Review

Hämatom stellen auf ihrem neuen Album nüchtern fest: „Die Liebe ist tot“.

Nach diversen erfolgreichen Veröffentlichungen (darunter u.a. das Best-of „X“, das Studioalbum „Maskenball“, das Live-Album „Maskenball live“ oder das Akustikalbum „Berlin. Ein akustischer Tanz auf dem Vulkan“) zeigt die Band nicht nur erneut ihre zornige Seite. Durch ihre Genre übergreifende Kollaboration mit den 257ers blickt das Quartett zudem über den Tellerrand hinaus und geht neue Wege.

So liegen auf der neuen Scheibe in zehn Tracks Liebe und Hass ganz nah beieinander. Das verdeutlicht auch die Presseinfo, die ankündigt:

Die zehn Songs des neuen Albums sind kompromisslos und unmissverständlich.
Die Band, die das Salz nicht nur auf die Wunde streut, sondern es auch ganz tief reinreibt, ist angetreten, um uns aus der Schockstarre zu rütteln. Mit neuen Melodien, neuen Masken und der vertrauten Energie geht es wieder los. Es wird laut, hart und aufregend.
Erneut produziert von Vincent Sorg (Die Toten Hosen, Broilers, In Extremo uvm.), drehen sie in ihrem so mitreißend wie unerbittlich klingenden Sound die Gesellschaft auf links, rechnen mit allem ab, lassen nichts ungesagt.

Die Tracks

Eröffnet wird „Die Liebe ist tot“ durch den Song und das Statement „Dagegen“. Das Intro, gesungen von einem Kinderchor, dessen Zeilen „Sag mir wo die Liebe ist. Wie lang ist sie schon tot?“ von Electrosound begleitet werden, besitzt einen epischen Charakter und könnte perfekt als Eröffnungslied bei einem Konzert verwendet werden. Die Strophen sind sowohl von der Geschwindigkeit als auch von der Härte her unerbittlich und kämpferisch. Der Refrain ist hingegen etwas ruhiger und langsamer mit ausschweifendem Gesang. Ein Auftakt nach Maß, der Lust auf mehr macht.

In „Jeder gegen jeden“ wird ebenfalls konstatiert, dass die Liebe schon lange tot ist. Vor allem wird hier aber die Ellenbogen-Gesellschaft überspitzt dargestellt. Frontmann Nord transportiert durch seinen teils brutal klingenden Sprechgesang sehr gut die Aggressivität und Unnachgiebigkeit, die im Text beschrieben wird: „Und willst du […] nicht mehr mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“. Der Refrain ist sowohl musikalisch als auch textlich sehr eingängig. Gegen Ende des Songs gibt es einen halbminütigen Instrumentalpart, bei dem die Gitarre besonders heraussticht.

Vorurteile greift der Song „Ihr wisst gar nichts über mich“ auf. Der erste Teil des Intros besteht aus mehrstimmigem A cappella-Gesang, welcher von schrammenden Gitarren- und vorantreibenden Schlagzeugklängen abgelöst wird. In den Strophen tut man sich teilweise schwer, den Text zu verstehen, da man beim Sprechgesang den Eindruck hat, dass die Worte sich überschlagen. Der Refrain ist wiederum sehr eingängig und lädt zum Mitsingen ein.

Fast schon ein bisschen romantisch wird es in dem etwas anderen Liebeslied „Liebe auf den ersten Fick“. Die Melodie des Intros und des Instrumentalparts erinnert ein bisschen an einen 80er-Jahre Song. Text und Melodie sind im Refrain wieder extrem eingängig und machen den Song zu einem Ohrwurm. Besonders erwähnenswert ist zudem das ausgiebige Gitarrensolo.

Die Aussage des Tracks „Ich hasse euch alle“ ist wohl unmissverständlich. Betrachtet man den Song rein von der musikalischen und gesanglichen Seite, erlebt man hier aber wohl eine Enttäuschung. Zu Beginn des Songs sind nur vereinzelt verzerrte Gitarrenklänge zu hören, welche die Ansprache von Nord begleiten. Die Instrumentierung scheint ein einziges Geschrammel zu sein. Hier geht es lediglich darum, der angestauten Wut Ausdruck zu verleihen.

Für „Ficken unseren Kopf“ wurde – wie eingangs erwähnt – mit den 257ers zusammengearbeitet. Diese übernehmen den Rap-Part des Songs. Nach der Veröffentlichung des Videos gab es Kritik von einigen Fans, dass der Rap-Part nicht zum Song passen würde. Diesbezüglich kann man nur klar widersprechen: Der Song hat enormes Ohrwurmpotenzial und wird live die Massen sicherlich zum Kochen bringen. Denn der Track ist ein absoluter Partykracher und gleich zu Beginn des Songs bekommt man schon den Refrain um die Ohren gehauen.

Hämatom (Copyright: Hämatom)

Ein Song, der vom Text her nur so vor Gewalt und Aggressivität strotzt ist „Zahltag“. Der Flow und die Instrumentierung im Intro und in den Strophen lassen den Eindruck entstehen, dass es sich dabei erneut um einen Rap-Song handelt. Auch der Text in den Strophen wird in einer Art Rap bzw. Sprechgesang dargeboten. Im Refrain ist ein Kinderchor zu hören, welcher im Hintergrund den Sprechgesang von Nord begleitet. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten und so ist jedem selbst überlassen, ob man sich den Song mehrfach zu Gemüte führen möchte.

Ein episches Intro mit futuristischem Synthesizer-Sound bekommt „So wie wir“ verpasst. Die Strophen sind in der typischen Hämatom-Härte vorantreibend. Im Refrain besitzt der Titel fast schon Hymnen-Charakter und der Text lässt sich hervorragend mitsingen. In ihrer rotzig-frechen Art rechnen Hämatom dabei mit ihren Neidern ab.

Seine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen, rät „Ich will erst schlafen wenn ich tot bin“. Während die Strophen ein wenig vor sich hin plätschern und den Song in die Länge ziehen, kann sich der Refrain hören lassen. In gewohnter Manier geben Hämatom Vollgas und animieren die Hörer:innen zum Mitsingen.

Anfangs nur mit Akustikgitarre begleitet, zeigt Nord im Rauswurf „Zeit zu gehen“ schließlich auch noch seine weiche Seite.

Fazit

Hämatom üben ihre Kritik an der Gesellschaft herrlich ehrlich und direkt aus. Mit der nötigen Härte, Wut und einer Prise Wahnsinn bringen sie uns ihre Sicht der Dinge näher. Dabei dürfen auch Party-Hits wie „Ficken unseren Kopf“ nicht fehlen. Ebenso kommt die weiche Seite nicht zu kurz. Diesbezüglich darf man der geneigten Hörerschaft den Titel „Zeit zu gehen“ empfehlen.


Die Liebe Ist Tot

Video

Tracklist

01 Dagegen
02 Jeder gegen jeden
03 Ihr wisst gar nichts über mich
04 Liebe auf den ersten Fick
05 Ich hasse euch alle
06 Ficken unseren Kopf (feat. 257ers)
07 Zahltag
08 So wie wir
09 Ich will erst schlafen wenn ich tot bin
10 Zeit zu gehen

Details

Hämatom – Homepage | Hämatom – Facebook | Hämatom – Twitter | Hämatom – Instagram

Label: Anti Alles / Rough Trade
Vö-Termin: 03.12.2021
Spielzeit: 34:31

Copyright Cover: Anti Alles



Über den Autor

Selina
Carpe Noctem