Review

Da sind sie, die Recken der schwedischen Death-Legende. 19 Jahre nach „Slaughter Of The Soul“ veröffentlichen At The Gates ein neues Album und Hunderte Rezensenten unterschiedlichster Magazine, in dutzenden Sprachen beginnen so oder so ähnlich die einleitenden Worte zur ehrfürchtigen Besprechung.

Zu Recht, denn At The Gates ist schließlich nicht irgendeine Band. Nur wenige Formationen haben nach einer so kurzen Karriere und so abruptem Ende einen vergleichbaren Kultstatus erreicht wie die fünf Göteborger. Ähnlich wie Nirvana den 90er Rock formten, so prägten At The Gates den schwedischen Death Metal und fungieren bis heute als eine der größten Referenzen im Melodic Death und Metalcore. Ob die düsteren und ungestümen Jugendtaten „The Red In The Sky Is Ours“ und „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ oder das mainstreamigere, aber stilprägende „Terminal Spirit Disease“ und natürlich das immer wieder zitierte „Slaughter Of The Soul“, nur wenige Metaller dürften diese Alben nicht hoch und runter beten können. Nach dem Split im Jahr ’96 war jedoch nicht Schluss. Cradle Of Filth, The Haunted, Brujera oder Lock Up, in den knapp 15 Jahren Abwesenheit nicht auf ein At The Gates Mitglied zu treffen, war schon schwer. Von Szene-Größen zu sprechen könnte daher schon fast einer Untertreibung nahe kommen.

So, nun aber genug mit dem Bla-bla, bevor mir noch der Schleim aus der Tastatur quillt. Guten Tee gießt man für gewöhnlich mehrmals auf, so dachten sich das wahrscheinlich die Herren Lindberg & Co, als sie die Richtung für „At War With Reality“ angaben. Denn auch 2014 setzen At The Gates dort an, wo sie mit „Slaughter Of The Soul“ aufhörten.

Nach einem kurzen Intro geht man mit „Death And The Labyrinth“ direkt in die Vollen und man zieht das Tempo erst mal deutlich nach oben. Nach nullkommanix Überraschungen kommt dann im Anschluss durch den Titeltrack erstmals etwas At The Gates-Feeling auf. Da sind sie, diese zweistimmigen 6/8el Gitarren mit dieser dezenten skandinavischen Melancholie in der Melodie, verpackt in tonnenweise Moshpit reifen Grooves. Ja, da zuckt schon mal ein leichtes nostalgisches Grinsen über die Lippen.

At The Gates (Copyright: Ester Segarra)

At The Gates (Copyright: Ester Segarra)

„At War With Reality“ klingt in der Summe lupenrein nach At The Gates, dennoch ist das Album anders als seine Vorgänger. Glatter und polierter wirken die Tracks im Vergleich zu früheren Alben. Die Jahre sind an den Jungs gewiss nicht spurlos vorbeigegangen, denn da hat sich einiges an Routine herangeschlichen, welche sich versucht mit der jugendlichen Wildheit der frühen Tage abzuwechseln. Dass die Björler-Zwillinge eben nicht nur bei At The Gates die Federn schwingen, merkt man an den vielen The Haunted Verweisen, die immer wieder durchschimmern („The Circular Ruins“, „Upon Pillars Of Dust“). So wirken einige Songs bisweilen etwas energielos und einfach zu oft repetiert („Death And The Labyrinth“). Der dunkle Tunnel birgt jedoch auch Licht, denn „The Book Of Sand (The Abomination)“ hätte man auch gut auf „[…] Burning Darkness“ suchen können oder „The Conspiracy Of The Blind“ auf „Terminal Spirit Disease“. Aber reicht das, um den Braten fett zu machen?

Das Problem an „At War With Reality“ ist seine Beliebigkeit. Man versucht den Geist vergangener Tage neu einzufangen und Leben einzuhauchen, zitiert sich jedoch nur selbst, ohne frische Akzente zu setzen. Wie am Reißbrett konstruiert wirken manche Ideen, die hier das Songmaterial zusammensetzen. Doch letztendlich ist dieses einfach zu schwach, um dort anzusetzen, wo At The Gates uns mit „Slaughter Of The Soul“ verließen. Auch wenn man dies offenkundig versucht.

„At War With Reality“ würde wahrscheinlich im Dickicht der Veröffentlichungen untergehen, thronte nicht dieses prägnante und legendäre Logo auf dem Cover. Dennoch ist dies sehr wohl ein Leckerbissen für alle Fans und Nostalgiker, aber gewiss nicht der große Wurf, den sich viele davon erhofft haben und zu dem es wohl von manchen auch stilisiert werden wird. Drei objektive Punkte für ein sauberes, aber nicht wirklich relevantes Album und einen subjektiven halben Fanboy oben drauf. Mehr ist einfach nicht drin.

Video

Tracklist

01 El Altar Del Dios Desconocido
02 Death And The Labyrinth
03 At War With Reality
04 The Circular Ruins
05 Heroes And Tombs
06 The Conspiracy Of The Blind
07 Order From Chaos
08 The Book Of Sand [The Abomination]
09 The Head Of The Hydra
10 City Of Mirrors
11 Eater Of Gods
12 Upon Pillars Of Dust
13 The Night Eternal

Details

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Label: Century Media Records
Vö-Termin: 27.10.2014
Spielzeit: 44:16

Copyright Cover: Century Media Records



Über den Autor

Emu
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“Only nothing is impossible.” - Grant Morrison