Review

Kontrast – der Name ist Programm, denn das Projekt von Dirk, Falko, Roberto und Sängerin Nebelgeist wusste sich schon in den 90er Jahren vom musikalischen Szene-Rest dem Namen entsprechend, nämlich kontrastreich, abzusetzen und mit dem neuen, inzwischen vierten Album „Balance“ kann man auf gleiche Weise an alte Erfolge anknüpfen.

Das ist eigentlich nicht ganz einfach, bedenkt man, welche Klassiker Kontrast einst mit Titeln wie „Einheitsschritt“ oder „Tod … find‘ ich gut“ hervorgebracht haben.

In ihrem außergewöhnlichen Stil, der eine Mixtur aus moderner NDW, 80er Jahre Pop, Synthpop, Wave und Electro darstellt, und selbst diese Beschreibung wird dem Sound des Quartetts nur im Ansatz gerecht, präsentieren sich nun erneut die auf „Balance“ verewigten zwölf Tracks. Und auch in diesem Fall wählte die Band einen äußerst sprechenden Namen für das Album, denn hier herrscht ein Gleichgewicht in vielen Belangen vor. Ob eine ausgewogene Mischung aus männlichen und weiblichen Vocals, tanzbaren, treibenden Melodien und ruhigen Momenten oder die mal ernsteren, mal humorvollen Texte – dies alles hält die Balance auf gleichnamigem Silberling.

Mit zischenden scharfen Synthis eröffnen Kontrast ihren ersten Titel „Diese Nacht wird unser sein“, an dem man deutlich die Handschrift des Projekts wiedererkennt. Dunklere elektronische Töne bilden einen schönen (man kommt um das Wortspiel einfach nicht herum) Kontrast zu den hellen Electro-Passagen und auch gesanglich harmonieren die männlichen und weiblichen Vocals hervorragend miteinander. So simpel wie brillant fällt der eingängige Refrain schließlich aus, der „Diese Nacht wird unser sein“ nicht nur zu einem tanzbaren Song emporhebt, sondern auch umgehend zum Ohrwurm deklariert.

Ein Intro mit stampfenden, repetitiven Beats leitet die Vertonung der Theodor Fontane-Ballade „John Maynard“ ein. Diese wird inhaltlich nicht abgeändert, sondern originalgetreu wiedergegeben, einzig vereinzelte Passagen werden ob der Dramatik anders, aber stets passend platziert. Dieses Vorgehen verfehlt seine Wirkung nicht; trotz des recht aggressiven Grundbeats kommt die Emotionalität des Vorgetragenen deutlich beim Hörer an. Dazu trägt u.a. auch das Stimmenspiel bei, denn während der Hauptteil der Ballade (im positiven Sinne) monoton gesprochen wird, sorgen die „Dialogszenen“ für das nötige Etwas und machen „John Maynard“ (zwar nicht als Person, aber als literarisches Epos) lebendig.
Besser kann man lyrische Vertonungen nicht umsetzen.

Es folgt „Am Fenster“. Einst der Titel eines Hits von der Band City, jetzt auch der (bewusst nach dem Klassiker benannte) Name eines Songs von Kontrast. Gefühlvoll zeigt das Projekt damit seine ruhigere Seite, sodass man „Am Fenster“ beinahe als balladesk bezeichnen möchte, wenn nicht ein gemäßigter treibender Beat das Lied begleiten würde. Gelungen bindet man zuweilen ein Pianospiel ein. Mal erinnern Stellen des Songs an Blutengel-Balladen, mal an Mantus, Illuminate und Co., ohne deren Melancholie jedoch in Gänze treffen zu wollen.

„Europareise“ nimmt den Hörer anschließend mit auf ebenjene, und zwar durch lange reine instrumentale Phasen, dafür aber um zahlreiche (inhaltlich passende) Geräuschsamples ergänzt.

Kontrast (Copyright: Stefan Hoge)

Kontrast (Copyright: Stefan Hoge)

Erstmals zu einem Wechselspiel aus deutschen und englischen Lyrics kommt es in „Nothing As It Seems“. Dieses wartet zusätzlich mit harschen Klängen und Verzerrungen auf.

So ließe sich die Darstellung der Tracklist bis zum Rauswurf namens „Die Elite“ fortsetzen und immer wird man feststellen, dass man sowohl an der Produktion als auch am Songwriting nichts Nennenswertes kritisieren kann, wenngleich die Frage offenbleibt, wie es insbesondere in „Die Elite“ zu genau jener Zusammenstellung von Personen, Berufsgruppen, Organisationen und Begriffen kommt, die sicherlich nicht vollständig ist, dafür aber mit einem Augenzwinkern gesehen werden soll.

Wer solch unvergessliche Szene-Hymnen geschrieben hat, wie „Einheitsschritt“ eindeutig eine ist, der muss sich wohl gefallen lassen, dass das zukünftige Material stets Vergleichen mit jenen Klassikern unterzogen wird. Umso schwieriger ist es aber, jene Erfolge zu toppen. Gesteht man einer Band aber zu, dass sie sich weiterentwickelt und/oder sie unabhängig von ihren bisherigen Machwerken zu beurteilen, dann bleibt für „Balance“ nur die Höchstwertung. Denn Kontrast bleiben sich treu, geben sich abwechslungsreich und erschaffen den einen oder anderen Ohrwurm und Tanzflächenfüller. Davon abgesehen trägt jeder Track die dem Projekt so eigene Handschrift, sodass Fans die Band in den Songs umgehend wiedererkennen. Was kann sich ein Hörer mehr wünschen?

Trailer

Tracklist

01 Diese Nacht wird unser sein
02 John Maynard
03 Am Fenster
04 Europareise
05 Nothing As It Seems
06 Karussell
07 Liebe Light
08 Jeanette
09 Der Schöpfer der Zukunft
10 Ich bin es nicht!
11 Balance
12 Die Elite

Details

Kontrast – Homepage
Kontrast – Facebook

Label: Danse Macabre
Vö-Termin: 24.10.2014
Spielzeit: 59:13

Copyright Cover: Danse Macabre



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde