Review

„The Speed Of Time“ heißt das neue und inzwischen dritte Album des Industrial Projekts Chemical Sweet Kid – und der Name scheint Programm zu sein, denn der sich dahinter verbergende Franzose Julien Kidam gibt gemeinsam mit seiner Live-Keyboarderin und Backgroundsängerin Kora Li in den 13 Songs stellenweise reichlich Gas.

Entsprechend ist „The Speed Of Time“ ziemlich schnell an einem vorbeigerauscht. Daran ändern auch die einzelnen Down-Tempo Nummern, bei denen man sich ganz offensichtlich Marilyn Manson als musikalisches Vorbild nahm, nichts, denn die Spielzeit eines jeden Titels fällt sehr kompakt aus. Doch was gibt es in der Kurzweil, die das Album bietet, zu hören?

Ein bisschen Marilyn Manson Sound mit einem Wechsel vom Schleppenden zum Harschen hier (z.B. in „From The Darkness“ oder in „Precious Time“), massig knarzenden Industrial dort und ebenfalls Phasen, die dem Hörer verdeutlichen, dass es besser wäre aufzuhören, bevor die Ohren anfangen zu bluten. Jenes Level erreicht beispielsweise der Track „Illusion“ durch seine derben, hohen Electro-Spitzen. Erst wenn der „Gesang“, der von Geflüster über Gesprochenes bis hin zum Geschrei reicht, und die Synthies dunkler werden und weniger schrill ausfallen, wird „Illusion“ wieder verträglicher.

Das zeigt sich auch im Song „Disillusion“, der phasenweise fast schon an der Grenze zum Noise kratzt, dafür aber mit prägnanten weiblichen Vocals daherkommt, die in den meisten Songs, in denen sie vorkommen, zu sehr im Hintergrund stehen und nur als nettes Beiwerk (wenn überhaupt) wahrgenommen werden.

Besonders steht Chemical Sweet Kid die dunkle, tiefere Songinszenierung sehr gut, denn gerade dann entfalten die Titel ihre Dichte und Atmosphäre.

Jene wird bereits mit dem Intro „00:00 am“ aufgebaut. Schauerliche Geräuschsamples, das Aufziehen und anschließende Ticken einer Uhr, dezent eingeworfene Sprachsamples und knarrende Electro-Schnipsel sind die Elemente, die in „The Speed Of Time“ einleiten und den Hörer auf das Folgende vorbereiten sollen.

Nahtlos knüpft daran die stampfende Nummer „Once Again“ an. Ihre simple Art, die durch repetitive Strukturen erzeugt wird, sorgt dafür, dass der Refrain umgehend ins Ohr geht. Um der Monotonie nicht ganz zu verfallen, bringen Variationen im teils angezerrten Gesang Abwechslung.

Chemical Sweet Kid (Copyright: Chemical Sweet Kid)

Chemical Sweet Kid (Copyright: Chemical Sweet Kid)

Auch „No Emotion“ drückt das Gaspedal ordentlich durch und sorgt für zuckende Leiber seitens der Hörer. Ein gewisser Grad an Aggressivität wird aufrechterhalten, was insbesondere durch die facettenreiche stimmliche Darbietung zum Ausdruck gebracht wird.

Kennt man allerdings dann ein paar Lieder von „The Speed Of Time“, wird man kaum noch überrascht. Vielmehr klingen einige Songs recht ähnlich (oder wie bereits erwähnt zu sehr nach Marilyn Manson), dass in diesen Fällen noch von Eigenständigkeit die Rede sein könnte. Die ebenfalls genannten „schrillen“ Titel, in denen der Industrial aufs Heftigste ausgereizt wurde, muss man mögen – oder einfach nur überstehen.

Aber wenn es mal wieder ein wenig zu fies oder anstrengend für die Ohren wird, kann sich Julien Kidam ja immer noch den Oberkörper entblößen und sich mit Blut beschmieren, so wie im Video zum Song „Once Again“. Dabei schont der Konsument dann die Ohren und verwöhnt stattdessen die Augen.

Video

Tracklist

01 00:00 am
02 Once Again
03 No Emotion
04 The Next Chapter
05 Kiss My Hate
06 From The Darkness
07 Illusion
08 Precious Time
09 Disillusion
10 Rewind
11 The Sound Of Life Running Out
12 Thousand Words
13 Your Silence Is Full Of Words

Details

Chemical Sweet Kid – Homepage
Chemical Sweet Kid – Facebook
Chemical Sweet Kid – Twitter

Label: Danse Macabre / Al!ve
Vö-Termin: 25.09.2015
Spielzeit: 48:07

Copyright Cover: Danse Macabre



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde