Review

Einen Vorgeschmack auf das Debütalbum „Lonely Heroes“ lieferte das seit Kurzem beim Label Out of Line beheimatete französisch-deutsche Duo Dear Strange bereits mit dem Song „I Can See Through This“ als Samplerbeitrag auf der labeleigenen Compilation „Electrostorm Volume 6“ ab. Mit viel Atmosphäre, Dark Electronics und hypnotischen Strophen, die einem eingängigen Refrain weichen, stellte man sich und den praktizierten selbsternannten „Prism Wave“ der Electro-Gemeinde vor und legte die Messlatte für alles Kommende schon recht hoch. Dass Dear Strange mit „I Can See Through This“ ihr Pulver jedoch noch nicht komplett verschossen haben und auch das Album der beiden Musiker noch einiges zu bieten hat, beweisen schon die ersten Titel auf „Lonely Heroes“.

In modern-futuristischer Soundausrichtung, die stets eine gewisse Kühle mit sich bringt, leiten Dear Strange ihren Opener „The Unicorn“ ein. Kaum setzt der Gesang von Dorian E ein, gewinnt der Track an Wärme und Dichte. Wabernde Synthies begleiten „The Unicorn“ ebenso wie hell-hohe Electrospitzen, die cyberfiction-artig Akzente setzen. Das Tempo des Liedes weiß sich langsam zu steigern und entwickelt sich ebenso mit laufender Spielzeit wie der Song selbst.

Eine Portion mehr Tanzbarkeit bescheren Dear Strange den Hörern anschließend mit dem Titeltrack „Lonely Heroes“. Während die Beats durchgehend zur Bewegung animieren, verabreicht man den catchy Gesangspassagen zeitweilig gesprochene Sequenzen, die auf Französisch dargeboten werden. Eine Maßnahme, die für kurzweilige Entschleunigung sorgt, dem Track jedoch nichts von seinem Groove nimmt.

Von jenem besitzt auch „Dystopia“ ausreichend, der darüber hinaus beweist, dass kühler Electro nicht bedeutet, auf emotionale Momente verzichten zu müssen. Dafür sorgen insbesondere der leicht melancholisch scheinende Gesang und die repetitive Songstruktur.

Zwar in der Bundeshauptstadt zu Hause, fällt der Sound von Dear Strange äußerst „international“ aus. Stimmlich durch die markante Rauheit mit Ecken und Kanten ein bisschen an eine Mischung aus der britischen Lady Siouxsie Sioux von der Band Siouxsie and the Banshees und der Kanadierin Chibi von The Birthday Massacre erinnernd und damit mit viel Wiedererkennungswert gesegnet, weisen Produktion sowie die elektronischen Arrangements in ihrer abwechslungsreichen Zusammensetzung konkurrenzfähige Qualitäten auf, die sich nicht nur in Berlin hören lassen können. Trotzdem (oder gerade deswegen) erfrischend ertönt schließlich „Licht“ – als einziger Song mit deutschen Lyrics und klanglich neben dem wavigen Electro subtil den Charme der NDW ausstrahlend – aus den Boxen.

Dear Strange (Copyright: Alexa Vachon)

Dear Strange (Copyright: Alexa Vachon)

Bis dato ein überzeugendes Album. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, das hohe Niveau, die Spannung und Überzeugungskraft für die Hörer bis zum Albumende aufrechtzuerhalten. Obwohl Dear Strange weiterhin abwechslungsreich ihre elektronischen Spielereien, die mal wave-lastig, mal dance-poppig ausfallen und immer eine gewisse hypnotische Wirkung erzielen, in die jeweiligen Titel unterbringen, gelingt es nicht, an die Stärken der vorherigen Tracks konsequent anzuknüpfen. Einige Songs plätschern somit mehr oder weniger unaufgeregt am Konsumenten vorbei, während gleichzeitig weitere Highlights, wie zuvor oftmals wahrgenommen, ausbleiben. Vor allem in den langsameren Titeln erhält der einst brillante hypnotische Charakter eines Songs einen eher lethargischen Touch. An Eingängigkeit fehlt es den restlichen Tracks allerdings auch dann nicht.

Somit kann man mit Dear Strange auf „Lonely Heroes“ zunächst sehr gut warm werden, um das Album schließlich gemächlicher und als „alten Freund“ ausklingen zu lassen. Für das Prädikat „großartig“ reicht es in jedem Fall, und eine Kaufempfehlung sei jedem ans Herz gelegt, der abseits des populären Synthpops eine Alternative sucht, mit der man sowohl tanzbare als auch nachdenkliche Momente erleben kann.

Video

Tracklist

01 The Unicorn
02 Lonely Heroes
03 Dystopia
04 I Can See Through This
05 Licht
06 Strangers As We Are
07 Between The Sunsets
08 Hand Full Of Nothing
09 Hysteria
10 Sweeter Than This
11 Minima Moralia

Details

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Label: Out of Line
Vö-Termin: 28.08.2015
Spielzeit: 49:20

Copyright Cover: Out of Line



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde