Review

Mit ihrem Album „Omen“ reihen sich Blutengel in die Liga der Bands und Projekte ein, die „Gothic“ massentauglicher gestalten und für sich ein wenig mehr kommerzialisieren wollen. Ähnlich wie bereits bei Unheilig und zuletzt auch Mono Inc. driftet die Musik des wohl bekanntesten Gesichts der Szene, Chris Pohl, entsprechend zuweilen in 08/15 Songstrukturen mit reichlich Pop-(Rock)-Chic ab. Was auf Unstimmigkeiten innerhalb der Fangemeinde treffen könnte, findet Anklang beim breiteren Publikum.

So mangelt es „Omen“ nicht an Eingängigkeit, gleichzeitig stößt man auf Austauschbarkeit. Blutengel galten jedoch auch bisher bei vielen als Modern Talking der Gothic-Szene. Nach dem Motto „kennt man einen Song, kennt man alle“ war Verlass auf stimmige teils tanzbare, teils düster-romantische Nummern, denen es weder an Klischee noch an Kitsch fehlte.

Ist „Omen“ denn deshalb nun komplett anders als das bisherige Material des Projekts und oben Genanntes negativ zu verstehen? Nein, denn so beliebig oder gefällig die Songs wirken, so überzeugend sind sie auch, während Blutengel stets noch als Blutengel erkennbar ist. Pohl beweist nur einmal mehr (vielleicht sogar ein wenig deutlicher) sein Händchen für erfolgreiche Titel, die bei einer Menge unterschiedlicher Hörer im Ohr bleiben werden. Weder in Bezug auf die breite Hörerschaft noch auf die schnelle Zugänglichkeit der Tracks kann man ihm einen Vorwurf machen, denn letztlich ist es Ziel der Musik, viele verschiedene Personen zu erreichen und mit bzw. in ihnen etwas zu bewirken. Die Mehrheit der 16 (!) Songs der regulären Version von „Omen“ kann dies. Textlich immer noch sehr klischeebehaftet und aus wenigen, dafür aber repetitiven Zeilen bestehend, gehen die einzelnen Songs ins Ohr. Das macht schon „Sing“ nach dem instrumentalen (und leider auch eher überflüssigen) Opener „Prologue: Omen“ deutlich.

Wo in der Vergangenheit noch verstärkt der Electro-Faktor zum Tragen kam, erhalten nun zwar vermehrt gefälligere Pop-Strukturen ihren Platz auf dem Silberling, zum Teil erinnern wenige Lieder auch an eingangs erwähnte Mono Inc., ganz verzichten muss man auf ihn jedoch nicht. So betont bereits das sich nach „Sing“ anschließende hitverdächtige „The Siren“ die elektronische Seite Blutengels wieder mehr. Nicht nur eingängig und melodiestark, auch tanzbar erschallt der Track in gewohnt überzeugender Produktion aus den Boxen. Der weibliche Gesang, als „Antwort“ auf Pohls Lyrics, komplettiert dieses „Duett“.

Blutengel (Copyright: Annie Bertram)

Blutengel (Copyright: Annie Bertram)

Apropos Gesang: Dunkel-Romantisches bringt abermals die markante Stimme Pohls auf die CD, der durch seine Gesangspartnerin Ulrike Goldmann, die Blutengel seit 2005 mit weiblichen Vocals unterstützt, mal dominanter, mal weniger ausgeprägt begleitet wird. Während Goldmann im balladesken Song „Give Me“ einen Alleingang wagt, wirkt Pohls Sangeskunst erstmals auf „Omen“ im Song „Der Regen fällt…“ gewöhnungsbedürftig. In jeder Hinsicht „overacted“ vibriert er durch die Strophe und klingt dabei zu zittrig, zu wehleidig. Was absichtlich als Stilmittel eingesetzt wurde, hätte gar nicht sein müssen. Dann doch lieber die mit Verzerrung versehene Stimmperformance oder sein herkömmlicher Gesang, während überwiegend die Musik als emotionales Sprachrohr fungiert.

Auf „Omen“ überzeugen einige Songs gut, andere noch besser – unabhängig davon, ob sie auf Deutsch oder Englisch daherkommen. Obwohl das Album den Eindruck erweckt, die massenkompatible Seite von Blutengel zu bestärken, sollte man sie nicht vorschnell aburteilen, denn spätestens nach wiederholtem Hören zündet das hier vorliegende Material.

Video

Tracklist

01 Prologue: Omen
02 Sing
03 The Siren
04 Wir sind was wir sind
05 Give Me
06 The War Between Us
07 Fire in the Distance
08 Dein Gott
09 Guilty
10 Save Us
11 Der Regen fällt …
12 Ich bin das Feuer
13 Holy Blood
14 Asche zu Asche
15 Bow Down
16 Elegy

Details

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Label: Out of Line
Vö-Termin: 13.02.2015
Spielzeit: 65:18

Copyright Cover: Out of Line



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde