Review

Na sieh einer an, da bekommen wir zum Sommerende sogar noch ein neues In Flames Album geboten.
Lang ist die Geschichte der fünf Göteborger und facettenreich noch dazu. Über ihre Bedeutung für den schwedischen Metal und die Etablierung des Melodic Death Metals brauchen wir hier jetzt nicht groß zu debattieren und auch nicht darüber, dass sie diese Gefilde längst verlassen haben. Darüber kann man gern enttäuscht sein, muss man aber nicht. In Flames spielen mittlerweile in höheren Ligen und diese Entwicklung haben sie in den letzten 20 Jahren kontinuierlich vorangetrieben. 20 Jahre, eine lange Zeit, um dort anzukommen, wo sie heute sind. Aber wo ist das überhaupt?

Bereits auf früheren Alben waren Elektronik-Einflüsse vertreten und spätestens seit „Reroute To Remain“ gehörten sie ins feste Soundgerüst. Nach dem etwas sperrigeren „Soundtrack To Your Escape“ hielt dann auf „Come Clarity“, heute Blaupause für jede Metalcore Band, der Pop seinen Einzug. In Flames wagten mehr Spielereien, wurden offener, zugänglicher, was sie auch deutlich erfolgreicher machte. Denn bei aller Wandlung schrieben sie dennoch weiterhin gute Songs, was auch bei der Industrie nicht gänzlich unbemerkt blieb, so wechselte man von Nuclear Blast zu Century Media und nun zum Konzernriesen Epic Records (u.a. Tory Amos, Avril Lavigne, Judas Priest).

„Siren Charms“ heißt das neue Werk der Schweden und stellt außerdem ihr bereits elftes Studio-Album dar.
„In Plain View“ läutet den Auftakt auch gleich mit einem Killer-Riff ein. Wie zu erwarten, wechselt das Geschehen etwas zu fix in gewohnte In Flames-Strukturen: Melodie-Gitarren, ruhige Strophe, Bridge, Pop-Refrain und alles auf Repeat. Nicht schlimm, aber auch nicht extravagant. „Everything Is Gone“ wirkt wie der Quoten-Metaller der Platte. Ein seltsam-interessantes Doublebass-Geflatter in der Strophe verleitet zu einem genaueren Hinhören bezüglich Sound und Produktion, aber dazu später mehr. Mit „Paralyzed“ geht man durchweg poppige Wege und es fällt erstmals auf, dass Anders Fridén den Fixpunkt heute deutlich auf Gesang legt. Guter Track. „Through Oblivion“ legt da umgehend nach, so direkt und intim hat man Fridén bis dato wohl kaum gehört. Mit „With Eyes Wide Open“ kommt dann auch gleich noch die dritte emotionale Stadion-Hymne hinterher.

Spätestens bei „When The World Explodes“ wird jedoch klar, dass In Flames ihren eigenen Kopf haben. Zum einen hämmert der Song wie ein Metalcore-Brett nach vorn, zum anderen öffnet man das Konzept in der zweiten Hälfte und verliert sich in einem Duett zwischen Anders Fridén und der schwedischen Sopranisten Emilia Feldt. Mit einem Backgroundgesang der fast schon zu Morricone Zitaten einlädt und einer Wand aus Synthie-Läufen, hätte der Song auch von Muse stammen können. Eine ziemliche Überraschung.
Das eingängige und zur ersten Single auserkorene „Rusted Nails“, aber auch das groovig-prägnante „Monsters In The Ballroom“ reihen sich wunderbar in das bisherige Songgefüge ein. Mit „Filtered Truth“ schließt das Album dann noch mit einer klassischen In Flames-Melodie und einem Refrain, der sogar dezent an Paradise Lost erinnert.

In Flames (Copyright: In Flames)

In Flames (Copyright: In Flames)

Für „Siren Charms“ verließen In Flames auch erstmalig Skandinavien, um ein Album aufzunehmen, was die Jungs direkt in die legendären Hansa-Studios in die Köthener Straße in Berlin zog. Ob Nick Cave, Depeche Mode oder U2, die Hansa-Studios haben eine lange Historie. Einen unmittelbaren Einfluss auf den gewohnten Sound der Band scheint das dem Augenschein nach jedoch nicht gehabt zu haben. „Siren Charms“ drückt gewaltig und funktioniert wie immer am besten im Raum-Sound. Gelottes und Engelins Gitarren schneiden Glas, wuchten sich aber dennoch mehr als transparent durch die Produktion. Vor allem der wunderbar natürliche Sound in den Soli weiß zu gefallen („Paralyzed“, „Rusted Nails“), da kommen Marshall-Enthusiasten auf ihre Kosten. Svenssons eher unspektakuläres Schlagzeugspiel ist gewohnt „nur“ Mittel zum Zweck und fällt vor allem durch die angenehm tief-hämmernde „Kochtopf-Snare“ auf. Das überaus ansprechende Coverartwork stammt übrigens aus der kreativen Ader von Blake Armstrong (Space Boy Comics).

In Flames gehen den Weg also weiter, den sie vor vielen Jahren eingeschlagen haben. Ein Meisterwerk hat man mit „Siren Charms“ zwar nicht geschaffen, aber immerhin ein gutes Album. Im direkten Vergleich zum Vorgänger „Sounds Of A Playground Fading“ wirken die Songs stellenweise etwas gezwungener, vielleicht sogar etwas konstruiert, denn der Schatten der „gewohnten Struktur“ ist immer noch gut zu erkennen. Nicht jedes Arrangement springt einen direkt an und auch bleibt nicht jeder Song auf Anhieb im Kopf, aber das Album bietet deutliches Potenzial, welches gefunden werden will und die Suche auch mehr als wert ist.

Video

Tracklist

01 In Plain View
02 Everything’s Gone
03 Paralyzed
04 Through Oblivion
05 With Eyes Wide Open
06 Siren Charms
07 When The World Explodes
08 Rusted Nail
09 Dead Eyes
10 Monsters In The Ballroom
11 Filtered Truth

Details

In Flames – Homepage
In Flames – Facebook

Label: Epic Records & Razzia Records
Vö-Termin: 05.09.2014
Spielzeit: 44:30

Copyright Cover: Epic Records & Razzia Records



Über den Autor

Emu
Emu
“Only nothing is impossible.” - Grant Morrison