution
05 Wetter
06 Der schleichende Tod
07 Bipolar Distortion
08 Ruinen
09 Stauschau
10 Kopfschuss
11 Legion
12 Bunkerparty
13 Alte Zeiten
14 Metro
15 Akkordarbeit
16 Wir gehen weiter
17 100 Jahre

Details

Kyoll – Homepage
Kyoll – Facebook
Kyoll – Twitter

Label: Danse Macabre
Vö-Termin: 12.06.2015
Spielzeit: 67:57

Copyright Cover: Danse Macabre



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde