Review

Mark Hofmann stellte zunächst sein musikalisches Talent mit der Band Les Fleurs du Mal unter Beweis und gründete anschließend das Projekt Engelsstaub. Solo begonnen und mit Schwester Silke und Janusz Zaremba zu einem bis heute in dieser Form agierenden Trio komplettiert leistete man zum Darkwave und seit geraumer Zeit zum Neofolk seinen Beitrag. 2015, vier Jahre nach dem letzten Album „nachtwärts“, melden sich Engelsstaub zurück und liefern den Fans etwas ganz Besonderes. Denn das aktuelle Werk „The 4 Horsemen Of The Apocalypse“ sollte mehr werden als eine herkömmliche Veröffentlichung; ein Soundtrack-Projekt strebten die drei MusikerInnen an. Das Ergebnis kann sich hören lassen, jedoch nur bei genregeübten Ohren.

So sollte sich der geneigte Hörer zu Neofolk, Ritual-Elementen, neoklassischen Motiven und Ambient-Strukturen ebenso hingezogen fühlen wie zu Drones, Noises und Field-Recordings. Der breiten Masse möchte Engelsstaub also nicht gefallen, sicherlich werden sie mit ihrem extravaganten Mix aber so einige Fans erreichen.

Thematisch entschieden sich Engelsstaub für den Fokus auf „The 4 Horsemen Of The Apocalypse“, welche prompt als Albumtitel herhalten mussten.
Das Konzept wird akustisch vervollständigt, indem jeder „Horsemen“ auf polnischer Sprache mit der passenden Bibelstelle angekündigt wird. Was für jene, die des Polnischen nicht mächtig sind, gewöhnungsbedürftig erscheinen mag, trägt nichtsdestotrotz zur Atmosphäre des Silberlings bei.

Atmosphäre ist auch das Stichwort, denn auf sehr unkonventionelle Art und Weise will diese von Engelsstaub erzeugt werden. Dies gelingt mal sehr gut, wird an anderer Stelle jedoch unterbunden durch vereinzelt als störend empfundene Elemente, die eher auf Dissonanz und Verstörtheit statt auf Melodie und Gefälligkeit setzen. Dabei wirkt das Zusammenspiel der kombinierten Einflüsse und Stilmerkmale nicht selten allzu aufgesetzt, sperrig und unharmonisch. „The Fourth Seal – Death“ kann diesbezüglich als Beispiel genannt werden, weil es eine geraume Zeit benötigt, um Zugang zum Titel zu finden.

Markant fallen zudem teilweise die Kontraste innerhalb der Songs aus. Leise Momente werden abrupt von lauten, verstörenden Phasen abgelöst, ohne den Hörer sanfte Übergänge zu schaffen. Damit eignet sich das Werk nur bedingt selbst für jene, die die hier repräsentierten Genres gerade erst neu kennenlernen wollen.

Gelungen ist jedoch die abwechslungsreiche Gestaltung der einzelnen Titel.
Elektrobetont und soundtrackwürdig, aber gänzlich anders opulent als erwartet leitet „The Beginning Of The End“ das Mini-Album zum Beispiel ein. Schon jetzt finden die auch im späteren Verlauf immer wieder anzutreffenden Chöre (darunter klassische und Kinderchöre) ihren Einsatz, was zur Dichte der Tracks beiträgt.

Mit „When The Man Comes Around“ folgt eine Coverversion von Johnny Cash, die damit das einzige (im klassischen Sinne) „richtige“ Lied auf „The 4 Horsemen Of The Apocalypse“ bildet. Es dominiert hier ein starker Zerrsound, der – so zeigt der im Gegensatz zu den Strophen „klarer“ ausgefallene Refrain – gar nicht nötig gewesen wäre, um eine interessante Interpretation des Ursprungstitels darzubieten.

Leichte orientalische Züge ergänzen „The First Seal – Victory“, während „The Second Seal – War“ die rituelle Seite von Engelsstaub betont. „The Second Seal – War“ ist darüber hinaus ein Track, der auf ganzer Linie überzeugt und mit seinen Drums und Flöten dem Titel auch musikalisch mehr als gerecht wird.

Engelsstaub (Copyright: Dennis Blechner, Fotostudio bildsucht | bildsucht.com)

Engelsstaub (Copyright: Dennis Blechner, Fotostudio bildsucht | bildsucht.com)

Liegt die Betonung auf einer esoterisch-sphärischen Klangkulisse, erinnern Engelsstaub an eine düstere Version von Jean Michel Jarre. Dann wiederum stößt man auf Phasen, in denen es ziemlich spacig statt apokalyptisch zugeht, sodass das Konzept in diesen Momenten nicht ganz getroffen und die Stimmung durchbrochen scheint.

Insgesamt schwankt der Hörer stark zwischen Ge- und Missfallen. Dies hängt enorm von der eigenen Befindlichkeit ab und wie schnell man daraufhin Zugang zu den Titeln findet. Abhängig vom eigenen Gemütszustand ist auch die Wirkung des Abwechslungsreichtums. So kommt es vor, dass bei jedem Hördurchgang andere Aspekte wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Damit bleibt das Album, das sich auch als Hintergrundmusik solide macht, lange Zeit interessant.
Genreaffine Hörer werden auf „The 4 Horsemen Of The Apocalypse“ sicherlich mit Engelsstaub eine lohnenswerte Erlebnisreise unternehmen können und an diese Zielgruppe richtet sich auch die „empfehlenswerte“ Wertung. Alle anderen hören vorab dringend Probe und ziehen von den 3,5 Sternen mindestens einen ab.

Teaser

Tracklist

01 The Beginning Of The End
02 When The Man Comes Around
03 The First Seal – Victory
04 The Second Seal – War
05 The Third Seal – Famine
06 The Fourth Seal – Death
07 God’s Mercy
08 The Awakening

Details

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Label: Musique Indépendante Noire / Broken Silence
Vö-Termin: 30.04.2015
Spielzeit: 38:00

Copyright Cover: Musique Indépendante Noire



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde