Review

Gut Ding will Weile haben, und so schürte das Ein-Mann-Projekt Farblos erst mit der limitierten 6-Tracks-Vinyl-EP „… und der Regen fällt“ die Neugier, um jetzt das lang erwartete Debütalbum „Nothing Left For Us To See“ folgen zu lassen.

Songs wie „Never too late“, „Du fällst“, „Winterherz“, „Auf der Schwelle“ oder „Reisen“ kommen dem Fan von Musiker F. Karnstein, der sich hinter Farblos verbirgt und bis dato alles in Eigenregie komponiert, produziert und veröffentlicht hat, bereits als Demofassungen auf besagter EP bekannt vor und finden auf „Nothing Left For Us To See“ nun mit Feinschliff erneut einen festen Platz. Darüber hinaus gibt es fünf weitere Songs, die mal mit ihren Synthies den 80er Charme versprühen, mal in die Tiefen des Romantic Dark Wave abtauchen.

Stark sind die Melodien auf dem Debüt und ebenso stark baut Farblos Atmosphäre auf, die über zehn Songs nicht abreißt. So tummeln sich kühle elektronische Klänge im Hintergrund und werden mit warmem, oftmals gefühlvollem Gesang Kontrast bildend ergänzt. Diesbezügliche Halleffekte sorgen stellenweise für eine klangliche Weite, die jedoch nicht als Distanz zwischen Hörer und Musiker bzw. Musik, sondern als das, was es ist, als stilistisches Element wahrgenommen wird.

Mehr noch als der Hall fällt aber der Bass auf. Nicht nur im Song „Auf der Schwelle“, dort aber besonders, gibt jener maßgeblich den Ton an. Grandios! Und es zeigt, dass ein gut eingespielter Song gar nicht viel braucht, um zünden zu können.

Einzig in „No Certainty“ hat Farblos es ein wenig mit den Zerrsounds und dem damit einhergehenden Geknarze übertrieben. Dadurch sticht der Titel aus dem musikalischen Gesamtgeschehen heraus; dies jedoch nicht unbedingt auf negative Art und Weise, denn auch „No Certainty“ besitzt eingängige, melancholische Melodien, die den Hörer insbesondere dann tangieren, wenn warme Synths den Titel vervollständigen und Karnsteins Stimme einsetzt. Die einen werden daher die dominanten Verzerrungen als das gewisse Etwas des Songs betrachten, die anderen könnten sich in der hier erschaffenen dunklen musikalischen Harmonie gestört fühlen. Wie man sich auch entscheidet, über kurz oder lang wird der Titel auch Skeptiker überzeugen, denn die traurig-schöne Melodiehaftigkeit, die scheinbar ganz unspektakulär, aber umso effektiver zustande kommt, zieht einen in seinen Bann und lässt die eigentlich vordergründig angelegten Zerrsounds ganz beiläufig in den Hintergrund rutschen.

Farblos (Copyright: Marcus Ordoñez Photographic)

Farblos (Copyright: Marcus Ordoñez Photographic)

Immer wieder arbeitet Farblos – genretypisch – mit repetitiven Strukturen innerhalb der Songs. Sowohl „No Certainty“ als auch (und vor allem) „Wanem“ weisen jene auf, die dafür sorgen, dass die Tracks auf „Nothing Left For Us To See“ prompt ins Ohr gehen und sich dort festsetzen. Ob klassisch tanzbar oder einfach, um sich in den Songs zu verlieren, Farblos wird die Hörer erreichen.

Dies macht er sowohl mit deutschen als auch englischen Texten. Und wo andere Künstler dem Kitsch, Pathos oder Klischee verfallen, zeigt F. Karnstein eine große Stärke. Es lohnt sich also, nicht nur der Musik andächtig (oder bei schnelleren Titeln wie „Du fällst“ auch ausgelassen) zu lauschen, sondern zudem auf die Texte zu achten.

„Nothing Left For Us To See“ kommt außerdem mit „roher“ Soundgewalt daher und unterstreicht damit eine Underground-Attitüde, übertrumpft gleichzeitig aber das Niveau einer Demoaufnahme.
Alles in allem werden Genre-Fans mit dem Debüt von Farblos bestens bedient, zusätzlich dürften die eingängigen und oft tanzbaren Titel auch Hörer anlocken, die sich nicht komplett der einstigen Gothic Ära verschrieben haben, sich aber dennoch für die schwarze Szene interessieren. Authentisch, „handmade“, natürlich und irgendwie ehrlich klingt Farblos. Bleibt zu hoffen, dass von diesem Projekt zukünftig noch mehr vernommen werden kann.

Video

Tracklist

01 Perfect Day
02 Auf der Schwelle
03 No Certainty
04 Du fällst
05 Wanem
06 Kalt (in the end)
07 Never too late
08 Spiegelscherben
09 Winterherz
10 Reisen

Details

Farblos – Homepage
Farblos – Facebook

Label: Selfrelease / Dead Wax Records
Vö-Termin: 30.10.2015
Spielzeit: 48:25

Copyright Cover: Farblos



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde