Review

An musikalischer Entwicklung mangelt es der Band Entwine aus Finnland wohl nicht. Beginnend als Death Metal Kombo verlagerte man schon bald den Schwerpunkt auf – für ihre Heimat nicht gerade ungewöhnlich – Gothic bzw. Dark Rock. Und in diesem Genre baute man nicht nur eine treue Fangemeinde auf, sondern konnte sich auch international einen Namen machen. Umso erfreulicher, dass sich die Band nun nach mehrjähriger Pause und ihrem letzten Studioalbum „Painstained“ (2009) mit neuem Material zurückmeldet. Doch wie klingen Entwine im Jahre 2015?

Natürlich überrascht es nicht, dass sich ihr Sound einmal mehr gewandelt hat. Traditioneller Gothic Rock im Stile ihrer Landsleute wie H.I.M., The 69 Eyes und Co. klingt deutlich anders, stattdessen fällt das Album „Chaotic Nation“ wohl unter die weitläufige Rubrik Melodic Metal – und insbesondere den Begriff „Melodic“ nehmen Entwine in ihren zehn Songs allzu wörtlich. Jeder Track besticht durch einprägsame und umgehend mitreißende Melodien, sodass sich eingängige Titel aneinanderreihen und weder auf der Spielzeit von knapp 43 Minuten noch nach mehrmaligem Hören an Energie oder Überzeugungskraft verlieren.

Damit geben sich Entwine mal radiotauglich und lassen dabei teilweise Parallelen zu Sunrise Avenue oder The Rasmus erkennen, an anderer Stelle steigert die Band dann wieder den Härtegrad und kommt sogar mit Gangshouts um die Ecke, wie beispielsweise in „Saint of Sorrow“ zu hören. Dass die Gitarren und die Drums dabei nicht geschont werden, steht außer Frage. So ganz kann man also die Einflüsse des Dark Rock diesbezüglich noch nicht ablegen; das Ganze klingt gegenwärtig nur nicht mehr so dunkel und melancholisch.

Im Gegenteil, ein „Plastic World“, jener Song, der auch als digitale Single veröffentlicht wurde, oder ein „The Evil Lives In The Shadows“ mit seinen Pianomomenten kommen sogar auf instrumentaler Ebene und vor allem in den Strophen durch die hier teils vorhandenen, aber immer nur kurz aufblitzenden Jazz-Einflüsse sehr beschwingt und fröhlich daher.

Ein bisschen werden vor allem Gothic/Dark Rock Fans die dem Stil innewohnende Melancholie und Schwere im „neuen“ Sound von Entwine vermissen, andererseits erschließen sich die Finnen mit „Chaotic Nation“ nun wohl eine breitere Hörerschaft und noch dazu tun sie dies auf sehr facetten- und abwechslungsreiche Art und Weise, indem unterschiedliche Elemente zum Zuge kommen, die man zuvor von der Band in dieser Form noch nicht allzu oft gehört hat. Elektronische Beigaben gesellen sich zu einem nie vordergründigen Keyboardspiel, das allerdings auch in die 80er Jahre gepasst hätte („Fortune Falls“), genannte Jazz-Anleihen bringen smoothen Groove in die betreffenden Songs und eine druckvolle moderne Produktion verleitet den Hörer auch mal zum Aufdrehen der Lautstärke. Besonders vorteilhaft ist dies dann, wenn sich ein Track wie „Revolt For Redemption“ gelungen aufbaut, um sich in Richtung Refrain äußerst opulent zu entladen.

Entwine (Copyright: Terhi Ylimäinen)

Entwine (Copyright: Terhi Ylimäinen)

Nach sechs Alben sollte man meinen, Entwine wüssten, was sie auf einem neuen Output zu tun haben. Und diesbezüglich enttäuscht uns die Band mit „Chaotic Nation“ auch keineswegs. Es ist zwar nicht wünschenswert, dass erneut einige Jahre ins Land ziehen, bevor der Hörer wieder etwas von Entwine vernimmt, sofern jedoch derart überzeugendes Songmaterial dabei herauskommt, sei ihnen eine solche Auszeit mehr als gestattet.
Da die Tracks des neuen Albums stets dann mit brillanten Parts, Zusätzen oder Ideen aufwarteten, sobald man sich die Vergabe der Höchstpunktzahl noch einmal überlegen will, kann diese nur die Folge sein. Ein Muss für Fans der Band und eine eindringliche Empfehlung an alle Melodic Metal Hörer.

Tracklist

01 End Of Silence
02 Saint Of Sorrow
03 Fortune Falls
04 Plastic World
05 As We Arise
06 Lost, But Still Alive
07 Adrenalize
08 The Evil Lives In The Shadows
09 Revolt For Redemption
10 Scream

Details

Entwine – Facebook
Entwine – Twitter

Label: Spinefarm Records / Caroline
Vö-Termin: 02.10.2015
Spielzeit: 42:06

Copyright Cover: Spinefarm Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde