Review

Als treuer Fan der ersten Stunde lässt sich ein neues Produkt eines Künstlers wohl am besten beurteilen. Vergleiche zu den älteren Werken können gezogen werden, Neuerungen werden sofort festgestellt und bewertet und eine fachmännische Besprechung kann garantiert werden. Doch wie ist es als Gelegenheitshörer, das Album einer Band zu besprechen? So viel sei gesagt: nicht einfach, aber auf seine Weise auch sehr aussagekräftig.

Mit „Schock“ legen Eisbrecher ihr inzwischen sechstes Studioalbum vor. Der Titel lässt schon vermuten, dass sich die fünf Musiker an ihre Mischung aus harten Gitarren, elektronischen Elementen und provokanten Texten halten werden. Und tatsächlich: Wenn es etwas gibt, was die 14 Tracks auf der Platte perfekt umschreibt, dann ist es wohl „auf die Fresse“.

Der erste Titel „Volle Kraft voraus“ ist Programm: Mit der typischen Mixtur preschen Eisbrecher direkt in die Platte hinein und bringen einen starken Einstieg.
Vom Tempo rasant weiter gehend, setzen sie mit „1000 Narben“ ihren treibenden Stil fort. Höchstwahrscheinlich wird dies eine regelrechte Live-Hymne, denn schon auf der CD geht der Song ins Ohr und setzt sich fest, steigert sich, verlockt zum Mitsingen und -tanzen.

Im Anschluss daran zieht der langsamere und düstere Titelsong „Schock“ den geneigten Hörer schon fast unangenehm wieder aus der Partylaune runter. Zu Beginn wirkt der Song etwas sperriger, fügt sich jedoch bei mehrmaligem Hören nach und nach stimmiger in das gesamte Album ein.

Der nächste wirkliche Knaller jedoch kommt direkt danach mit der Single-Auskopplung „Zwischen uns“. Hier beginnt ein gesungenes Streitgespräch zwischen Sänger Alex Wesselsky und Gastsängerin Nina de Lianin von In Strict Confidence und hat wieder diese typisch treibende, knackige Grundstimmung im Song. Der Track sticht eindeutig besonders aus dem Album hervor, Eisbrecher hätten sich kaum eine bessere Singleauskopplung aussuchen können.

Eisbrecher servieren mit ihrem 6. Studioalbum "Schock" den Fans eine klassische Scheibe. (Copyright: Holger Fichtner)

Eisbrecher servieren mit ihrem 6. Studioalbum „Schock“ den Fans eine klassische Scheibe. (Copyright: Holger Fichtner)

Dass nach diesem Hammer erst einmal verschnauft werden muss, ist klar. Darum passt der insgesamt sehr ruhige, fast schon melancholische Song „Rot wie die Liebe“ wirklich perfekt an diese Stelle. Mit sehr reduzierter, eher elektronisch anmutender musikalischer Untermalung wird deutlich, dass Eisbrecher durchaus auch diese Seite beherrschen. Vielleicht wären ein, zwei Songs mehr von dieser Art eine gute Abwechslung, allerdings wäre das wahrscheinlich weniger die Band und was sie ausmacht. Darum ist es nicht verwunderlich, wenn die Stakkato-Fahrt des Albums danach wieder aufgegriffen wird.

Mit „Himmel, Arsch und Zwirn“ beweisen die Eisbrecher mal wieder neu, dass sie auch textlich ihre Aussagen humorvoll-direkt an den Mann bringen können. In „Schlachtbank“ wird verhältnismäßig melodisch mit den Themen Liebeskummer und Herzschmerz umgegangen und bei „Dreizehn“ kommen die Elektrofreunde und das Partyvolk so richtig auf ihre Kosten.

Doch der Hörer hat gerade erst etwas mehr als die Hälfte des Albums geschafft. Was kommt danach? Einbrecher halten das Tempo hoch, die Gitarren hämmern die Riffs, das Schlagzeug prügelt den Rhythmus und Alex singt, grölt und schreit sich alles von der Seele. Die Tracks sind einzeln genommen sehr gut hörbar, gerade auch Perlen wie „Noch zu retten“ – ein eher ruhigerer, melodischerer Track mit berührenden Textzeilen – oder auch „Der Flieger“ – ebenfalls ein fast schon episches Stück auf der Platte, welches gerne den Abschluss hätte bilden dürfen. Doch insgesamt fühlt man sich zumindest als Gelegenheitshörer von dem Album schon fast erschlagen. Ein, zwei Tracks weniger hätte das Gesamtspiel vielleicht noch etwas runder werden lassen. Nicht, weil die Titel nicht gut wären, sondern einfach in der Masse etwas überfordernd.

Aber das Album bleibt seinem Motto treu: So oder so, es geht immer weiter. Und auch wenn der geneigte Hörer nach „Schock“ vielleicht ein wenig erschöpft wieder im Alltag ankommt, so hinterlässt die Platte doch insgesamt ein gutes Gefühl.

Video

Tracklist

01 Volle Kraft voraus
02 1000 Narben
03 Schock
04 Zwischen Uns
05 Rot wie die Liebe
06 Himmel, Arsch und Zwirn
07 Schlachtbank
08 Dreizehn
09 Unschuldsengel
10 Nachtfieber
11 Noch zu retten
12 Fehler machen Leute
13 Der Flieger
14 So oder so

Details

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Label: Sony Music
Vö-Termin: 23.01.2015
Spielzeit: 52:30

Copyright Cover: Sony Music



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.