Review

In Zeiten, in denen Künstler wie Lindsey Stirling, David Garrett oder der im Gegensatz dazu weniger bekannte Saltillo mit ihrer Mischung aus Pop und Klassik weltweite Erfolge feiern, muss man sich schon richtig ins Zeug legen, um als Künstler in dem Genre mithalten zu können. Entweder erfordert dies ein überaus großes musikalisches Talent oder aber eine innovative Idee, die sich von den übrigen Musikern abhebt und für Aufsehen sorgt. Beides bringt The Dark Tenor mit.

In einer sechsteiligen Webisode (im Reiter unter diesem Artikel anzufinden) lernt man die Geschichte des mysteriösen Dark Tenor kennen, dessen wahre Identität jedoch bis dato im Dunkeln verborgen bleibt. Mit seinem Debütalbum „Symphony of Light“ gibt jener nun seine musikalischen Ergüsse preis und entführt den Hörer mittels 14 Tracks in eine Welt, die gekennzeichnet ist von Gegensätzen: Laute Töne treffen auf leise, eine helle, fröhliche Stimmung weicht einer dunklen Atmosphäre, ein anschwellender orchestraler Bombast löst die vorherrschende Ruhe immer mal wieder ab, während auf der gesamten Länge von knapp 54 Minuten eine harmonische Mischung aus Klassik und (Dark) Pop geboten wird.

The Dark Tenor (Copyright: Thomas Nitz)

The Dark Tenor (Copyright: Thomas Nitz)

Ich gebe zu, nicht nur die kunstfilmartigen Webisoden machten mich neugierig auf das Schaffen des Dark Tenor, auch das Cover des Erstwerks, welches einen ominösen schwarz gekleideten Mann im Assassinen-Look in der apokalyptisch wirkenden Kulisse Dresdens zeigt, sprach mich umgehend an. Noch dazu mag ich klassische Musik. Drei schlagende Argumente also, mich intensiver mit dem Album „Symphony of Light“ von The Dark Tenor zu befassen.
Ich war gespannt, wie die liebevoll ausgearbeitete und aufwendig inszenierte Vorgeschichte auf dem Album weitergeführt wird. Diesbezüglich folgt aber zunächst etwas Ernüchterung, denn so offensichtlich, wie ich dachte, fällt der Zusammenhang zwischen Webisoden und Album letztlich gar nicht aus. Dies wundert insofern, da sich doch zum einen mit dieser Art der PR-Maschinerie sehr viel Mühe gegeben wurde, zum anderen birgt diese derart viel Potenzial, dass es schade ist, dieses Konzept auf „Symphony of Light“ nicht deutlicher weiterverfolgen zu können.
Damit ist es im Prinzip egal, ob man die Webisoden zu The Dark Tenor kennt oder nicht, denn was „Symphony of Light“ zu bieten hat, kann sich auch unabhängig davon behaupten und eine Geschichte erzählen.

Anders als Stirling und Garrett, die „lediglich“ mit ihrem instrumentalen Können auftrumpfen und sich hin und wieder Gastmusiker für ihre Produktionen mit ins Boot holen, bringt sich The Dark Tenor auf seinem ersten Silberling in vielen Bereichen selbst mit ein.

Da wäre zum einen – und selbstverständlich vordergründig – der Gesang. Durch den Tenor als Stimmlage dominiert durchgehend eine warme Gesangsstimme, die sowohl in den leisen Passagen als auch in den opulenten klassischen Parts unter die Haut des Hörers geht.
Oftmals wirkt gerade der opernhafte klassische Gesang auf Dauer sehr anstrengend. Dies ist im Fall von „Symphony of Light“ nicht gegeben, denn The Dark Tenor moduliert seine Stimme sehr schön und abwechslungsreich. Er beschränkt sich nicht nur auf reinen bruststimmenlastigen klassischen Gesang, wenngleich dieser gelungen und eindringlich den Hörer erreicht und neben Emotionen auch die Leidenschaft zur hier vorgetragenen Musik transportiert, zusätzlich driftet der ausgebildete Opernsänger, welcher sich hinter der geheimnisvollen Kunstfigur The Dark Tenor verbirgt, auch mal in klaren Popgesang ab.

Zum anderen ist The Dark Tenor laut Booklet, welches zwar keine Songtexte, dafür aber ein Poster bereithält, sowohl teilweise an der Instrumentierung (neben seinem Leadgesang und seinen Beiträgen in den Backingvocals und Chören greift er zudem zu Violine, Bass und Gitarre) als auch an den Texten und der musikalischen Zusammensetzung beteiligt. Ein Allroundtalent also, das sich unter der Kapuze versteckt, die sein Gesicht in den Schatten verbirgt.

Der Begriff „Dark“ im Namen The Dark Tenor zieht sich – angesichts der vielen Pop-Elemente, die auf den ersten Blick eher lautmalerische Fröhlichkeit vermuten lassen, überraschenderweise – konsequent und in vielerlei Hinsicht (sowohl musikalisch als auch optisch und das Image des Dark Tenor betreffend) durch das Album. Eine Konzeption, die aufgeht und zu gefallen weiß.
Aus diesem Grund trifft die Umschreibung „Klassik meets Dark Side of Pop“ ohne Diskussion zu, denn die Titel sind durchgehend düster arrangiert. Es wird nicht fröhlich-hell geträllert, über allen Liedern liegt eine gewisse Schwere und Melancholie, geschuldet dem Thema auf „Symphony of Light“, das sich – ähnlich wie beispielsweise „Das Phantom der Oper“ – mit der Liebe und dem daraus resultierenden Leid beschäftigt. Trotzdem läuft das Album nicht Gefahr, dem Hörer zu lethargisch vorzukommen.

The Dark Tenor (Copyright: Helen Sobiralski)

The Dark Tenor (Copyright: Helen Sobiralski)

Vielmehr pendeln die durch die Musik und den Gesang hervorgerufenen Emotionen zwischen Zerbrechlichkeit, Ergriffenheit, Entspannung und Aufgewühltheit. Der innere Kampf, dem sich The Dark Tenor in seinen Songs gefühlvoll und energetisch stellt, wird deutlich.
Musikalisch wird dies überwiegend stimmlich, aber auch durch orchestralen und choralen Bombast sowie einem satten, klaren, dichten und kraftvollen Sound erzeugt, welcher jedoch zu keinem Zeitpunkt zu übermäßig ertönt. Damit besitzen manch Symphonic Metal Kapellen zwar ein opulenteres klassisches Klanggerüst, zur poppigen Seite der Songs passen die Arrangements des Dark Tenors allerdings perfekt.

Es sind aber in der Mehrheit keine bekannten Pop-Songs, die The Dark Tenor hier neu interpretiert und mit Klassik-Versatzstücken anreichert; will heißen, dass auf „Symphony of Light“ bekannte klassische Melodien untereinander kombiniert und mit poppigen Anleihen wie Uptempo Beats, Synthie-Spuren oder dezenten Verzerrungen versehen werden. Dadurch trifft alt auf neu, Tradition auf Moderne. Und im Ergebnis hört sich dies fabelhaft an.

Diesbezüglicher Vorzeigetitel ist sicherlich der als Single fungierende Track „River Flows On The Edge“. Die Basis des Titels bildet das Pianostück „River Flows In You“ von Yiruma, der die Neuinterpretation höchstselbst am Klavier begleitet. Am Anfang noch deutlich erkennbar, ist auch im weiteren Verlauf die Grundmelodie des Originals dezent im Hintergrund beibehalten worden und begleitet so ganz leise die einsetzenden Vocals und klassischen Zusätze.

Ähnlich wie „River Flows On The Edge“ könnte man jeden weiteren Song auf „Symhony of Light“ detailliert unter die Lupe nehmen, denn zu entdecken gibt es nicht nur emotionale Achterbahnfahrten, sondern auch wahre musikalische Meisterwerke. Dies würde jedoch den Rahmen des Reviews sprengen und so beschränke ich mich in aller Kürze an dieser Stelle noch auf die Erwähnung folgender Titel:

Weihnachtlich anmutendes Glockenspiel verleiht dem auf der Hauptmelodie der „5. Sinfonie“ von Ludwig van Beethoven gründenden „Heart Of Gold“ das gewisse Etwas und verschmilzt großartig mit den einsetzenden akzentuiert gespielten Violinen und Orchesterpassagen. Stampfend und eindringlich bahnt sich der Song seinen Weg.

„Love Is Light“ lässt die „40. Sinfonie“ Mozarts (Erster Satz: Molto Allegro; g-moll) erkennen und zeigt erstmals, dass The Dark Tenor auch die höheren Tonlagen meistern kann.

Weltmusikartig mit Tribal- / Trommel-Einlagen präsentiert man in „Haunted Hearts“ eine neue Version von „Aquarium“ aus „Der Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns. Insbesondere die sich steigernde Dramaturgie des Titels und die Kombination mit einem unaufdringlichen Gitarrensolo reißen den Hörer mit. Relativ einfach gehalten, dafür aber sehr intensiv in seiner Wirkung.
Eine Randnotiz ist zudem die Tatsache, dass Thomas Stolle von Silbermond in diesem Song für die Gitarrenarbeit verantwortlich ist.

Sein Bandkollege Andreas Nowak begleitet am Schlagzeug hingegen den Titel „Misere“, der ebenfalls durch den Dresdner Kreuzchor aufgewertet wird und an Dichte gewinnt.

The Dark Tenor (Copyright: Thomas Nitz)

The Dark Tenor (Copyright: Thomas Nitz)

Da in „The Hunger“ die Arie der „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Die Zauberflöte“ eingebaut wurde, fehlt hier auch eine Gastsopranistin nicht.
Weitere gesangliche Unterstützung erhält The Dark Tenor in „Lascia ch’io Pianga“, dessen Hauptthema von Georg Friedrich Händel stammt. Das Duett wird bestritten mit Angelzoom und entsprechend findet man auch die typische Musik Angelzooms in diesem Song wieder. Wundervoll.

Möchte man abschließend noch nach Kritikpunkten suchen, dann könnte man eventuell hervorheben, dass mit der Pop-Note ein wenig mehr experimentiert hätte werden können, indem man beispielsweise – wie Stirling dies in ihren Titeln tut – Dubstep-Einlagen in dem einen oder anderen Titel platziert hätte. Dies ist aber Meckern auf hohem Niveau und eine reine Geschmacksfrage, sodass es bei der Höchstwertung bleibt. Wer in unserem Prelistening Probe gehört hat und mit der kleinen Auswahl an Songs zufrieden war, der sollte sich unbedingt das Album zulegen. Man wird nicht enttäuscht sein.

Webisoden 1-6

Video

Tracklist

01 The Beginning
02 Heart Of Gold
03 River Flows On The Edge (feat. Yiruma)
04 Love Is Light
05 River Of Life (Special Guest: Tina Volk, Violine)
06 Haunted Hearts (Special Guest: Thomas Stolle von Silbermond, Gitarre)
07 Misere (Special Guests: Dresdner Kreuzchor, Chor / Andreas Nowak von Silbermond, Drums)
08 The Hunger (Special Guest: Esther Puzak, Sopran)
09 Ode an die Freude
10 Like A Hero
11 After The Nightmare
12 A Stranger Like You (Special Guest: Richter, Piano)
13 Lascia ch’io Pianga (Duett mit Angelzoom)
14 Tag des Zorns – Lakme / Dies Irae

Details

The Dark Tenor – Homepage
The Dark Tenor – Facebook
The Dark Tenor – Twitter

Label: Trick or Treat Records / PolydorUniversal Music
Vö-Termin: 10.10.2014
Spielzeit: 53:13

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde