Review

Die stilistische Richtung von Extramensch lässt sich auch auf ihrem neuen Album „II“ nur bedingt in eine einzige und vor allem feste Schublade stecken. Nach jahrelanger Abstinenz, bedingt u.a. durch den damaligen Ausstieg des Sängers, streift die Band nun mit neuer Stimme Dave (A Pale Moon) durch Rock-, Metal-, Gothic- und Electrogefilde und präsentiert ihre nicht selten auch von Progressivität dominierte Mischung in neun unverbraucht klingenden Songs.

Extramensch sind also wieder da – und wie sie das sind, stellen sie gleich zu Beginn mit drei abwechslungsreichen und aussagekräftigen Titeln unter Beweis.
„Labyrinth“ setzt zunächst verstärkt auf Elektronik und packende Melodien, die gelungen Atmosphäre aufbauen. Harte Gitarrenriffs verleihen dem Titel eine metallische Nuance und dieses Prinzip verfolgen Extramensch auch im folgenden Song „Matter of the Heart“. Unmerklich wird dabei das Tempo angezogen, während stimmlich die dunklen und tiefen Töne dominieren. Ähnlich berührend, wie es ASP gesanglich schaffen, gehen Extramensch hier zu Werke und legen mit „Numb“ schließlich einen Track nach, der vor allem durch seine Geschwindigkeit an Dynamik gewinnt.

Erst gegen Ende lassen die Titel von Extramensch etwas nach. Songwriterisch noch auf hohem Niveau sorgt die zunehmende progressive Vorgehensweise dafür, dass seltener auf den Punkt gekommen wird und die betroffenen Titel weniger griffig wirken. Es besteht die Gefahr, dass die Hörer die Konzentration oder das Interesse verlieren und vom akustischen Geschehen abdriften.

Gemäß der Lyrics „Lass uns was Neues probieren […] lass uns was Neues riskieren“ findet sich mit „Geschichte schreiben“ erstmals ein Song in deutscher Sprache auf dem Album. Das Experiment gelingt, auch wenn der Gesang in deutscher Sprache zunächst weniger warm und berührend klingt als die auf Englisch vorgetragenen Texte. Mit jedem weiteren Hördurchgang steigert sich jedoch auch die Begeisterung für das Lied, sodass die damit gezeigte andere Seite von Extramensch durchaus zu gefallen weiß.

Weniger gefallen kann hingegen der Rauswurf „Whorehouse“. Der mit knapp zehn Minuten Spielzeit längste Titel des Albums fällt rein instrumental aus und besitzt einen mal spacigen, mal psychedelischen und überwiegend progressiven Touch. Bei aller Liebe zur Experimentierfreudigkeit, doch nachdem die Band die Hörer mit einer derart eindringlichen, gewaltigen und warmen Stimme wie jene von Sänger Dave über acht Songs hinweg verwöhnt hat, wirkt ein Instrumental einfach fehlplatziert im Schaffen der Band. Vielmehr hätten Extramensch das Potenzial ihres Mannes am Mikro bis zum Schluss ausnutzen sollen statt mit einem Track zu enden, der sowohl als Lückenfüller erscheint als auch die bisher aufgebaute Stimmung zunichtemacht und durch den fehlenden Gesang und die eigenwillige Ausrichtung eher eine sehr übersichtliche Zielgruppe ansprechen wird.

Lässt man „Whorehouse“ allerdings einmal außen vor, sieht die Zielgruppenorientierung schon ganz anders aus. Von Darkrock-Fans über Electrorock-Hörer bis hin zu Prog Rock-Liebhabern könnte sich eine breite Masse an Konsumenten für „II“ interessieren. Wer Extramensch also noch nicht oder nicht mehr auf dem Schirm hat, der sollte dies ab sofort ändern.

Video

Tracklist

01 Labyrinth
02 Matter of the Heart
03 Numb
04 Geschichte schreiben
05 Towards Tomorrow
06 Alive
07 Amok
08 Transzendenz
09 Whorehouse

Details

Extramensch – Homepage
Extramensch – Facebook

Label: Danse Macabre
Vö-Termin: 17.01.2017
Spielzeit: 43:33

Copyright Cover: Danse Macabre



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde