Review

Bereits seit Ende Januar ist es erhältlich, das neue und inzwischen zehnte Album der Krefelder Metal-Urgesteine Blind Guardian. Doch während sich die Jungs um Hansi Kürsch selbst vier Jahre zwischen dem Album „At the Edge of Time“ und dem aktuellen Werk „Beyond the Red Mirror“ Zeit ließen, hat auch unser Review auf sich warten lassen. Dies wundert nicht angesichts der Komplexität, die Blind Guardian hier in ihrem Symphonic Progressive Metal an den Tag legen. Da bedarf es schon mal den einen oder anderen zusätzlichen Durchgang, um die Tiefe des Werks zu durchdringen.

Doch zunächst einmal zu den Fakten rund um „Beyond the Red Mirror“:
Blind Guardian veröffentlichen darauf (auf der Standard-Edition) zehn Songs und luden drei internationale Chöre (aus Prag, Budapest und Boston) sowie zwei 90-Mann-Orchester ein. Die sinfonisch-orchestrale Seite des Albums ist damit mehr als ausreichend abgedeckt und das hört man dem Silberling auch an, der dadurch an Dichte und Bombast gewinnt.

Inhaltlich knüpft das Quartett an ihr 1995er Album „Imaginations from the Other Side“ an. Kürsch selbst äußerte sich zum „Beyond the Red Mirror“ zugrunde liegenden Konzept wie folgt:

Eine Story angesiedelt zwischen Science Fiction und Fantasy. Die Geschichte setzt bei unserem 1995er Album „Imaginations From The Other Side“ an. Die beiden dort beschriebenen Welten haben sich seitdem dramatisch zum Schlechten gewandelt. Doch während es früher etliche Tore zwischen den Welten gab, existiert nun nur noch eine einzige Pforte: der Rote Spiegel. Dieser muss um jeden Preis gefunden werden.

Musikalisch hingegen führt man den progressiven Weg, den die Band mit „A Night at the Opera“ begann einzuschlagen, weiter fort und perfektioniert diesen Stil im Jahre 2015. Das wird nicht jedem gefallen, denn was früher einmal sofort ins Ohr ging, braucht heute mehr Zeit und Geduld, um entdeckt und erfasst zu werden. An Verschachtelungen und komplexen Strukturen mangelt es „Beyond the Red Mirror“ nämlich nicht und so verliert sich der Hörer einige Male in den langen, vertrackten Songs, die abwechslungsreich, aber in sich immer noch stimmig komponiert wurden. Nicht selten fragt man sich, wie es die Band selbst bewältigt, innerhalb der Songs nicht den roten Faden zu verlieren.
Nichtsdestotrotz gemahnt Hansi Kürschs Stimme stets sowohl an die „alten“ als auch an die „neuen“ Blind Guardian, unabhängig davon, wie weit sich die Band in die progressive Richtung vorwagt.

Symphonisch zart und metallisch hart also? Könnte man denken, wenn man an das aufgefahrene orchestral-sinfonische Aufgebot und die musikalischen Wurzeln Blind Guardians denkt, doch die Orchester- und Chor-Fraktion bringt ordentlich Power durch Masse mit.

Blind Guardian (Copyright: Blind Guardian)

Blind Guardian (Copyright: Blind Guardian)

Ihr Ziel, auf „Beyond the Red Mirror“ keinesfalls beliebig zu klingen, haben Blind Guardian erreicht. Ebenso fallen viele Sequenzen innerhalb der Songs aber selten prompt gefällig aus. Vielmehr gleicht das Album in seiner Gesamtheit einer umfangreichen und anspruchsvoll umgesetzten Metal Oper, die hin und wieder ergreifende, melodiöse Momente bietet, dann wieder die gesamte Bandbreite an spielerischem Können aufzeigt, das gerne auch mal sperriger Natur sein kann.

Die Opulenz und Epik von „Beyond the Red Mirror“ weiß eine gute Produktion in Szene zu setzen, darunter auch die verzerrt-scheppernden Züge, die der Opener „The Ninth Wave“ teilweise birgt und die den dadurch verunsicherten Hörer veranlassen, zunächst einen angstvollen Blick auf die heimische Anlage inklusive Boxen zu werfen. Auch für diese spezielle Spielerei trifft zu, dass der eingebaute Effekt erst nach mehrmaligem Konsum so richtig zündet und überzeugt.

Alles in allem macht es wenig Sinn, einzelne Songs aus dem Gesamtkunstwerk „Beyond the Red Mirror“ herauszupicken, um sie detailliert auseinanderzunehmen. Entweder man lässt sich auf die Reise hinter den Roten Spiegel ein und wird von dem, was man hört, willkommen geheißen, oder man wird sich in den dabei auftuenden Welten verirren und den Boden unter den Füßen verlieren. Wir haben uns auch verloren, jedoch auf eine positive Art und Weise, die uns 4,5 Sterne wert ist. Ein fabelhaftes Meisterwerk, auch wenn den alten Werken der Band eine kleine Träne nachgeweint wird.

Videos

„Beyond The Red Mirror“ – Trailer:

„Twilight of The Gods“ – Lyric Video:

Tracklist

01 The Ninth Wave
02 Twilight Of The Gods
03 Prophecies
04 At The Edge Of Time
05 Ashes Of Eternity
06 The Holy Grail
07 The Throne
08 Sacred Mind
09 Miracle Machine
10 Grand Parade

Details

Blind Guardian – Homepage
Blind Guardian – Facebook
Blind Guardian – Twitter

Label: Nuclear Blast
Vö-Termin: 30.01.2015
Spielzeit: 65:20

Copyright Cover: Nuclear Blast



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde