Review

Wenn es eine Band versteht, ihre Musik eisig kalt klingen zu lassen, dann ist es Charun aus Italien. Das Vierergespann sieht sich als Verfechter des instrumentalen Post-Rock und genau darum geht es auf ihrer Platte „Stige“: Weitläufige, atmosphärische Sounds, über die sich ein melodischer, aber auch harter Charakter legt.

Kühl wirkt auch der hauptsächlich minimale Einsatz der Gitarren, die mit viel Hall die fünf Songs ausfüllen und schon alleine für die richtige Stimmung sorgen. Kommen dann die Drums hinzu, explodieren die Jungs förmlich in ihrer Musik. Dann geht es Schlag auf Schlag – und auch ein wenig Sludge bekommt man hier zu spüren.

An Variationen im Sound mangelt es jedenfalls nie und so kann es schon mal sein, dass Charun zu Beginn ihre akustischen Muskeln spielen lassen, während der Bass alleine brummend den Rhythmus angibt und die Gitarren leise im Hintergrund klingen. Schade, dass die Band immer wieder nach diesem Schema verfährt und dieses Auf und Ab des energetischen Einsatzes nicht ausreichend ausgenutzt wird.

Trotzdem geht dieses Konzept grundsätzlich auf, da die Strukturen nie zu komplex gehalten werden. Dadurch hat man bei vielen Passagen (wie in „Divina Voluptas“) das Gefühl, einen musikalischen Sonnenaufgang bewundern zu dürfen. Eine angenehm weiche Melodie, die sich um die Ohren schmeichelt, nur um dann unter galoppierenden Drums ihren epischen Höhepunkt zu finden.

Zwar bringt „Stige“ viele konzeptionelle Ideen mit ein, aber so sehr schaut man nicht über die gesteckten Grenzen. Eher wird alles schlicht und einfach gehalten, was für den einen oder anderen Hörer bestimmt ausreichen mag, aber im Endeffekt zeigt sich die Band nicht allzu spektakulär.

Charun (Copyright: FAHC Fabrizio Ara)

Charun (Copyright: FAHC Fabrizio Ara)

Das Pathos, das die Jungs hier beschreiten, legt aber kaum Wert auf experimentelle oder gar zerstörerische Ansätze. Die verschiedenen Teile der Titel greifen nahtlos ineinander über, wodurch es sich weniger um aneinandergereihte Einflüsse handelt, sondern um ein großes Ganzes. Und das ist es, was am Ende den bleibenden Eindruck von „Stige“ ausmacht. Nicht zu viel, aber das genau in dem Rahmen, um den Hörer bei Laune zu halten.

„De Tranquillitate Animi“ setzt beispielsweise fast ausschließlich auf langsame Akustik und wird nur in der Mitte ein wenig verzerrter. Ansonsten kommt dieser Titel vollkommen ohne Drums aus. Auch das Muster der Sounds ändert sich danach, wodurch man hier eine innerliche Verwandlung vollzieht.

Auf Dauer ist man dann doch froh, wenn der leibhaftige Post-Rock seinen Auftritt hat, der auf diesem Album mehr als nur eine Nebenrolle spielt. In Charuns Musik scheint man förmlich zu versinken, denn auch bei so viel Stärke scheint alles irgendwie immer verträumt. Wer also einmal durch ein wunderschönes Niemandsland der rockigen Attitüde wandern möchte, ist mit „Stige“ mehr als gut bedient.

Trackliste

01 Clinamen
02 De Brevitate Vitae
03 Divina Voluptas
04 De Tranquillitate Animi
05 Intermundiae

Details

Charun – Homepage
Charun – Facebook

Label: As Above So Below Records
Vö-Termin: 01.01.2016
Spielzeit: 32:47

Copyright Cover: As Above So Below Records



Über den Autor

Christopher