Review

Wenn eine Band zu einem Major Label wechselt, ruft das entweder den Jubel der Fans oder aber deren tiefgehendes Misstrauen hervor. So spalten sich auch bei Faun schon seit einiger Zeit die Geister. Während die einen alles als zu weichgespült und zu poppig bezeichnen, haben andere erst jetzt den Zugang zu dieser Art von Musik gefunden. Berechtigung haben wohl beide Ansichten, das zeigt sich auch auf dem neuen Album.

Schon der Name propagiert es: „Midgard“ – das ist in der nordischen Mythologie der Begriff für unsere Welt. Mystik, geheimnisvolle Klänge, sagenumwobene Gestalten und Götter, dazu zauberhafte, verspielte Instrumentalparts und ein faszinierendes Storytelling – das erwartet der langjährige Faun-Fan eigentlich von dieser Ausgangssituation. Und tatsächlich ist das nordische Thema zunächst vielversprechend umgesetzt: Das Intro kommt mit A-cappella-Gesang, einigen Hornstößen und gekrächzten Rabenschreien passend – wenn nicht sogar schon fast klischeehaft – daher und stimmt zumindest ganz gut ein.

Daran knüpft die erste Single „Federkleid“ an, welche mit leisem Flöten- und Harfenspiel, dezentem Drehleiereinsatz und einem beschwingten Rhythmus sofort gute Laune verströmt. Manchem vielleicht zu poppig, geht das Stück mit dem melodiösen Gesang immerhin sofort ins Ohr und verweilt dort auch länger. Definitiv ein schöner, leichter Einstieg ins Album.

Daran knüpft auch „Sonnenreigen (Lughnasad)“ an: Eine fröhliche Melodie, die mit einem zauberhaften Flötenthema den Hörer sanft hinfort trägt. Der Song besingt den Übergang von Sommer zu Herbst und kommt verträumt und leicht daher – eben ein klassischer Reigen.

Bis hierhin eigentlich ein solider Auftakt – für ein Album mit nordischem Charakter fast zu hell und lieblich. Dem scheint Faun nun etwas entgegensetzen zu wollen und serviert den Fans eine neuarrangierte Version des alten Klassikers „Alba II“. Diese kommt schneller daher als das Original, behält aber die getragene Atmosphäre weitestgehend bei. Dennoch schwingt auch ein leises „Geschmäckle“ mit, wenn man sich fragt, warum ein bereits bekannter und beliebter Song nochmals auf ein reguläres Album gehört.

Das sich daran anschließende „Nacht des Nordens“ versucht sich etwas eckiger und kantiger im Vergleich zu den fröhlichen Vorgängern zu geben. Insbesondere das Trillern der Flöten und der treibende Rhythmus fördern diesen Effekt, dennoch bleibt vom Song – einmal verklungen – leider nicht allzu viel im Gedächtnis. Auch die nachdenkliche Ballade „MacBeth“, welche die Geschichte um die gleichnamige Figur Shakespeares erzählt, ist zunächst zwar angenehm zu hören – insbesondere das Instrumenten-Arrangement mit Streichern und Flöte ist sanft und verträumt – aber im Nachhinein verschwindet das Stück doch schnell wieder aus dem Sinn.

An „Gold und Seide“ scheiden sich die Geister. Die einen finden den Song zu süßlich und uninspiriert, den anderen gefällt gerade der sphärische Gesang von Katja Moslehner. Auf jeden Fall ist das Lied verträumt und bietet instrumental einige interessante Nuancen. Auch „Brandan“ versucht ein ungewöhnliches Setting zu präsentieren. Während die Stimme Stephan Groths durchaus gefällt, ist das restliche Seemannslied leider eher mittelmäßig und kann nicht so recht begeistern.

Der einzige wohl wirklich mystische Song des Albums, der die ursprüngliche Klasse der Band aufflammen lässt, ist „Odin“, der in Kooperation mit der Band Wardruna komponiert wurde. Das Stück muss zugegebenermaßen mehrfach gehört werden, bevor es wirklich erfasst werden kann. Dann weiß es aber nicht nur textlich mit der Geschichte um den Göttervater zu faszinieren, sondern auch musikalisch kann es fesseln. Gerade die fast schon beschwörenden, mantra-artigen Gesänge versetzen einen verflochten mit dem Rhythmus nahezu in Trance. Düster und geheimnisvoll spielt sich der Song in die Seele und knüpft an den alten Stil der Band an.

Foto: Faun (© Ben-Wolf)

Faun (Copyright: Ben Wolf)

Umso erschütternder ist das Erwachen aus dieser Sphäre, wenn einem die gefühlt 1.000ste Interpretation der „Rabenballade“ entgegenschlägt. Musikalisch sicherlich kein schlechter Song, mal balladesk, mal tanzbar und textlich auch um zwei Strophen von Faun erweitert, fragt man sich dennoch: Warum denn noch einmal? Es hätte sicherlich innovativere Stoffe gegeben.

Zum Abschluss der Platte serviert Faun dann leider – Pardon, es geht nicht anders zu umschreiben – einen gehörigen Griff ins Klo. „Lange Schatten“ ist die Ausgeburt der Schlagerhölle unter dem Deckmäntelchen der Folklore. Bar jeden Funkens Mystik, Zauber oder Atmosphäre beschwört es einfach nur ein Bild der schunkelnden Reihen des Musikantenstadls. Was auch immer sich hier gedacht wurde – es ist einfach nicht mehr Faun!

Und so bleibt als Fazit genau das zu sagen: Faun ist nicht mehr das, was es mal war! Das ist kein Ausschlusskriterium, denn auch in leichterer Manier weiß die Band zu gefallen. Es muss auch nicht immer düster und tiefgründig sein – Musik darf auch einfach Spaß machen. Aber gerade das Ende der Platte wirkt doch reichlich ernüchternd und so kann zu „Midgard“ nur das Urteil „mittelmäßig“ gefällt werden. Während die alten Faun-Alben Kost boten, die mit allen Sinnen aufgenommen und verdaut werden musste, bleibt der jüngste Silberling Fast Food.

Anspieltipps
Federkleid | Nacht des Nordens | Odin

Video

Trackliste

01 Midgard Prolog
02 Federkleid
03 Sonnenreigen (Lughnasad)
04 Alba II
05 Nacht des Nordens
06 MacBeth
07 Gold und Seide
08 Brandan
09 Odin
10 Rabenballade
11 Lange Schatten

Details

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Label: Universal Music
VÖ-Termin: 19.08.2016
Spielzeit: 49:17

Cover: Universal Music



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.