Review

Ein Mann mit einer Stimme, die wohl nur aus drei Schachteln Zigaretten pro Tag, heruntergespült mit dem kratzigsten Whisky der Welt resultieren kann, traf eines Abends eine Frau mit einer Stimme, die mal engelsgleich zart und mal rotzig-schrill daherkam, in einer Bar. Liebe auf den ersten Blick könnte man sagen, der Rest ist Geschichte – und diese heißt July Talk.

Die kanadische Band feiert nun ihr zweites Studioalbum, auf dem sie erneut ihre ganz eigene Party der Kontraste feiert. Doch so muss das wohl auf einer Platte sein, die „Touch“ heißt und die Berührung zweier Menschen thematisiert. Und so gibt der erste Song „Picturing Love“ gleich einen großartigen Einstieg: Schlagzeug und Klavier sind die instrumentalen Pendants zu Peter Dreimanis und Leah Fay, die hier abwechselnd im recht reduzierten Ambiente dennoch kraftvoll das Album eröffnen. Ohne viel Chichi sondern ganz direkt – July Talk eben.

Auch der zweite Song entspricht diesem Schema. In „Beck and Call“ eröffnet ein eingängiger Schlagzeugrhythmus, wird bald unterstützt von Peters rauchigem Gesang, bis sich im Refrain Leahs sanfte Stimme dazu mischt. Eine satte E-Gitarre ergänzt das Setting noch. Dieses Zusammenspiel steigert sich und entlädt sich schließlich in treibenden Beats, schmetternden Riffs und entfesseltem Gesang. Ein packender Song, nach dem der Hörer gut eine kleine Verschnaufpause gebrauchen kann. Diese wird ihm mit „Strange Habit“ gewährt. Hier ist eine leichte, fröhliche Klaviermelodie über einen schweren, bluesigen Rhythmus gelegt. Peter flüstert rauchig den Text, während Leah sanft im Refrain einsteigt. Ihre Stimme schmiegt sich wie ein Seidenschal zwischen die anderen Klänge und zeigt deutlich, wie wandelbar sie ist. Ein sinnlicher Song, der die ruhige Seite der Band zeigt.

Mit neuer Kraft drücken July Talk wieder auf die Tube und ziehen in „Something More“ das Tempo erneut an. Eine jaulende Gitarre, dazu das Schlagzeug als dominantes Instrument in der Strophe. Während diese noch fast gesetzt daher kommt, ist gerade der Refrain wieder eine spannende Facette, denn nicht nur der elektrisch verzerrte Gesang, sondern die fast schon schrägen Gitarrenriffs zupfen angenehm am Nervenkostüm, holen einen aus dem weich-harmonischen Mainstream heraus und zeigen, was Musik noch so alles kann.

Um niemanden zu überfordern und weil sie wahrscheinlich auch einfach Lust darauf haben, bringt die Band danach mit „Johnny and Mary“ einen schlichten, gutgemachten Rocksong an den Start. Die Gitarren sind schnell, treiben voran, der Gesang ist akzentuiert und angriffslustig, fast schon punkig. Die Nummer geht nicht nur im heimischen Wohnzimmer gut ab, sondern wird live garantiert auch ein Knaller sein.

Als sechster Song dringt „Push and Pull“ an die Ohren, die erste Single-Auskopplung des Albums. Im Vergleich zum bisherigen Album sticht er zunächst wegen des elektronischen Einstiegs heraus. Doch gerade im Refrain trumpft er auf: Satt, stark und hämmernd kommt dieser daher und bildet so einen spannenden Kontrast zur fast schon flatternden, leichten Strophe. Hier wird das, was July Talk ausmacht, ideal in 2:52 Minuten gegossen. Schade, dass es nicht länger dauert. Zum Glück nimmt „Lola and Joseph“ die gute Stimmung direkt auf und setzt sie fort. Ein eingängiger Rhythmus, eine Headline, die ständig zwischen locker-beschwingt und kernig-schrammelig schwankt und in einem herrlich scheppernden Finale endet.

Die perfekte Steigerung dazu stellt „Ask You“ dar. Hier legen July Talk keinen Wert mehr auf Harmonie und hübsche Klänge – der Song ist punkig, schrill und schräg, der Gesang klingt ungekünstelt und spontan, wodurch der Song ganz unmittelbar wirkt. Das ganze Gegenteil dazu ist „Jesus said so“. Leiser Gesang, ein dumpfer Bass im Hintergrund, zu dem sich langsam die anderen Instrumente gesellen. Ein bisschen melancholischer Blues, dazu die Stimme von Leah Fay, die wie Honig samtig herabtropft und den Refrain erhellt.

July Talk 2016

July Talk (Copyright: Shalan and Paul / Vertigo Berlin)

Und schließlich endet das Album „Touch“ mit dem gleichnamigen zehnten Track, der vielleicht einen der komplexesten Songs darstellt. Er beginnt mit leisem, unterschwelligem Kratzen, das dennoch nur leidlich vom Duett der beiden Künstler und der Klavierklänge übertönt werden kann. Immer wenn eine Seite an Intensität zunimmt, zieht die andere nach, bis schließlich klar wird, dass es sich um kernigen Gitarrensound handelt. Der Song hat etwas Bedrohliches und zugleich Verschwörendes. Er zieht einen an, wie das Licht die Motte. Als sich endlich der Refrain mit den Worten „We are so tired and lonely – I need a human touch“ seinen Weg bahnt, ist das Gänsehautgefühl perfekt.

Licht und Schatten, leise und laut, zärtlich und grob, rotzig und harmonisch – all diese Kontraste vereinen July Talk in ihrer Musik. Mal Blues auf einer verrauchten Bühne, mal Alternative Rock direkt aus der heimischen Garage. Schon ihr erstes Album spielte mit diesen Extremen und auch „Touch“ knüpft daran an. Sie sind ihrem Stil treu geblieben, ohne sich selbst zu kopieren. Während das Debüt sehr viele emotionale Höhen und Tiefen durchlitt, ist diese Platte vor allem eins: sinnlich und ehrlich. Für Fans dürfte es eine äußerst befriedigende Fortsetzung des Projektes sein, Neueinsteiger werden hier einen wahren Leckerbissen finden, der nichts für den hohlen Zahn ist, sondern von Dauer.

Anspieltipps
Picturing Love | Strange Habit | Push and Pull | Touch

Video

Tracklist

01 Picturing Love
02 Beck and Call
03 Strange Habit
04 Something More
05 Johnny and Mary
06 Push and Pull
07 Lola and Joseph
08 Ask You
09 Jesus Said So
10 Touch

Details

July Talk – Homepage
July Talk – Facebook
July Talk – Twitter

Label: Universal Music
VÖ-Termin: 09.09.2016
Spielzeit: 36:50

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Silvana
Silvana
A Cat is Purrfect.