Review

Es soll ein persönliches, ehrliches und kritisches Album sein, die neue Veröffentlichung „Ich“ von Joachim Witt. So heißt es im Infoschreiben und nach dem ersten Hördurchgang mag man dies so unterschreiben wollen. Was „Ich“ darüber hinaus aber vor allem ist? Es ist ruhig. Stellt sich die Frage, ob „Ich“ zu ruhig ist, um die Botschaften der Texte an die Hörer transportieren zu können.

Die Frage kann sowohl bejaht als auch verneint werden, denn natürlich tragen repetitive Phasen, Stille und Spoken Word-Passagen zur Wirkung der Lyrics bei, gleichzeitig droht das Album dadurch zu oft der Eintönigkeit zu verfallen, sodass einige Hörer während der Reise durch „Ich“ verloren gehen könnten. So wichtig Witts Botschaften sein mögen, so wirkungslos und ohne ausreichend Energie werden diese außerdem zeitweise vorgetragen. Diesbezüglich hat man Joachim Witt schon deutlich besser erlebt.

Bereits erwähnte Eintönigkeit klammert auf „Ich“ allerdings nicht den Abwechslungsreichtum aus. So trifft Pop auf Electronica und Weltmusik-Elemente. Alles – produktionstechnisch und kompositorisch – harmonisch zusammengebracht.

Im Kontext der sonst doch recht tiefsinnigen, meinetwegen auch pseudointellektuellen und kritischen Texte mit Pathos und Poetik setzt Witt auf Kontraste, die mit Textzeilen wie „jedem wird schlecht und jeder scheißt, das macht die Menschen noch lange nicht gleich“ („Wieviel Mal noch“) zum Ausdruck gebracht werden. Diese Mischung aus Poesie und Direktheit belebt das Album regelmäßig wieder.

Neben Monotoniefallen wie der Song „Es wirbeln die Äste“ eine ist, gibt es aber auch den unverkennbaren Witt, herauszuhören gleich im Opener „Über das Meer“. Außerdem erinnern einige Stücke stilistisch an den Edeka-Werbesong (feat. Friedrich Liechtenstein) „Supergeil“.
Insgesamt ist die erste Hälfte des Albums gefälliger und melodischer ausgefallen als der weitere Verlauf von „Ich“. Dieser Eindruck mag aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Aufmerksamkeit des Hörers zu Beginn noch vollständig vorhanden ist, mit zunehmender Spielzeit jedoch einiges an Konzentration erfordert. „Ich“ ist damit kein Album, das man in Dauerschleife rauf- und runterhören möchte; vielmehr bietet sich ein Hören unter Kopfhörern an, während man sich ausreichend Zeit für Texte und Musik nimmt.

Joachim Witt (Copyright: Marcel Gothow)

Joachim Witt (Copyright: Marcel Gothow)

Zusätzlich zur CD hält Joachim Witts Album „Ich“ noch eine DVD parat. Keine große Ausbeute, eher ein Appetizer, dem jedoch – wie der Titel „Auszug aus der kommenden DVD „Wir – Joachim Witt live 2015″“ schon verheißt – mehr Werbefaktor als Aussagekraft anhaftet.
Immerhin knapp 24 Minuten dauert diese „Werbemaßnahme“, bestehend aus den drei Liveperformances der Songs „Supergestört und superversaut“, „Sonne hat sie gesagt“ und „Tri-Tra-Trullala (Herbergsvater)“, dem 1982er NDW-Hit des Musikers. Ausreichend Zeit, um sich einen ersten Eindruck von dem Mitschnitt zu machen, der eventuell die Kaufentscheidung für die im Herbst 2015 kommende DVD-Vollversion beeinflussen können wird.
Inwiefern diese nach der Durchsicht der „Bonus-DVD“ jedoch positiv ausfallen wird, bleibt abzuwarten, denn obschon die Tonqualität überzeugt, mangelt es dem Bild oftmals an gestochener Schärfe. Während die Nahaufnahmen meist glasklar die Ikone Witt auf den heimischen Bildschirm projizieren, wirken einige Sequenzen auch mal unscharf. Diesbezüglich hat es vor allem den Drummer erwischt, der während des gesamten ersten Songs „Supergestört und superversaut“ nur wie durch einen Schleier erahnbar ist.
Was die Bühnenperformance angeht, so ist Witt selbst als gestandener Mann eine gewisse Präsenz schon grundsätzlich nicht abzustreiten und auch das Alter des Meisters ist zu berücksichtigen, nichtsdestotrotz wären doch etwas mehr Aktionen und insbesondere Interaktionen für einen derart bühnenerfahrenen Musiker willkommen gewesen – auch in einer überschaubaren Location wie dem Grünspan in Hamburg, wo die Mitschnitte am 21. und 22. Februar 2015 aufgenommen worden sind.
Zusammenfassend bleibt zu sagen: nette Zugabe, die allerdings die Intention von Bonusmaterial verfehlt und stattdessen wie ein langer Werbetrailer zur bald veröffentlichten gesamten DVD wirkt.

Auf „Ich“ übt Joachim Witt Kritik, er tut dies jedoch sehr leise. Umso deutlicher fallen zuweilen Sprache und Intentionen der Texte aus. Musikalisch hingegen schafft es der Musiker nicht immer, aufzurütteln. Monotone Songstrukturen ist man als Witt-Hörer zwar gewohnt, selten verfielen diese Momente jedoch der Eintönigkeit. So ganz will das auf „Ich“ nicht funktionieren. Wer zudem nach einer etwaigen Hymne oder einem potenziellen Klassiker sucht, wird nicht fündig werden. Nur im Ansatz schöpft man das Potenzial guter Melodien aus. Die zusätzliche DVD ist der Erwähnung nicht wert.

Video

Tracklist

CD:
01 Über das Meer
02 Was soll ich dir sagen
03 Warten auf Wunder
04 Bitte geh mir aus dem Weg
05 Hände hoch
06 Lagerfeuer
07 Wieviel Mal noch
08 Tod oder Leben
09 1971 oder ein Mädchen aus Amerika
10 Es wirbeln die Äste
11 Alles was ich bin
12 Olé (Klub)
13 Nachtflug

DVD:
Auszug aus der kommenden DVD „Wir – Joachim Witt Live 2015“
01 Supergestört und superversaut
02 Sonne hat sie gesagt
03 Tri-Tra-Trullala (Herbergsvagter)

Details

Joachim Witt – Homepage
Joachim Witt – Facebook

Label: Oblivion / SPV
Vö-Termin: 28.08.2015
Spielzeit: 58:02 (CD) + 23:32 (DVD)

DVD-Infos:
Format: DVD 5
Ton: 2.0 PCM Stereo / 5.1 Dolby Digital
Bild: PAL / 16:9

Copyright Cover: Oblivion / SPV



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde