Review

Enemy I ist eine Berliner Band, die ihre Stilrichtung selbst als „Depressive Industrial Metal“ bezeichnet. Hört man sich die bereits 2014 erschienene EP „Anywhere But Here“ mit ihren fünf Songs an, ist man geneigt, dieser Namensgebung zuzustimmen und stellt fest, dass Enemy I ihren Platz irgendwo in der großen Schnittmenge von Lord Of The Lost und Paradise Lost einnehmen, ohne es jedoch nötig zu haben, besagte Bands zu kopieren, denn dafür bringt die Truppe um Fronter Rob DeVille ausreichend Eigenständigkeit mit, die sie für Fans genannter Formationen attraktiv wirken lässt, die sie darüber hinaus aber nicht zum puren Abklatsch ebenjener degradiert.

Dem beugt vor allem die Vielseitigkeit von Enemy I vor. Kein Song auf „Anywhere But Here“ klingt wie der nächste, eine Tatsache, die dem Hörer viel Abwechslung beschert. Fraglich ist allerdings, ob die Band auch auf Albumlänge damit ein glückliches Händchen beweist, denn diesen Facettenreichtum gerade über mehrere Tracks verteilt könnte ihnen den Vorwurf einbringen, sie wissen noch nicht recht, wo der eigentliche Weg hinführen soll.
Auf EP-Länge überzeugt diese Mischung jedoch sehr gut, die sich mal auf eine schnelle, harte Industrial-Metal-Ausrichtung konzentriert, mal die Dark Rock bzw. Metal typische Melancholie unterstreicht.

Elektronische Verzerrungen sind auf „Anywhere But Here“ an der Tagesordnung. Dieser Zerrsound, sowohl die Gitarren als auch häufig den Gesang betreffend, unterstreicht den Industrial-Touch einiger Titel, wie bereits der Opener „Automatic Shut-off“ zeigt. Schnell, hart und aggressiv steigt man in die EP ein, die mit „Pimp my Drug“ ruhiger und vor allem tragender weitergeführt wird. Der Song setzt auf Atmosphäre, entsprechend steht die dunkle Gesangsstimme DeVilles im Vordergrund. Gitarrentechnisch wird sich von ruhigen Parts zu dichtem Riffing gesteigert und auch die Melancholie kommt hier nicht zu kurz.

„Red-Head Bitch“ gibt daraufhin wieder mehr Gas; stimmlich wartet man mit der gesamten Bandbreite an Können auf, sodass von gutturalem, über warmen Klargesang bis hin zu erneut dezent verzerrten Parts alles vertreten ist, was das Stimmorgan Rob DeVilles abliefern kann.
Wie schon in den zuvor gehörten Tracks geben sich Enemy I auch in „Red-Head Bitch“ sehr melodisch und sorgen mit eingängigen Melodien für derartige Ohrwurmgefahr, dass sich all die brünetten und blonden Hörerinnen fast schon gekränkt fühlen könnten, keine eigene Dark Metal Hymne „gewidmet“ bekommen zu haben.

„Six Feet Deeper“ leitet schließlich die Phase auf „Anywhere But Here“ ein, über die sich streiten ließe.
Mit starkem Metalriffing und Lord Of The Lost-artig beginnt der Song, wirkt jedoch durch die repetitiven Parts gegen Ende zu sehr in die Länge gezogen. Ebenso ist der gesprochene Mittelteil vom jeweils individuellen Geschmack des Hörers abhängig.

Enemy I (Copyright: Enemy I)

Enemy I (Copyright: Enemy I)

Gleiches gilt für die Akustikballade „Suffer from Love“. Jene bildet zwar einen hervorragenden Kontrast zum harten, direkten Einstieg in die EP, für die Spielzeit von 5:47 Minuten besitzt sie allerdings nur wenig Highlights. Insgesamt sehr ruhig und monoton entlässt „Suffer from Love“ den Hörer aus dem Silberling und erinnert dabei – insbesondere durch den Gesang – an Johnny Cashs Übersong „Hurt“. Wer diesen emotionalen Klassiker feiert, der kann sich auch auf ganzer Länge für „Suffer from Love“ begeistern.

Mit ihrer Debüt-EP „Anywhere But Here“ gewähren Enemy I dem Hörer einen kurzen, aber aussagekräftigen Einblick in ihr mannigfaltiges musikalisches Repertoire. Von hart bis zart, von schnell bis langsam und von rau bis stimmungsvoll bietet das Quartett für jeden Geschmack etwas. Dabei verliert man aber weder die musikalische darkmetallische Basis noch die eher dunkle Grundstimmung aus den Augen respektive Ohren, sodass „Anywhere But Here“ insgesamt zwar vielseitig, aber in sich stimmig wirkt. Um einen Überblick über das breit angelegte Schaffen der Musiker zu erhalten, eignet sich die EP hervorragend. Ob und wie diese ihren Fokus dann auf Albumlänge gebändigt bekommen, bleibt abzuwarten. Die Neugier darauf ist aber mehr als geweckt.

Video

Tracklist

01 Automatic Shut-Off
02 Pimp My Drug
03 Red-Head Bitch
04 Six Feet Deeper
05 Suffer From Love

Details

Enemy I – Homepage
Enemy I  – Facebook

Label: Plainsong Records
Vö-Termin: 21.02.2014
Spielzeit: 25:25

Copyright Cover: Plainsong Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde