Review

Mit ihrem persönlichen Jesus genossen sie die Stille und bekamen gar nicht genug davon. Doch irgendwann schauten sie herab auf die Welt und stellten fest – hier läuft etwas falsch! Also stiegen die Synthie-Pop-Götter von ihrem Olymp herab, um dem Volk erneut ihre Botschaft zu verkünden. So oder so ähnlich könnte man sich den Werdegang des neuen Depeche Mode Albums vorstellen. Doch ist „Spirit“ wirklich eine Offenbarung oder doch nur abgehobener Frevel?

Fakt ist, dass der Opener „Going Backwards“ mit seiner behäbigen, aber gleichzeitig langsam vorandrängenden Klavierbegleitung ins Ohr geht. Dazu gesellen sich ein klarer Rhythmus und ein vibrierender Synthie-Sound. Alles zusammen strahlt das Stück aber nicht gerade die beste Partylaune aus. Es wirkt eher stur geradeaus laufend, dabei aber nahezu unfehlbar.

Daran schließt sich die erste Single-Auskopplung des Silberlings an: „Where’s the Revolution“ dudelt bereits seit einigen Wochen im Radio rauf und runter und beglückt uns dabei mit seiner ganz ähnlichen, düsteren Grundstimmung. Fast schon gelangweilt scheint der Song an einem vorüber zu plätschern – und frisst sich dabei mit seiner Gleichförmigkeit ins Unterbewusstsein. Kein schlechter Schachzug für eine Veröffentlichung.

Nun wird es aber Zeit für eine Hymne, einen echten Ohrwurm mit Gute-Laune-Programm wie früher. Aber genau das verwehren uns die drei Götter. Stattdessen offenbart sich beim Weiterhören, dass sie gerade erst angefangen haben, den Hörer in seiner Ruhe zu stören. Denn was nun folgt, ist störrisch, unbequem und kratzig.

Bestes Beispiel dafür ist etwa „Scrum“. Hier wird Dave Gahans Stimme fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Mehrere Spuren werden übereinandergelegt, unsauber abgemixt und mit einem unerbittlichen Ticken und Tacken untermalt. Keine richtige Melodie will sich einstellen, kein Refrain, lediglich Zeilen, die sich wahllos wiederholen. Und das soll Musik sein? Ja, denn im Laufe der handlichen 3:14 Minuten erkämpft sich der Track einen Platz im Ohr und wenig später erwischt man sich, wie man dem eingängigen Rhythmus nicht mehr widerstehen kann und den Kopf wippen lässt.

Noch brachialer aber krallt sich „You Move“ in der Seele fest. Dicke Bässe, die das Zwerchfell schon fast vibrieren lassen, dazu Gahans Stimme mit schier endlos viel Hall, Verzerrung und Echo. Und trotzdem: Man kann sich dieses Songs nicht erwehren. Er ist sinnlich, fast lasziv und fordert knallhart die Aufmerksamkeit.

War es eben noch heiß, so kontert „Cover Me“ eiskalt. Klar und reduziert, fast schon sanft hüllt es den Hörer ein und trägt ihn in eine Wüste aus Schnee und Frost; ein industrielles, rhythmisches Zischen im Hintergrund, dazu ein sphärischer Klang, mehr braucht es nicht, um den Geist leer zu fegen. Doch diesen Raum wissen Depeche Mode sofort zu füllen: Nämlich mit „Eternal“, einem der ganz großen Songs des Albums. Diese Ballade ist so tieftraurig und dabei blendend ehrlich, dass es einem die Kehle zuschnürt. Sie erzählt von der Liebe des werdenden Vaters für seine ungeborene Tochter und dem Vorhaben, sie ewig zu schützen. Das und dazu das eingesetzte Harmonium tragen bereits das Ihrige bei, doch dann löst der Song sich nach gerade einmal 2:25 Minuten in wildes Rauschen auf. Ein zutiefst beeindruckendes Lied, das mehrfach gehört werden muss.

Wer nach dieser Gefühlsachterbahn noch die Hoffnung auf etwas positive Linderung hat, könnte diese in „So Much Love“ finden. Der wohl zackigste und – verhältnismäßig – fröhlichste Track des Albums geht lässig ins Ohr und gewährt einen gnädigen kurzen Ausflug in unstrapaziöse, weil bekannte Musikgefilde.
Einen weiteren Abstecher in gewohnte Musikgenres machen Depeche Mode mit dem bluesigen „Poorman“.

Depeche Mode (Copyright: Anton Corbijn / Columbia Records / Sony Music)

Depeche Mode (Copyright: Anton Corbijn / Columbia Records / Sony Music)

Sein Ende findet das Album im zwölften Track „Fail“. Er handelt davon, wie die Welt ihren Geist verloren hat, wie alles nur noch den Bach hinunter geht, wie wir ständig Fehler begehen. Musikalisch wird der Gesang von einem unerbittlichen Schlagzeug und seltsam fremd anmutenden und dabei dennoch sanften, tröstlichen Synthie-Klängen untermalt. Alles in allem ist „Fail“ also definitiv kein Fehler. Im Gegenteil – denn mit seiner schwermütigen Atmosphäre ist er der einzig schlüssige und würdige Abschluss für „Spirit“.

Das 14. Studioalbum von Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher ist trotz seines fast schon weichgespülten Titels insgesamt also eher ein Biest. Es will nicht gefallen, es schnurrt nicht und geht auch nicht ins Ohr. Vielmehr ist es sperrig, laut, unrund und launisch. Beim ersten Hören bittet man die Götter fast, einen zu erlösen und dass sie die Hörer nicht zwingen, sich durch ganze zwölf zutiefst düstere Songs zu quälen. Aber am Ende sitzt man da, völlig platt und emotional ausgelaugt und weiß sich nicht anders zu helfen, als erneut auf Play zu drücken. Und mit jedem Hören wird „Spirit“ anschmiegsamer, facettenreicher und tröstender, sodass man am Ende den Synthie-Göttern einfach nur Danke für ihr jüngstes Geschenk sagen und lächelnd zum Abschied winken kann, wenn sie wieder auf ihren Olymp klettern.

Anspieltipps
Going Backwards | Scrum | You Move | Eternal

Video

Trackliste

01 Going Backwards
02 Where’s the Revolution
03 The Worst Crime
04 Scum
05 You Move
06 Cover Me
07 Eternal
08 Poison Heart
09 So Much Love
10 Poorman
11 No More (This Is The Last Time)
12 Fail

Details

Depeche Mode – Homepage
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Depeche Mode – Twitter

Label: Columbia (Sony Music)
VÖ-Termin: 17.03.2017
Spielzeit: 49:30

Copyright Cover: Columbia (Sony Music)



Über den Autor

Silvana
A Cat is Purrfect.