Review

Jinjer bestehen erst seit 2010, doch bringen sie mit „King of Everything“ schon ihr drittes Album auf den Markt. Die Ukrainer rund um Frontfrau Tatiana sind recht progressiv und direkt unterwegs, ihr Death Metal-/Hardcore-Mix paart sich mit groovigen Filetstücken. Schaut man sich die Lieblingsbands der Truppe an, so stehen da Lamb of God, Gojira, Chimaira, All Shall Perish oder auch Guano Apes. Kann man diese Bands auch auf „King of Everything“ erwarten? Teilweise schon, doch Jinjer setzen dank Funk-, Reggae- und Jazz-Einflüssen noch einen drauf.

Der Opener „Prologue“ erinnert an Soulfly – etwas mystisch und dank Tomgespiele schön treibend. Tatianas Stimme zeigt sich bereits jetzt von ihrer besten Seite; ein leichter sexy Faktor nicht ausgeschlossen. Ihre jazzigen Ansätze passen perfekt in das Konzept der Band und setzen ein dezentes Ausrufezeichen. Napalm Records hat sich mit Jinjer stimmlich also schon mal einen Leckerbissen geangelt.

Das Intro macht Spaß auf mehr, zeigt aber noch nicht unbedingt, wo die Reise hingeht, denn bereits im Folgesong „Captain Clock“ geht es deutlich blastiger und tiefer zu.

Obwohl nur ein Gitarrist, Roman, am Start ist, kracht die Platte ordentlich. Man hat nicht das Gefühl, dass irgendwo noch Luft für mehr Sound wäre. Wir finden einen sehr modernen Mix mit Platz für Natürlichkeit vor. Drummer Dmitriy sieht schmächtig aus, kann aber schnell und präzise in die Felle schlagen. Größtenteils gibt es treibende und groovige Schlagzeugarbeit, die sich wirklich sehen bzw. hören lassen kann.

Wie oben bereits erwähnt, wird es gelegentlich auch mal jazzig oder funky. Man könnte gar Funkmetal daraus machen. „Words of Wisdom“ geht in diese Richtung und besitzt zudem einen gewissen Noiseanteil. Immer wieder fasziniert Tatiana mit ihrem Facettenreichtum. Vom Growl direkt in einen angerauchten Gesang zu wechseln, kann auch nicht jede(r).

Jinjer (Copyright: Yuriy Malenko)

Jinjer (Copyright: Yuriy Malenko)

Hat man „King of Everything“ einmal durchgehört, so merkt man eins: Die Band kränkelt an ihren derben und brutalen Riffs, die oft sehr standardisiert klingen. Die technischen Voraussetzungen zeigen etwas anderes. Hier wäre viel Potenzial für weitaus kreativere Musik vorhanden. Dabei will man den Brutalo-Faktor gar nicht runterspielen, der ist genau richtig, aber wenn sich bestimmte Riffs durch den ganzen Song ziehen, weil sie brutal sind, ist das einfach nur schade. Viel Chuc-Chuc Djent-Riffing sei dank klingen Tracks wie „I Speak Astronomy“ nach Periphery zu ihren harten Zeiten. Jinjer legen allerdings eine heftige Schippe an den Drums drauf, denn Dmitriy blastet und probiert gerne aus. Am Bass liefert Eugene super ab. Ihm wird aber auch der Raum für sein Instrument gelassen. Zum Ende wird es in dem Song noch einmal sehr gefühlvoll. Die Band hat schon was drauf, verpasst aber, die guten Elemente etwas raffinierter auszubauen.

Diesen Song und „Sit Stay Roll Over“ kann man dennoch getrost als Hörempfehlung herausgeben. Gerade der zuletzt genannte dient als Referenz für das gesamte Album: bekannt moderne Riffs mit derben Drums und heftiger Stimme darüber. Freut euch außerdem auf den letzten Track „Beggars‘ Dance“. Hier zeigen Jinjer noch einmal Muskeln.

Jinjer sind eigentlich eine richtig gute Band. Viel Power, sehr moderne Ansätze und dennoch drücken sie ihre Wurzeln durch. Einzig die sich oftmals ähnelnden Riffs, die ebenso häufig im Chuc-Chuc Einheitsbrei versinken, sind etwas lästig. Dennoch eine Band, die man gehört haben sollte, denn hier ist noch viel Potenzial vorhanden.

Preview

Tracklist

01 Prologue
02 Captain Clock
03 Words of Wisdom
04 Just Another
05 I Speak Astronomy
06 Sit Stay Roll Over
07 Under the Dome
08 Dip a Sail
09 Pisces
10 Beggars‘ Dance

Details

Jinjer – Homepage
Jinjer – Facebook
Jinjer – Twitter

Label: Napalm Records
Vö-Termin: 29.07.2016
Spielzeit: 43:19

Copyright Cover: Napalm Records



Über den Autor

Marcus
Marcus