Review

Ein wenig Wahnsinn muss der Hörer schon mitbringen, wenn er sich „Physical Violence Is The Least Of My Priorities“, dem dritten Album der belgischen Band Kapitan Korsakov, widmet.
Welchen musikalischen Eingebungen sie nachgehen, darüber scheint sich das Trio selbst noch nicht ganz klar zu sein. Zwischen rotzigem Noise-Rock schimmern auf „Physical Violence Is The Least Of My Priorities“ immer mal wieder Electro- sowie Pop-Einflüsse durch. Soundtechnisch bleibt da kein Stein auf dem anderen.

Mit „Caramelle“ startet man zunächst aber sehr dynamisch durch. Die Riffs sind eingängig und dazu noch mit ansprechenden Melodien versehen. Allerdings werden sich sofort die Gemüter angesichts des Gesangs spalten, denn die quäkende Stimme hat sowohl etwas Abschreckendes als auch etwas Prägnantes.

So experimentierfreudig man sich bis dato zeigt, können Fans bei Songs wie „Midnight Gardens“ wieder aufatmen. Hier kommen die üblichen Kapitan Korsakov Züge zum Einsatz – mit einer sehr weichen Stimme und als atmosphärisches Gesamtpaket.

Direkt beim zweiten Song „Suicide Limp“ rollen sich jedoch jegliche Fußnägel auf. Nicht unbedingt aufgrund der quietschenden Riffs, die als Stilmittel von der Band immer wieder äußerst effektiv eingebaut werden und vermeintlich unharmonische Riffs harmonisch klingen lassen; viel grausamer trifft der scheinbar mit Autotune bearbeitete Gesang, der den gesamten Titel runterzieht, die Ohren.

Eine 180-Grad-Wendung vollführen Kapitan Korsakov dann wieder mit „Rabid Ghawazi Shuffle“. Die gesamte Aufmachung wirkt viel bedrohlicher, aber auch sehr exotisch. Fast schon hypnotisch geht das Ganze vonstatten und kommt sogar beinahe komplett ohne Gesang aus.

Dieses Album ist ein einziges Auf und Ab. Hier ein guter punkiger Höhepunkt und im nächsten Augenblick eine belanglose Ballade à la „Hearts Too Hard“. Manchmal fehlt somit der rote Faden, was sowohl eine der Stärken als auch eine der Schwächen von „Physical Violence Is The Least Of My Priorities“ ist.

Kapitan Korsakov (Copyright: Kapitan Korsakov)

Kapitan Korsakov (Copyright: Kapitan Korsakov)

Sicherlich stecken hier jede Menge Ideen drin, besonders wenn es darum geht, eine sehr extravagante Schiene zu fahren und dennoch nicht den Fokus eines unterhaltsamen Albums aus den Augen zu verlieren. Es gibt kaum Bands, die ihren Noise-Einfluss so effektiv einsetzen und dabei ein hörbares Gesamtbild hinterlassen.

Vielleicht ist die Musik von Kapitan Korsakov nicht für jeden etwas, aber für diejenigen, die sich darauf einlassen, wird sie eine Offenbarung sein. Tatsächlich gibt es hier sehr starke Tracks – unterstrichen von einer guten Produktion.
Getrübt wird das Projekt vielmehr von seinem angepassten und vorhersehbaren Songwriting, welches sich deutlich zu oft auf die Platte schleicht. Trotzdem definitiv mal anspielen!

Video

Trackliste

01 Caramelle
02 Suicide Limp
03 Spitting Over The Edge Together
04 Rabid Ghawazi Shuffle
05 Hearts Too Hard
06 Strobo Stripper
07 Pussy Scars
08 Midnight Gardens
09 Very Friendly Fire

Details

Kapitan Korsakov – Homepage
Kapitan Korsakov – Facebook

Label: KKK Records
Vö-Termin: 04.11.2016
Spielzeit: 53:26

Copyright Cover: KKK Records



Über den Autor

Christopher