Review

Berlin City Industrial

Der aktuelle Silberling „Love And Nihilism“ vom Berliner Kraftpaket Formalin beweist einmal mehr, dass die Jungs es schlicht beherrschen, Aggression und Atmosphäre gekonnt zu kombinieren. Ihr Sound klingt schmutzig, hat aber gleichzeitig Stil.

Auch im Jahr 2021 steht dieses Album exemplarisch für den ureigenen „Berlin City Industrial“, der zehn neue Songs auf dem nunmehr vierten Longplayer kanalisiert und einmal mehr die brachiale Energie, die den Jungs bereits von Anfang an enorme Erfolg bescherte, mehr als nur vorzeigbar macht.

Wiederholt zeichnet die Formation um Tom, Gabor und Cosmo ein endzeitlich-postapokalyptisches Bild der Welt und kombiniert dieses mit Akustik-Drum-Sounds und stechenden Elektrogitarren.

Über die Songs

Die hohe Qualität zieht sich durchweg durch alle Tracks und macht es schwer, einen „Favoriten“ zu küren. Aber schon der einleitend-titelgebende Song „Love And Nihilism“ bereitet musikalisch auf das vor, was Formalin aufgefahren haben.
Ruhig, aber bestimmt baut sich das Klanggefüge parallel zu den Vocals auf. Man wird regelrecht von gesampelten Gitarrenriffs „eingelullt“ und versteht gleich die Message – Flirting with Suicide, bei der Tom mit vollem Herzblut seine stimmliche Bandbreite einbringt.

„Faded“ und „Tear Down My Prison“ stehen dem in nichts nach und geben das Volumen in ähnlicher Struktur wieder.

Deutlich kraftvoll geht es mit „Rush“ weiter, in dem der Aggrotech einmal mehr Einzug hält und Körperteile zucken lässt.

„Iron Strings“ betont die Lyrics, spielt mit Samplern und unterlegt somit die fernklingenden Vocals. Hier zeigt sich das Können Formalins wiederholt, die sich sehr gut darin verstehen, mit dem Regler zu „spielen“.
Auch der Folge-Track „Never Fail“ ist im Gesamtgebilde wieder großartig und leitet direkt aggressiv wiederholt hin zum Thema.

„Warzone“ verdient dabei eine gesonderte Erwähnung. Beginnt dieser Song tatsächlich krachend-kriegerisch, geht er sehr überraschend in minimale Töne über, bevor diese von Drum-Sounds geleitet werden und mit dem Tempo anziehen. Weibliche Background-Vocals runden den Track ab.

Formalin (Copyright: Christoph Köstlin)

„Devil“ schließt gleich noch kraftvoller auf und kombiniert vor allem Djent in besonderer Dominanz mehr als passend.

Ruhigere Töne werden bei „Down Low“ angeschlagen und stimmen nachdenklich. Die Gitarren und Drums verleihen dem Konzept dabei deutlich Nachdruck und betonen die Düsternis insgesamt.

Das abschließende „Psychocandy“ fährt noch einmal richtig mit dem dem Album zugrunde liegenden Crossover auf und Formalin zeigen nochmals zum Ende, was in knapp 6 Minuten in Sachen Industrial, Pop-Einflüssen, einer Brise Djent und einer guten Würze Trap so machbar ist. Der Song hämmert sich förmlich ins Gehirn und sobald der Sänger „I know, you want me“ wiedergibt, bleibt da nur eines zu sagen: „Ja“ – und zwar uneingeschränkt.

Fazit

Die Berliner verstehen es, sich ihren Platz unter den „Großen“ immer wieder aufs Neue zu sichern – und der Erfolg gibt ihnen recht. Die Offenheit, neue Elemente einzubringen, bringt Abwechslung. Allerdings gibt es minimalen Abzug, da man in Teilen das Gefühl hat, Formalin seien etwas „zurückhaltend“. Man bekommt das Gefühl, da geht nach oben hin noch deutlich mehr und hofft stets auf noch mehr Power. Dennoch: Weiter so!


Faded

Video

Tracklist

01 Love And Nihilism
02 Faded
03 Tear Down My Prison
04 Rush
05 Iron Strings
06 Never Fail
07 Warzone
08 Devil
09 Down Low
10 Psychocandy

Details

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Label: Formalin Music
Vö-Termin: 11.06.2021
Spielzeit: 41:45

Copyright Cover: Formalin



Über den Autor

Daggy
Es war einmal...vor langer Zeit..., ein Mädel aus Bayern, das den Sprung von einer katholischen Klosterschule schaffte und ans andere Ende Deutschlands reiste. Dort absolvierte sie als eine der ersten Frauen ihren Dienst bei der Marine. Von dort aus führte ihr Weg zu ihrem jetzigen Job, der sie seither rund um die Welt führt. So lebte sie bisher in den USA (Atlanta), Berlin (ohnehin ihre Wahlheimat), Indien (Mumbai) und derzeit China (Peking). Dabei ist das Reisen, als auch das Fotografieren ein wesentlicher Teil von ihr. Das Ganze wird untermalt von ihren "exzessiven" Konzert- und Festivalbesuchen, denn Musik öffnet überall auf der Welt Tür und Tor.