Review

Beginnen wir das Review mit einem kurzen Psychospielchen, um herauszufinden, ob ihr bereit seid für die EP „A oder B“ von dem Ein-Mann-Projekt Das Erwachen. Beantwortet dafür einfach die Fragen; Auswertung im Anschluss.

  1. Denk zurück an deine ersten Gehversuche in Sachen musikalischer Früherziehung. Alle Töne waren noch krumm und schief und
    A) du hättest den anderen Kindern gerne das Sammelsurium aus Orff-Instrumenten um die Ohren gehauen, weil sie u.a. mit ihrem noch nicht ausgeprägten Rhythmusgefühl dein ästhetisches musikalisches Empfinden störten.
    B) du hast schon damals deine Vorliebe für Klangunebenheiten entdeckt und fährst auch heute noch voll drauf ab.
  2. Leidenschaft für Musik bedeutet,
    A) sie ihr anzuhören.
    B) Musik auch dann zu machen, wenn man es nicht kann.
  3. Eine Band spielt
    A) zusammen.
    B) jedes einzelne Instrument nach eigenem Empfinden und Rhythmusgefühl. Akustische Anarchie statt Harmonie war dir immer schon das Liebste.
  4. Das Beste an einem Song ist
    A) seine Eingängigkeit, Melodie und Harmonik. Die Repeattaste ist dein bester Freund.
    B) wenn er endlich vorbei ist.
  5. Auswertung: Du hast bis hierhin die Fragen vorrangig mit
    A) A beantwortet? Glückwunsch! Du besitzt sicherlich einen erlesenen Musikgeschmack und solltest jetzt besser nicht weiterlesen, es sei denn, du magst Verrisse.
    B) B beantwortet? Dann ebenfalls Glückwunsch, denn du bist ein potenzieller Kandidat für die EP „A oder B“ von Das Erwachen. Warum genau, erfährst du im Folgenden.

Die umfassende und aufwendig gestaltete Pressemappe weckt nicht nur die Neugier auf das Debüt des Musikers, sondern schürt zugleich die Erwartungen des acht (in limitierter Form zehn) Songs starken Silberlings, denn darin ist die Rede von „Musik ohne kreative Kompromisse“ sowie von einem Song, der „klassische Songstrukturen auseinanderreißt“. Und sind wir ehrlich, warten wir nicht immer genau auf derlei Veröffentlichungen? Auf Innovationen, mutige Alben, die sich was trauen statt in der Masse mitzuschwimmen und womöglich gar nicht aufzufallen? Tun wir! Der Frage des Solokünstlers Pat des Illusion, ob wir bereit sind zu erwachen, wollen wir also vor dem Hören dringend ein inbrünstiges und vor allem erwartungsfreudiges Ja entgegenbrüllen. Zu schade, dass die Antwort sobald schon wieder mit blutendem Herzen revidiert werden muss.

Doch starten wir bei den Basics, denn wie es scheint, hat genau das auch Das Erwachen dringend nötig:
Musik „ist eine Kunstgattung, deren Werke aus organisierten Schallereignissen bestehen. Zu ihrer Erzeugung wird akustisches Material […] vom Menschen geordnet. […] Aus der zeitlichen Folge der Töne und Geräusche verschieden langer Dauer entstehen Rhythmen. Aus dem Zusammenklang mehrerer Töne von jeweils anderer Tonhöhe erwächst Mehrstimmigkeit, aus den Beziehungen der Töne untereinander entsteht Harmonik.“ So die Definition des Begriffs auf Wikipedia. Nun ist „Kunst“ und damit auch Musik ja dem Freigeist unterlegen und durchaus eine Frage des individuellen Geschmacks. Nicht umsonst heißt es für die einen, es ist Kunst, während es für die anderen weg kann.
Behalten wir trotzdem für den weiteren Verlauf des Reviews bitte die Begrifflichkeiten organisiert, geordnet, Rhythmen und Harmonik im Hinterkopf, denn wie man schnell feststellt, machen diese Elemente in einem Song sehr wohl Sinn.

Keinen Sinn hingegen macht das künstlerische Schaffen des Musikers Pat des Illusion auf „A oder B“. Es sei denn, man sieht die ersten musikalischen Versuche einer Kindergartengruppe mit all ihrer Disharmonie und unkontrollierten Lärmwut als Erfüllung oder musikalische Offenbarung an. Denn ähnlich arhythmisch und ohne jegliches Zusammenspiel agiert auch das Projekt Das Erwachen. Mehr noch, es scheint, als befände sich Gesang und Instrumentierung sowie die Instrumentierung für sich genommen dauerhaft im Krieg.

Kann dies wirklich ernstgemeint sein? Scheinbar ja, denn die „Goth’n’Roll Version“ des Titeltracks zeigt ansatzweise, was es hätte werden können. Irgendwo steckt da also eventuell sogar ein Hauch von Potenzial, allerdings ohne genutzt oder nur um ignoriert zu werden. Stattdessen nimmt Das Erwachen seine stilistische Einordnung, die sich laut eigener Aussage „in einer nicht mehr nachvollziehbaren Mischung aus eigenen musikalischen Vorlieben, vermengt mit artverwandten und artfremden Genres“ befindet, nur allzu wörtlich. Die Folge: tatsächlich ist der Stil von Das Erwachen kaum nachvollziehbar. Erwähnte Elemente aus Electro, Gothic, Metal und Rock gehen in einem ohrenbetäubenden Durcheinander unter, sind nicht zu separieren, schon gar nicht auszumachen.
Würde man eine Band nehmen, deren Mitglieder noch nie zuvor ein Instrument in der Hand hielten, diese jeweils ein unterschiedliches Lied spielen lassen, welches zudem noch zu unterschiedlichen Zeiten eingezählt wird, und nähme man das dann auf, dann klingt das Ergebnis immer noch besser als die unorthodoxen Songs auf „A oder B“, die zwar gewollt „independent“ und „anti-mainstream“ sind, sich damit jedoch keinen Gefallen tun.

Es fehlen einem, so traurig das auch ist, beim Hören einfach ein wenig die Worte. Während man sich aber in einer gewissen Schockstarre befindet, kann man glücklicherweise auf die Lyrics des Künstlers selbst zurückgreifen, um die Eindrücke, die „A oder B“ hinterlässt, zu verbalisieren.
So stellt man sich und dem Rundling ununterbrochen dieselbe Frage wie sie Pat des Illusion im Titelsong formuliert „Bleib ich hart oder tust du mir weh?“, stimmt der Feststellung des Tracks „Leere“ zu, in dem von „kein Gefühl“ die Rede ist, stolpert letztlich noch über eine mangelnde Artikulation, sodass aus „Den Verstand geb‘ ich nicht her“ ein „Den Verstand geb‘ ich nicht hör“ wird, bis man im Titel „Losgelöst“ an den Punkt kommt, an dem es heißt „es fühlt sich schön und grausam an“. Und genau das tut es. Schön ist es genau dann, wenn es vorbei ist, denn wäre es nicht vorbei, würde das grausame Gefühl viel zu lange bestehen bleiben.

Pat des Illusion / Das Erwachen (Copyright: Nevada)

Pat des Illusion / Das Erwachen (Copyright: Nevada)

Hier rettet auch der Gesang die EP nicht vor dem Supergau. Stimmlich nur dann okay, sobald mit Verzerrungen gearbeitet wird, dominiert eher ein Sprechen als Singen, und das leider nicht unbedingt gut. Zu monoton, zu unartikuliert, zu pathetisch und overacted.

Und dennoch besitzt weder Stimme noch Musik Gefühl. Anders sieht es da bei den Hörern aus, denn deren Emotionen fahren Karussell. „A oder B“ macht phasenweise aggressiv, depressiv, frustriert und schließlich bekommt man es fast sogar mit der Angst zu tun, als die akustische Geisterbahnfahrt ihren Höhepunkt mit u.a. dem ansatzweise bedrohlich wirkendem „Leere“ erreicht. Spätestens jetzt braucht man dringend einen Schongang für die Ohren.

Bei aller Liebe zur Mainstream-Apathie, aber wenn man lieber eine Stunde lang von Helene Fischer zwangsbeschallt werden würde, als der EP „A oder B“ noch einen weiteren Durchgang zu gönnen, dann will das schon was heißen…

Video

Tracklist

01 A oder B (Single Version)
02 Monster (Single Version)
03 Losgelöst
04 Leere
05 Ganz in meiner Hand
06 A oder B (Goth’n’Roll Version)
07 A oder B (Akustik Version)
08 A oder B ( Piano Version)
09 Monster (Horror Version)
10 A oder B (Semi-Akustik Version)

Details

Das Erwachen – Homepage
Das Erwachen – Facebook

Label: Eigenproduktion
Vö-Termin: 29.05.2015
Spielzeit: 48:28

Copyright Cover: Das Erwachen



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde