Review

Das Besprechen eines Albums ist eine Momentaufnahme. Stimmungsabhängig, labil und unvorhersehbar. Der neuste Output aus dem Hause Katatonia macht es mir nicht wirklich leicht eine bodenständige Meinung zu fassen.

Das Akustik-Konzert, welches die Band unter dem schlichten Titel „Sanctitude“ veröffentlicht, wurde im Mai 2014 in der berühmten Union Chapel in London, als Teil der „Dethroned and Uncrowned“ Tour aufgenommen. 17 Songs, beginnend mit Material vom ’98er „Discouraged Ones“ bis zu neusten Kreationen der letzten Alben. Die früheren Werke wurden demnach fast komplett ausgeblendet (ausgenommen „Day“). Bei einem Akustik-Album wenig verwunderlich.

Wenn man das Bandgeschehen in den letzten 15 Jahren etwas verfolgt hat, ist einem wohl kaum entgangen, dass Katatonia ihren eigenen Sound, ihr charakteristisches Klangbild, unter anderem durch Jonas Renkses sehr eigenem Gesang und natürlich auch durch Anders Nyströms (Gitarre) Songwriting immer weiter geformt und entwickelt haben. Der Wiedererkennungswert der Band ist groß und das spiegelt sich auch auf „Sanctitude“ wider.

Das letzte Studioalbum „Dead End Kings“ liegt mittlerweile auch schon wieder drei Jahre zurück und nach dem Ausstieg von Daniel Liljekvist (Schlagzeug) nutzte man offenbar die Chance, die Band von einer anderen Seite zu zeigen. Das Konzert wurde gänzlich ohne Schlagzeug eingespielt und das Songmaterial gängiger Hits wie „Teargas“, „Tonight’s Music“, „Sleeper“ oder „Evidence“ wurde folglich für einen atmosphärischen, ruhigen Konzertabend umarrangiert. Aber auch neueres Material wie „Ambitions“ oder „Undo You“, von der „Dead End Kings“ Alternativ-Version „Dethroned & Uncrowned“, werden passend zur Tour zum Besten gegeben.

Der Knackpunkt an „Sanctitude“ ist, dass es manchmal intensiv bis direkt ins Rückenmark zu dringen scheint und den Hörer an anderer Stelle wieder unberührt zurücklässt. Selten habe ich in den letzten Monaten ein Album vernommen, dessen Wirken so stimmungsabhängig ist, wie dieses. Das Verinnerlichen dieser großartigen Songs über Jahre hinweg macht es an manchen Tagen bisweilen etwas schwer, mit dem Dynamikverlust der Akustikversionen zu kämpfen. An anderen Tagen könnte er „richtiger“ kaum sein. Ein Momentalbum.

Die Songs funktionieren in der Summe bei Weitem nicht besser als ihre Originale, aber zumindest anders. Auch Renskes Gesang kommt nicht immer punktgenau, trägt aber zur Live-Atmosphäre bei und lässt die Musik natürlich „unrund“ klingen. Das hat zumindest einen gewissen Charme.

Katatonia in der Union Chapel, London (Picture Copyright: Tina Korhonen)

Katatonia in der Union Chapel, London (Picture Copyright: Tina Korhonen)

Als zweite Disc liegt dem Album eine DVD bei, mit Konzertmitschnitt und einer einstündigen Dokumentation namens „Beyond the Chapel“.
Die Liveaufnahme enthält das vollständige Konzert, wie es auch auf dem Album zu finden ist. Das spärliche Licht und die verhaltene Bühnenausstattung lassen die Show visuell bisweilen etwas trist wirken, was jedoch letztendlich recht gut zur Musik passt. Sehr sehenswert.
Die „Beyond the Chapel“-Dokumentation konzentriert sich hingegen auf ein Interview mit Nyström und Renske, in dem beide mehr oder weniger interessante Informationen zur gesamten Tour preisgeben. Definitiv ein nettes Bonusfeature zum Album.

„Sanctitude“ ist ein Katatonia Album für Fans. Wenig geeignet, um die Band kennenzulernen; dafür empfiehlt sich wohl eher eines der letzten Studioalben. Fans hingegen, die mit dem bestimmten Moment, dem richtigen Nerv zur richtigen Zeit gesegnet sind, was bei vielen sicher öfter vorkommen mag als bei mir, werden mit „Sanctitude“ auf eine traumhafte Reise gehen können. Das Potenzial dafür ist da.

Video

Trackliste

Disc 01 (CD):
01 In The White
02 Ambitions
03 Teargas
04 Gone
05 A Darkness Coming
06 One Year From Now
07 The Racing Heart
08 Tonight`s Music
09 Sleeper
10 Undo You
11 Lethean
12 Day
13 Idle Blood
14 Unfurl
15 Omerta
16 Evidence
17 The One You Are Looking For Is Not Here

Disc 02 (DVD):
– Konzertmitschnitt
– Dokumentation „Beyond The Chapel“

Details

Katatonia – Homepage
Katatonia – Facebook

Label: Kscope Music
Vö-Termin: 03.04.2015
Spielzeit: 01:19:45

Copyright Cover: Kscope Music



Über den Autor

Emu
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“Only nothing is impossible.” - Grant Morrison