Review

Wie oft gab es das schon im Musikgeschäft? Eine Band – etabliert, verlässlich, einfach gut – bringt ein neues Album heraus. Man fiebert ihm entgegen, kann es kaum erwarten, die ersten Töne zu vernehmen – und dann … ist es irgendwie nicht wie sonst. Ist es besser? Schlechter? Anders? Diese Fragen gären im eigenen Kopf vor sich hin, während die Scheibe Runde um Runde dreht, das Album immer wieder laufen muss. Doch während bei einigen Bands wirklich ein Versagen diagnostiziert werden muss, kann sich schließlich und letztendlich bei Diary of Dreams doch darauf verlassen werden, dass die vier Jungs einfach wissen, was sie tun – auch wenn es nicht gleich sofort schmeckt. So geschehen auf dem jüngst erschienenen Silberling „Grau im Licht“.

Der Name allein ist schon ein Fingerzeig auf die beabsichtigte Aussage des Elektro-Quartetts. Grau ist die Farbe der Tristesse, der Melancholie und – wenn man es bis zu Ende denkt – auch der völligen Aufgabe. Und an diesem Gefühl ändert auch das hellste Licht nicht unbedingt etwas. In Zeiten von Krieg, Hass und Egoismus stirbt jeden Tag ein bisschen etwas in uns ab, so die Theorie und auch die Stimmung des gesamten Albums.

Mit „Sinferno“ wird ein bissiger Start serviert. Hämmernde Industrieklänge, eine satte, dunkle Gitarre, ein Chor, ein Schrei – düster, aber auch kraftvoll beginnt das Album.

Der zweite Track „Endless nights“ geht dafür schnell in Kopf und Glieder. Jedoch ist der Sound auch hier nicht ganz so fetzig wie sonst, eine selbst für Diary of Dreams Verhältnisse überaus drückende Atmosphäre bleibt erhalten.

In den sanften Klavierklängen des folgenden „Ikarus“ setzt sich diese Stimmung linear fort. Die ruhige Ballade handelt von der Suche nach Hilfe, die jedoch zum Scheitern verurteilt ist. Der mit tiefer Verzweiflung gesungene Refrain ist ausgesprochen eindringlich und kann dem Hörer in entsprechenden Momenten die Kehle zuschnüren. Diary of Dreams in der düstersten Hochform.

Aus dieser Melancholie holen einen laute Elektrobässe und satte Gitarrenriffs heraus – thematisch jedoch bleibt die Band dem Grundgedanken des Albums treu.
„Krank“ erzählt von Krankheit und dem Kampf ums Überleben. Doch keine gewöhnliche Hoffnung wird verbreitet. Der Refrain schlägt plötzlich leisere Klänge an und Sänger Adrian fleht „Lass los!“

Diary of Dreams (Copyright: Adrian Hates by Silke Jochum / Gaun:A, Flex & Damian by Stanislav Drozdov)

Diary of Dreams (Copyright: Adrian Hates by Silke Jochum / Gaun:A, Flex & Damian by Stanislav Drozdov)

Und diesem Strudel aus Emotionen folgt die Band auch weiterhin. Ob es nun der Versuch ist, seine Ängste in „Die my Phobias“ zu überwinden oder ob vom Leid eines Krieges in „SinnFlut“ erzählt wird – die Themen sind und bleiben hart, ehrlich, hoffnungslos.
Der Titelsong „Grau im Licht“ bringt die Intention des Albums auf einen Punkt: Ein Verlust – des eigenen Lebens oder eines geliebten Menschen – und wie damit umgegangen wird, wie schließlich die Schrecken dieser Erfahrung geschluckt werden müssen. Ein Song, der fesselt.

Der insgesamt 21. Longplayer von Diary of Dreams ist musikalisch gewohnt ausgefeilt, allerdings gibt es auf ihm keine richtigen Hits, keine Hymnen. Das Album wirft einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt. Natürlich zeichnete die Band sich noch nie durch Fröhlichkeit oder Humor aus, sondern hatte meist ernste Themen, kreierte umfassende Werke, die zum Nachdenken anregten, berührten, aber doch immer auch eine Spur Hoffnung hinterließen. Diese ist auf „Grau im Licht“ in den Schatten verschwunden. Das Album ist schmerzhaft, denn es ist ehrlich. Man muss sich dieser Wahrheit stellen, auf den Gedanken einlassen, dass manchmal die Welt tatsächlich so schlecht ist, wie sie scheint. Dann kann das Album seine Kraft entfalten, denn dann ist es eine Art Trauerarbeit. Und nach dem Hören fühlt man sich tatsächlich etwas leichter, denn: Man ist nicht der einzig Graue im Licht.

Anspieltipps
Sinferno / Ikarus / Grau im Licht

Video

Tracklist

01 Sinferno
02 Endless Nights
03 Ikarus
04 Krank
05 Die My Phobia
06 Grau im Licht
07 SinnFlut
08 HomeSick
09 Schuldig
10 The Hunted
11 mitGift
12 Schwarz

Details

Diary of Dreams – Homepage
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Label: Accession Records / Indigo
VÖ-Termin: 16.10.2015
Spielzeit: 1:06:28

Copyright Cover: Accession Records



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.