Review

Wir waren vielleicht ein wenig optimistisch, als wir „Erdentempel“ von Equilibrium zu unserem allerersten Album des Monats gekürt haben. Doch bereits das Intro „Ankunft (Instrumental)“, welches mit einer Länge von knapp unter einer Minute recht übersichtlich ausfällt, lässt durchblicken, dass wir die richtige Wahl getroffen haben. Denn Equilibrium machen schon in dieser Minute richtig Bock auf das Kommende.

Fast schon fröhlich und gut gelaunt geht es direkt im Anschluss mit „Was lange währt“ weiter.
Angenehmerweise sind die Lyrics zwar genretypisch gegrowlt, jedoch auch für Laien durchaus verständlich, wenn man sich nur ein wenig auf den Text konzentriert.
In diesem freuen sich Equilibrium über ihr neues Werk. Was für einige vielleicht ein wenig eingebildet und überheblich wirken könnte, ist aber durchaus sympathisch, denn zum einen ist das Ganze mit einem Augenzwinkern zu verstehen und zum anderen geht diese Nummer mächtig ab und gehört sicherlich zum Besten, was es derzeit im Pagan-Sektor zu hören gibt.
Es bleibt abzuwarten, ob Equilibrium dieses extrem hohe Niveau, mit dem sie in die Scheibe gestartet sind, auch halten können.

Wer beim nun aus den Boxen knallenden „Waldschrein“ nicht wild anfängt, im Takt zu zappeln, ist entweder taub oder sehr alt, denn dieser Rhythmus verlangt geradezu, dass man ihm durch enthusiastische Bewegungen huldigt. Die Geschwindigkeit dieses Tracks ist extrem hoch, wodurch die Lyrics gegen die Mauer aus Schall, die von den Instrumenten erzeugt wird, nicht ankommen.
Dafür werden Freunde von wilden und handwerklich genialen Drums jubilieren, denn das Geprügel der Felle dominiert bei dieser Nummer klar das Geschehen.
Kurz vor Schluss geben uns Equilibrium eine kurze Möglichkeit zu verschnaufen, die in Form einer ruhigeren Instrumentalsequenz erklingt und auch die Membrane der Boxen ein wenig beruhigt, bevor das wilde Treiben weitergeht.

Equilibrium (Copyright: Equilibrium)

Equilibrium (Copyright: Equilibrium)

Sehr orientalisch und deutlich gemütlicher – was bei Equilibrium immer noch eine amtliche Geschwindigkeit bedeutet – schallt es nun in Form von „Karavana“ aus den Lautsprechern.
Man könnte fast denken, dass die Band die Trommelfelle ihrer Hörer mit dieser Nummer liebevoll massieren möchte, wenn nicht die recht aggressiven Drums wären, die einen spannenden Kontrast zur Melodie bilden.
Der Gesang passt sich den Trommeln an und wechselt oft Rhythmus und Geschwindigkeit, was dieser Nummer eine gewisse ‚Kantigkeit‘ verleiht.

„Uns’rer Flöten Klang“ ist ein weiterer fröhlich wirkender Titel, dem satte und dumpfe Drums und ekstatisches Gegrowle dennoch sehr gut stehen.
Es handelt sich um einen Song, der aller Wahrscheinlichkeit nach vor allem live eine gewaltige Reaktion nach sich ziehen wird, da dieser Titel den Hörer ebenfalls nicht ruhig sitzen lässt. Abermals ist es eine instrumentale Passage in der zweiten Hälfte, welche sich wunderbar in das Geschehen integriert und tatsächlich von fröhlichen Flöten dominiert wird. So schön kann Blasen sein!

„Freiflug“ ist eine Nummer, die eventuell ein wenig polarisieren könnte, denn dieser Titel ist im Vergleich zum bisher Gehörten schon sehr ruppig und serviert nicht ganz so saubere Übergänge bei Rhythmus- und Tempowechseln. Hier zeigen Equilibrium eindeutig, dass sie eben nicht nur fröhlich klingende Gute-Laune-Nummern können, sondern tatsächlich auch brutale Härte präsentieren, bei der die Melodie eher in den Hintergrund tritt und nur bei wenigen Gelegenheiten durchschimmert.

Was mag man denken, wenn man den Songtitel „Heavy Chill“ liest? Eine neue Nummer von Moby? Sechs Minuten Stille, um die malträtierten Gehörgänge zu entspannen? Weit gefehlt, denn schließlich ist auch dies ein Track auf „Erdentempel“. Zugegeben, es wird ein wenig ruhiger als beim vorhergehenden „Freiflug“, doch dieser Unterschied ist marginal; wobei es schon einige Situationen gibt, in denen „Heavy Chill“ tatsächlich relativ entspannt klingt. Diese sind dann geprägt von langsamen Drums, die das Geschehen entschleunigen. Man sollte sich auch bei „Heavy Chill“ unbedingt die Zeit nehmen, ein wenig auf den Text zu achten, denn dieser ist durchaus hörenswert.

Nun heißt es böse zum Kühlschrank stampfen und eine Hopfenkaltschale aus demselben holen, denn mit der im Anschluss das Hirn zu Brei knallenden „Wirtshaus Gaudi“ präsentieren Equilibrium sowohl das erste offizielle Video aus „Erdentempel“ als auch den Grund, warum diese Scheibe bei uns ungehört zum „Album des Monats“ gekürt wurde. Denn „Wirtshaus Gaudi“ ist wohl in den nächsten Jahren DAS ultimative Sauflied härterer Gangart. Selten wurde die deutsche Bierkultur so gekonnt mit Pagan Metal gekürt. Insbesondere die geschickte Integration klassischer Blasmusik in diese Nummer verdient größten Respekt. Und diese scheinbar unmögliche Kombination klingt tatsächlich extrem gut. Glaubt ihr nicht? Überzeugt euch im Video unter diesem Beitrag selbst!

„Stein meiner Ahnen“, welches fast nahtlos folgt, ist schon dem Titel nach deutlich seriöser als „Wirtshaus Gaudi“. Dieser Song dreht wieder amtlich an der Geschwindigkeitsschraube und fährt die Melodien auf ein Minimum zurück. Hier bestimmt wieder brachiale Härte das Geschehen. Equilibrium orientieren sich deutlich hörbar am klassischen, ernsteren Pagan Metal. Die Umsetzung ist jedoch deutlich gelungener als bei „Freiflug“. Dies liegt sicherlich daran, dass die Übergänge sehr viel sauberer und wohlklingender sind und somit eine gelungene Spannungskurve entsteht.

Equilibrium (Copyright: Equilibrium)

Equilibrium (Copyright: Equilibrium)

„Wellengang“ lässt eher auf eine maritime Hymne schließen als auf das episch arrangierte Machwerk, welches zunächst aus den Boxen tönt. Denn die einleitende Sequenz dieses Titels wird von der Band dazu genutzt, einmal richtig zu demonstrieren, welch monströse Klänge sie erzeugen können. Mit einem Übergang, der sich seicht wie die Wellen bei einer leichten Brise anschleicht, entwickelt sich „Wellengang“ dann tatsächlich noch zu einer durchaus schunkelbaren Nummer ruhigerer Gangart, welche eine gelungene Entspannung darstellt, bedenkt man, dass bis zu diesem Zeitpunkt fast ausnahmslos extrem schnelle Nummern auf „Erdentempel“ zu finden waren.

„Apokalypse“ ist leider schon der vorletzte Track dieser Scheibe. Dem Titel entsprechend scheinen Equilibrium besonders in den ersten Sekunden im Sinn gehabt zu haben, den Weltuntergang zu vertonen. Es kann keine andere Erklärung für die geradezu bedrohlich wirkenden Klänge geben, die den Hörer begrüßen. Und „Apokalypse“ wird nicht wirklich freundlicher. Ganz im Gegenteil. Böse schreiend und Fell quälend ist es abermals die harte Seite der Band, die bei dieser Nummer Überhand gewinnt. Interessant sind die dezent choralen Elemente, die wunderbar mit den düsteren Growls im Kontrast stehen. Eine recht fette Überraschung ist die Kinderstimme gegen Ende, welche sich gleichermaßen unerwartet wie effektvoll in das Geschehen schleicht.

„The Unknown Episode“, der Song welcher den Ausklang dieser Scheibe bildet, verbindet zwei gewaltige Extreme. Zum einen ist dieser Titel extrem melodisch und wunderbar wohlklingend und zum anderen präsentieren Equilibrium die wohl fiesesten Growls dieses Albums. Aber auch in diesem Fall funktioniert diese Kombination gar wunderbar, wodurch „The Unknown Episode“ ein wirklich stimmungsvoller Rausschmeißer wird.

Insgesamt kann man zu „Erdentempel“ wohl nur WOW! sagen. Diese Scheibe setzt ganz neue Maßstäbe im Bereich des Pagan Metal und Equilibrium zeigen sich von ihrer besten Seite. Ich kann nur jedem raten, der sich auch nur entfernt für dieses Genre interessiert, hier zuzugreifen; es ist unwahrscheinlich, dass dieser Kauf bereut wird. Dementsprechend bleibt mir keine andere Wahl als die Höchstpunktzahl auszupacken und frohlockend zu verkünden: „Erdentempel“ ist legendär!

 

 

Video

Tracklist

01 Ankunft (Instrumental)
02 Was lange währt
03 Waldschrein
04 Karawane
05 Uns’rer Flöten Klang
06 Freiflug
07 Heavy Chill
08 Wirtshaus Gaudi
09 Stein meiner Ahnen
10 Wellengang
11 Apokalypse
12 The unknown Episode

Details

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Label: Nuclear Blast
Veröffentlichung: 06.06.2014
Spielzeit: 57:00 Minuten

Copyright Cover: Nuclear Blast

 

 



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde