Review

„Melancholisches Klavierspiel trifft auf kühle elektronische Elemente, zarte Stecknadel-Passagen auf große Popmomente“, so kündigt die Pressemitteilung das Album „Human Touch“ des Duos I Want Poetry – definitiv passend beschrieben – an.

Dass es sich dabei um ein Debütalbum handelt, ist angesichts der gelungenen und soundtechnisch professionell dargebotenen Kompositionen kaum zu glauben, aber wahr. Ebenso überraschend sind I Want Poetry in Dresden beheimatet – und klingen doch äußerst „international“.

Dies erreichen sie sowohl durch die Zusammenarbeit mit Lana Del Rey-Toningenieur Kieron Menzies aus Los Angeles, als auch durch die Kombination von Indie-Pop, ätherischen Ambient-Elementen und dramatischen Neoklassik-Einflüssen.

Die Songs

Das Ergebnis sind elf hier zu findende stilistische Hybride, von denen „Growing Pains“ den Anfang macht. Mit diesem sehr atmosphärischen, gefühlvollen und eindringlichen Titel gelingt I Want Poetry ein brillanter Einstieg in ihr Album. Das Projekt lädt seine Hörer damit förmlich ein, weiter in ihre hier gebotene Welt einzutauchen, und macht Lust auf mehr; vor allem mehr Lust darauf, sich von den berührenden Melodien und dichten Klangteppichen auch im weiteren Fortgang (auf positive Art) einlullen zu lassen.

Weniger melancholisch, aber ebenso gelungen geht es sodann mit „Water“ und mit dem eindringlichen „Adrenaline“ weiter, ehe sich mit „The World Within“ ein rein instrumentales Klavierstück anschließt. Obwohl oder gerade weil auch in den übrigen Titeln das Klavier zumeist eine sehr dominante Stellung einnimmt (bestes Beispiel ist dafür das abwechslungsreiche „Bolts of Lightning“), fügt sich das Instrumental harmonisch in den Albumkontext ein und lässt seine Zuhörer träumen.

Wie eine gefühlvolle Erzählung erklingt dann „Chandler“ aus den Boxen, gefolgt von „For The Night“, mit dem I Want Poetry deutlich an Tempo zulegen und sich sogar tanzbar geben.

Lebhaft setzt „Islanders“ den Reigen an eingängigen Songs mit Gänsehaut-Potenzial fort, während „Aurora“ gar weltmusikalische und (wie bereits zuvor zu hören) auch tribal-artige Züge annimmt.

Von >Human Touch< getoucht

„Wir können nicht anders, als berühren und berührt zu werden.“, sagt Sängerin Tine von Bergen und führt ferner aus:

I Want Poetry (Copyright: Sandra Ludewig)

„Jeder Song auf ‚Human Touch‘ beschreibt einen anderen Aspekt der menschlichen Berührung: der Gefühlsrausch, wenn man einander zum ersten Mal berührt, die Begegnung mit dem Inneren Selbst, und dass wir alle verbunden sind, miteinander, mit der Natur, mit allem was uns umgibt.“

Bei so viel inhaltlicher Tiefe fällt das Album mit knapp 40 Minuten überraschend kurzweilig aus, weiß in dieser Zeit aber in der Tat zu berühren.

Fazit

Mal sphärisch-ruhig, mal eingängig-dynamisch besitzen die Songs allesamt das Potenzial, zu Tränen zu rühren oder zumindest unter die Haut zu gehen. Nicht immer schöpft man dies aber vollständig aus. So hätten einige Tracks stellenweise noch ein My intimer, eindringlicher und emotionaler ausfallen können.

Teilweise mag es aber auch daran liegen, dass all die Intimität, Eindringlichkeit und Emotionalität zwar vorhanden ist, aber in letzter Konsequenz vor allem stimmlich nicht immer entsprechend an die Hörer transportiert werden kann, wie man es sich vielleicht erhofft und erwartet hätte. Das bedeutet nicht, dass der Gesang nicht gut genug ist. Das Gegenteil ist der Fall. Da man es hier nicht mit einer 08/15-Stimme zu tun hat, könnte dies jedoch gleichsam gewöhnungsbedürftig sein oder zunächst befremdlich klingen. Ein mehrmaliges Hören schafft diesbezüglich schnell Abhilfe, während die elf Titel sowieso zum wiederholten Hören einladen.

Video

Tracklist

01 Growing Pains
02 Water
03 Adrenaline
04 The World Within
05 Chandler
06 For The Night
07 Bolts Of Lightning
08 Islanders
09 The Sensual
10 Aurora
11 Under The Radar

Details

I Want Poetry – Homepage | I Want Poetry – Facebook

Label: recordJet
Vö-Termin: 20.11.2020
Spielzeit: 39:57

Copyright Cover: I Want Poetry / Elisabeth Mochner



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde