Review

Das kanadische Urgestein Front Line Assembly hat sich noch nie davor gescheut, sich neu zu erfinden, Grenzen zu überschreiten und auch zwischen Genres zu switchen; standen sie doch schon seit jeher für ihren Entdeckergeist in Sachen Stil und Experimentierfreude. Diese Offenheit beweisen sie aufs Neue bei der aktuellen Scheibe „Mechanical Soul“.

Bill Leeb und Rys Fulber schrauben dabei wieder die Messlatte hoch und holten sich Jean-Luc DeMeyer (Front 242) und Dino Cazeres (Fear Factory) für Gastauftritte mit ins Boot.

Die Songs

Schon beim einleitenden „Purge“ ist deutlich die Handschrift von Rys zu vernehmen. Punktgenau und kalt bearbeitet der Track in alter EBM-Manier den Gehörgang des Zuhörers.

„Glass und Leather“ erinnert in der Aufmachung fast schon an eine dystopische Prophezeiung und auch „Unknown“ kriecht langsam, distanziert und anonym ins Ohr und vermittelt eine Art Hoffnungslosigkeit. Diese Stimmung zieht sich auch durch die Folgetracks und gibt die leblose Seele, die offenbar nur wie ein Uhrwerk funktionieren soll, pointiert wieder.

„Stifle“ ist eines der Kollaborationen mit dem Fear-Factory-Maestro Dino Cazeres und lässt deutlich dessen Gitarrensamples vernehmen.

Ein weiterer Track sticht deutlich aus der Songfolge heraus: „Barbarians“, welcher den 242-Frontmann DeMeyer präsentiert, gibt diesem Song durch dessen gehaltvolle Stimme eine neue, aber doch „frontmännische“ Richtung und bleibt nachhaltig im Gehörgang.

Front Line Assembly warten mit einer Überraschung auf und geben sogar deutsche Lyrics mit dem Folgetitel „Komm, stirb mit mir“ zum Besten. Sofort glaubt man der Message, wenn von „Angst in der Nacht“, „alles ist tot“ und „der Körper ist kalt“ die Rede ist und möchte dies an der Stelle erst gar nicht hinterfragen. Das Klangsystem hält sich dabei angemessen minimal und arbeitet damit nur die Endzeitstimmung ganz nach Front Line Assembly-Manier heraus.

Front Line Assembly (Copyright: Front Line Assembly)

Guter alter Synth-Industrial-Minimal-Mix wiederholt sich auch bei „Time Lapse“ und gibt einem in der Tat ein Gefühl, instrumental-flüsternd in eine Spirale gezogen zu werden, bevor man sich ganz in der Zeit verliert.

Abschließend dürfte „Hatevol“ im „Black Asteroid“-Mix jedem Freund von Old School-Noise-Klängen mindestens ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Hier wird noch einmal zum Ende hin richtig aufgefahren und nach einigen Sekunden Klangpause ein musikalischer Nachspann geboten, welcher der mechanischen Seele erlaubt, sich langsam zur Ruhe zu betten.

Fazit

Man hat das Gefühl, so sehr Front Line Assembly auch Offenheit zeigen und gerne experimentieren, dass sie hier deutlich wieder „back to the roots“ gehen und sich der eigenen Bandgeschichte besinnen. Die elf Tracks sind Zeugnis wahrer Dark Electro-Pioniere und bieten einen gesamten Abriss von deren Sample-Kunst.


Mechanical Soul

Video

Tracklist

01 Purge
02 Glass and Leather
03 Unknown
04 New World
05 Rubber Tube Gag
06 Stifle
07 Alone
08 Barbarians
09 Komm, stirbt mit mir
10 Time Lapse
11 Hatevol (Black Asteroid Mix)

Details

Front Line Assembly – Homepage | Front Line Assembly – Facebook |Front Line Assembly – Twitter

Label: Metropolis Records
Vö-Termin: 15.01.2021
Spielzeit: 57:49

Copyright Cover: Metropolis Records



Über den Autor

Daggy
Es war einmal...vor langer Zeit..., ein Mädel aus Bayern, das den Sprung von einer katholischen Klosterschule schaffte und ans andere Ende Deutschlands reiste. Dort absolvierte sie als eine der ersten Frauen ihren Dienst bei der Marine. Von dort aus führte ihr Weg zu ihrem jetzigen Job, der sie seither rund um die Welt führt. So lebte sie bisher in den USA (Atlanta), Berlin (ohnehin ihre Wahlheimat), Indien (Mumbai) und derzeit China (Peking). Dabei ist das Reisen, als auch das Fotografieren ein wesentlicher Teil von ihr. Das Ganze wird untermalt von ihren "exzessiven" Konzert- und Festivalbesuchen, denn Musik öffnet überall auf der Welt Tür und Tor.