Review

Mit ihrem gleichnamigen Debütalbum und dem Nachfolger „Aokigahara“ haben Harakiri For The Sky den Weg für den Post Black Metal geebnet und pflastern diesen nun mit soliden Stücken aus ihrem dritten Longplayer „III: Trauma“.

Das Konzept verträumter und depressiver Melancholie zieht sich durch alle Stücke; der Opener „Calling The Rain“ beginnt mit einem ruhigen, aber markanten Intro, dem die typische Gitarrenwand folgt wie der Regenguss dem ankündigenden auffrischenden Wind. Die ruhigen Strophen werden von fast sanften Riffs getragen, die dabei unbemerkt den gewittrigen Druck aufbauen, während das Thema in einer rhythmischen Bridge retardiert und sich am Ende in einem „fuck my life!“ entlädt. So reitet man interpretatorisch wie der Erlkönig durch das mit 11 Minuten und 28 Sekunden längste Stück des Albums und hat damit ein Abbild der Spannung, die sich beim Hören aufbaut, und die Professionalität des Duos M.S. und J.J., die jede Sekunde genießen lässt.

Das Tempo wird in „Funeral Dreams“ beibehalten, das in expliziten und verstörenden Darstellungen alles Schlechte dieser Welt in Doublebasskaskaden auf den Zuschauer einprasseln lässt. Bilder von Drogen, Waffengewalt, Kriegsverstümmelten, Exekutionen, Umweltverschmutzung brennen sich unterstützt von einfachen Ton- und Tempowechseln ins Gedächtnis, während die Lyrics in einfallsreichen Umsetzungen dargebracht werden. „This city will be the death of me“ werden die Abgründe der modernen und durch Digitalisierung nicht mehr nur großstädtischen Gesellschaft moniert – untermalt mit glasklar gespielten Melodien und sauber abgestimmten Einsätzen. So positiv das instrumentale Erlebnis ist, so drückend ist die für Harakiri For The Sky so typische Stimmung, die sich durch den düsteren, mal verbitterten und mal anklagenden Gesang und die emotionalen Texte als Mörtel in der Soundwand aufbaut.

Der dritte Titel „Thanathos“ beginnt wieder mit ruhigem Intro, um dann mit gesammelter Instrumentierung loszulegen und eine Geschichte von Erkennen und Enttäuschung zu erzählen. Überraschendes Alleinstellungsmerkmal dieses Songs ist ein Zwischenpart mit Klargesang sowie das finale Shouten „I’m a ghost now“ in fesselnd rhythmischem Bassbett.

„The Traces We Leave“ startet wieder mit Piano und wettert daraufhin kräftig los. Ebenfalls mit Video veröffentlicht erzählt er bildlich von Tod und Verwesung in bizarren Stillleben und mahnt textlich die Verantwortung eines jeden Einzelnen für unser Miteinander: „I am involved in mankind, and so are you“. Positive Ambition, wäre da nicht der Harakiri For The Sky-Stempel „but I chose darkness…“. Mit 8 Minuten 33 Sekunden ist das übrigens der kürzeste Song auf dem Album.

Harakiri For The Sky (Copyright: Harakiri For The Sky)

Harakiri For The Sky (Copyright: Harakiri For The Sky)

„Dry The River“ ist eine epische Erzählung, in getragenem Gestus wie ein Trauermarsch, die bei aller Düsternis fast tröstlich und mit der Einsicht daherkommt: „You can stop now, leading me up the garden path / I’m awoken, I see all people behind their masks“, nur um am Ende den Schuss fallen zu lassen.

Der Schlusstrack „Bury me“ steigt ausnahmsweise ohne Intro direkt in melancholisch schwere Melodien ein und schließt mit „Bury me in this starlit, cold waters“ den Kreis des Regens – oder Traumas? – mit „I’m going home now!“.

„III: Trauma“ ist ein perfekt konzipiertes und arrangiertes Album möglicherweise ohne einzelne herausragende Hits, sehr wohl aber mit immer wieder beeindruckenden Momenten und viel Wiedererkennungswert in jedem Track für sich wie auch im Gesamtpaket. So haben Harakiri For The Sky so manche Erwartung an ihre steile Karriere nicht erfüllt und gleichsam doch übertroffen in ihrer ganz eigenen Farbgebung. „Some guys […] start dying little by little, piece by piece“ heißt es in „Funeral Dreams“ – hoffentlich kehren die Jungs das um und werden weiterhin Stück für Stück immer noch besser, während wir uns am aktuellen Album ergötzen.

Video

Tracklist

01 Calling The Rain
02 Funeral Dreams
03 Thanathos
04 This Life As A Dagger
05 The Traces We Leave
06 Viaticum
07 Dry The River
08 Bury Me

Details

Harakiri For The Sky – Facebook

Label: Art Of Propaganda
Vö-Termin: 22.07.2016
Spielzeit 73:10

Copyright Cover: Art of Propaganda / Tristan Svart



Über den Autor

Maria
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Tunichtgut von Welt