Review

Dass große Geschichten manchmal ganz leise erzählt werden können, vergisst man im Zeitalter von höher, größer, schneller, schöner ganz gerne einmal. Doch es gibt Künstler, die uns mit ganz zarten Klängen wieder auf den Boden der Tatsache zurückholen können, wie Joseph Myers neues Album „Against The Sea“ beeindruckend beweist.

Der Singer-Songwriter aus Osnabrück geht in seinem inzwischen dritten Studioalbum einen schweren Schritt und verarbeitet einen ganz persönlichen Teil seines Lebens: den Verlust seiner Großeltern. Die insgesamt elf Tracks sind ihnen gewidmet, teilweise von ihnen auch inspiriert und berichten auf ergreifende Art und Weise von der Liebe eines Enkelsohnes, die sich im Sturm des Alltags längst nicht so oft zeigen konnte, wie es nötig gewesen wäre, bis es schließlich dafür zu spät war.

Bereits das Intro „Down Here“ führt den Hörer behutsam an das Thema der Platte heran, berichtet vom Großvater, der nun bei den Engeln sitzt und mit Gott die eine oder andere Zigarre paffen wird. Darin zeigt sich, wie geschickt Myers auf dem schmalen Grat zwischen Verlust und Liebe wandeln kann.

Der zweite Song „Bride and Groom“ ist eine Ballade über die Hochs und Tiefs der Ehe, dem ständigen Besorgtsein, ob der andere noch glücklich ist. Das Instrumentalspektrum bewegt sich dabei zwischen ruhiger Akustikgitarre, warmen Piano-Klängen und – so wie im dritten Track „City Sleeps“ – sanften Streichern. Dazu die Stimme Joseph Myers, mal zart, schon fast zerbrechlich, dann aber wieder mit Kraft und Dreck im Timbre.

Es eröffnet sich dem Hörer eine melancholische Reise durch das Leben des jungen Mannes, seine Reue über verpasste Chancen und seine liebevollen Erinnerungen. Ohne tief in die Kitschtruhe greifen zu müssen, versteht der Singer-Songwriter zu rühren und ein bittersüßes Lächeln auf die Gesichter seiner Zuhörer zu zaubern. Denn so schwermütig sich das alles anhört, so leicht gelingt es ihm, dem Ganzen stets einen positiven, verträumten Klang zu schenken. Schließt man beim Hören die Augen, Joseph Myers könnte auch mit seiner Gitarre direkt neben einem sitzen.

Zwischendurch gibt es aber auch Songs, die nicht unmittelbar mit dem Verlust der Großeltern zu tun haben. Beispielsweise das hörenswerte Duett „Rescue Me“ mit der Berliner Singer-Songwriterin Illute, bei dem die Stimmen der beiden Solokünstler zu einer samtigen Einheit verschmelzen und so nicht nur textlich, sondern auch akustisch den Inhalt perfekt widerspiegeln.

Ähnlich positiv ist der Song „Why Bother“, ein klassisches Liebeslied, welches schlicht sagt: Wir gehören zusammen – wieso also Sorgen machen?, und dieses Gefühl des Kopfüberhineinspringens in eine Sache herrlich zum Ausdruck bringt.

Joseph Myers (© Maik Reishaus)

Joseph Myers (Copyright: Maik Reishaus)

Und dann kommen wieder emotionale Herzensbrecher wie etwa „Elizabeth“ – in dem der Tod der Großmutter behandelt wird – oder „Grandma’s Eyes“, der das Pendant für den Großvater darstellt. Mit ehrlichen Worten und einem musikalisch reduzierten, klaren Arrangement, getreu dem Motto „weniger ist mehr“, sowie der leicht angerauten Stimme, die sich wärmend um einen legt, wie ein weicher Pullover, sind diese beiden Lieder wohl die Herzstücke des Albums, die einem einen Kloß im Hals wachsen lassen.

Entlassen werden die Zuhörer mit einem leisen Schlaflied für die Nichte des Künstlers, in der die grenzenlose Liebe von den Großeltern, über den Enkelsohn hinüber in die nächste Generation getragen wird. Und einen besseren Ausklang hätte es für „Against The Sea“ wohl nicht geben können.

Anspieltipps
Rescue Me | Lost In The Crowd | Grandma’s Eyes

Video

Trackliste

01 Down Here
02 Bride And Groom
03 City Sleeps
04 Unseen
05 Rescue Me (feat. Illute)
06 Elizabeth
07 Homeless
08 Why Bother
09 Lost In The Crowd
10 Grandma’s Eyes
11 Until Bad Dreams Are Done

Details

Joseph Myers – Website
Joseph Myers – Facebook

Label: Timezone Records
VÖ-Termin: 30.09.2016
Spielzeit: 38:05

Copyright Cover: Timezone Records



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.