Review

In einer pechschwarzen Nacht sucht ein niederes Insekt „Fragmenting Tensions“ als einzig weisendes Licht auf, welches am Ende doch unerreichbar scheint. Und manche Leute suchen krampfhaft nach Pseudo-Allegorien für Sounds. Colored Moth aus Berlin stehen für energetischen Post-Hardcore mit experimentellen Ansätzen, die bis hin zum Noise reichen. Gleich dem Titel bilden auch die neun Songs Fragmente, zwischen deren Klüfte der eigentliche Kern hervorschimmert.

Jede gute Platte beginnt mit pfeifender Rückkopplung der Gitarre. Auch „Fragmenting Tensions“ macht diesbezüglich keine Ausnahme, bis das catchige Riff einsetzt, welches direkt im Anschluss in „Decaly Acceleration Factor“ auftritt. Während dieser Song noch die Basics des Post-Hardcore/-Rock mit sich bringt, geht es in „LZRDSNC“ mit hämmernden Drums direkt in die Vollen. Nach der zunächst atmosphärischen Einleitung gehen Colored Moth umgehend in den Noise über und schließen alles mit einer ohrenbetäubenden Portion Mathcore ab.

Generell erscheint der Sound auf „Fragmenting Tensions“ sehr wackelig und stellenweise sogar äußerst vorhersehbar; besonders weil hier viele bekannte Elemente aufgegriffen werden, die die Musik immer wieder in den extremen Bereich ziehen sollen. Vor allem gegen Ende halten sich Colored Moth mit akustischen Überraschungen stark zurück, sodass die Hörer nicht mehr das Gefühl haben, etwas wirklich Neuem zu begegnen, sobald ordentlich auf die hohen Saiten der Gitarren eingedroschen wird.

Doch heben wir nun die positiven Momente des Albums hervor, denn obwohl man zu Beginn meint, dass „Fragmenting Tensions“ den Hörern nicht mehr viel entgegenkommen kann, wird man im weiteren Verlauf feststellen, dass Colored Moth ein Gespür für ausgewogene Songs haben. Ein ungestümer und roher Sound, der aber vor allem auch noch genießbar ist.
Es ist stets überraschend, wie dem Hörer einerseits viele akustische Reize in die Gehörgänge geschoben werden und man andererseits dennoch nie von dem Ganzen überfordert ist. Gelegentlich nehmen Colored Moth einen auch an die Hand und führen durch ihre Soundlandschaften.

Ein erstes Zeichen setzt man mit „Second Sight – Craving Of The Id“. Das hysterische Geschrei wird überwiegend durch eine weibliche Stimme ersetzt, während sich der Bass rollend seinen Weg unter melodische Gitarren-Riffs sucht. Dazu bietet der Song noch weitere Elemente, die gekonnt in den Kontext eingebunden wurden.

Auch „Power Outage Monologue“ erinnert vom abgehakten Stil her zunächst an einen Song von Fear Before; dennoch mischen Colored Moth noch ihre eigenen Nuancen unter, die bis hin zum Free Jazz reichen.

Colored Moth (Copyright: Colored Moth)

Colored Moth (Copyright: Colored Moth)

Sieht man „Fragmenting Tensions“ als großes Ganzes, trägt jeder Song seinen Teil zu diesem Sound bei, dem scheinbar schon lange die Puste ausgegangen ist, der sich aber immer noch auf den Beinen hält. Sogar die Interludes klingen interessant und differenziert. So verlässt sich „Dystopian“ auf Borderline-Noise, der sich nicht zwischen Melodie oder Chaos entscheiden kann und „Reminisence“ ist ein simpel rückwärts gespulter Track, der immer noch Gefühl mit sich bringt.

Auch wenn sie sich vieler bekannter musikalischer Aspekte der Genres bedienen, klingen Colored Moth alles andere als abgedroschen, was vor allem an dem frischen und bunten Sound liegt, wenngleich die Band oft mit dunkleren Tönen glänzt. Die Jungs variieren ihre Stile, spielen mit verschiedenen Einflüssen und bieten hier keineswegs ein einseitiges Album. „Fragmenting Tensions“ gehört einfach ordentlich auf die Ohren.

Video

Trackliste

01 Decay Accelerating Factor
02 LZRDSNC
03 Dystopian
04 Second Sight – Craving Of The Id
05 Void
06 Power Outage Monologue
07 Fragmenting Tensions
08 Reminiscence
09 Fragile Spiral

Details

Colored Moth – Facebook

Label: Twisted Chords
Vö-Termin: 17.05.2016
Spielzeit: 30:40

Copyright Cover: Twisted Chords



Über den Autor

Christopher