Review

Mit „Form und Zweck“ erhält man zweifelsfrei wohl eine der bemerkenswertesten Platten, die 2016 aus deutschem Lande kamen. Human Abfall haben ihre übliche Punk-Attitüde um ein paar Gänge zurückgeschaltet und befassen sich nun mit simplem, aber effektivem Songwriting inklusive griffiger Riffs, scharfer Texte und einer ordentlichen Portion musikalischem Freischaffen.

Vielleicht gestaltet sich der Sound des Quartetts für den einen oder anderen zunächst gewöhnungsbedürftig. Dazu sei jedoch gesagt, dass man sich viel schneller in „Form und Zweck“ einfindet, als man zunächst erwartet hat.
Human Abfall dreschen nicht sofort drauflos, sondern gehen mit Bedacht an ihre dreizehn Titel heran. Ergebnis: Ein dezentes Arrangement, welches zwar oft von Wiederholungen lebt, worunter die Abwechslung aber zu keinem Zeitpunkt leidet.

Den repetitiven Charakter tragen Human Abfall bereits beim Song „Bequeme Stellung“ nach außen. Ein durchgehendes Riff peitscht dem Hörer im psychedelischen Stil um die Ohren. Hier hat man schon zu Beginn das Gefühl, in der Musik zu versinken, was auch dem Titel und den Texten entspricht.

Bei anderen Tracks könnte man annehmen, dass Human Abfall mit ihrer Musik einen Schritt weiter nach vorne gegangen sind. So erinnern viele Passagen durch die mit Reverb-Effekten versehenen Gitarren an Post-Punk der 70er, während der Sound allgemein durch moderne Elemente immer noch frisch gehalten wird.

Doch nicht nur der fesselnde Groove des Schlagzeugs und der brummende Bass, der regelmäßig griffige Linien von sich gibt, bringen „Form und Zweck“ so richtig zur Geltung. Ebenso bildet der markante Gesang ein Highlight des Albums. Nun ja, man singt hier weniger, als dass man die Texte mit bewussten Akzentuierungen rezitiert. Dabei schalten Human Abfall zwischen einer nüchternen, ruhigeren und einer viel aggressiveren, fast schon radikalen Stimme hin und her. So erscheinen die Lyrics mit viel mehr Charakter und spiegeln die jeweilige Thematik passend wider.

Genau so, wie an die immer wiederkehrenden Passagen, mit denen man es in „Realismus Verpflichtet“ übrigens auf die Spitze treibt, muss man sich auch an die Lyrics erst einmal gewöhnen, aber schon nach kurzer Zeit ist man den exzentrischen und manchmal sarkastischen Texten verfallen. Thematisch sollte der Titel „Q: Wo Ist Franz? A: Im Dschihad“ nicht gerade Sprünge machen, aber die schon fast fröhlichen Klänge und Rhythmen treten dem deutlich entgegen. Hier greift auch wieder der eigenwillige Humor von Human Abfall, von dem man halten mag, was man will. So auch im Schlusslicht „Wir Hatten So Viele Pläne“, in dem es um eine Beziehung geht, aus der einfach die Luft raus ist. Augenzwinkernd beschreibt man hier ziemlich deutsch, dass auch im Urlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte nur „gekocht und gespült und gespült und gekocht“ wird.

Human Abfall (Copyright: Human Abfall)

Human Abfall (Copyright: Human Abfall)

Die Songs bringen es einfach auf den Punkt und obendrein stimmt auch noch das Arrangement. Der Bass rollt nur so durch „Montags“, worüber sich dezente Gitarren legen, während lyrisch die Zerbombung Dresdens im Jahre 1945 auf die aktuelle Situation der fremdenfeindlichen Demonstrationen transkribiert wird. Mit „Zurück Zum Brutalismus“ geht es musikalisch dann mit rauem Noise-Punk doch noch mal einen Schritt zurück.

Auf „Form und Zweck“ schließt sich der Kreis und wie jede geometrische Figur ohne Anfang oder Ende geht es direkt wieder los. Dieses Album läuft so rund, dass man direkt wieder auf den Zug aufsteigt, mit dem Human Abfall einen durch ihre verdrehten, hysterischen, aber auch bunten Soundlandschaften fahren. Und natürlich darf man nicht die Garantie für Ohrwürmer vergessen. So hört sich Musik an, die weitab der eigenen Grenzen agiert.

Video

Trackliste

01 Knietief Im Falschen
02 Bequeme Stellung
03 Denken lernen!?
04 Montags
05 Es Ist, Wie Es Ist
06 Realismus Verpflichtet
07 Von A Nach B
08 RTLM
09 Neu Leben
10 Q: Wo Ist Franz? A: Im Dschihad.
11 Form Und Zweck
12 Zurück Zum Brutalismus
13 Wir Hatten So Viele Pläne

Details

Human Abfall – Facebook

Label: Sounds Of Subterrania / Cargo Records
Vö-Termin: 29.04.2016
Spielzeit: 36:45

Copyright Cover: Sounds Of Subterrania



Über den Autor

Christopher