Review

Was The Dark Tenor unter den Sängern und David Garrett unter den Geigern ist, ist Benjamin Richter unter den Pianisten. Ein weiterer Künstler, der sich der klassischen Musik widmet, und diese durch moderne Elemente, zeitgenössische Coverversionmixturen und einem dem Genre untypischen, unkonventionellen Äußeren der breiten und vor allem jüngeren Masse an Hörern, die mit der Klassik normalerweise kaum bis keine Berührungspunkte haben, näherbringt.

Die Meinungen über die teils poppig angehauchten, teils rockigen Interpretationen jener Künstler gehen weit auseinander. Entsprechend wird auch Benjamin Richter mit seinem Soloalbum „The Grand Momentum“ polarisieren.

Zunächst zum Background von Benjamin Richter: In der Musikszene ist er längst kein Unbekannter mehr. Ob als Produzent oder in der Rolle des aktiven Musikers in Bands wie The Mercury Arc (ex-Butterfly Coma), für sein Debütalbum „The Grand Momentum“ bringt er einiges an Erfahrung mit.

Das hört man insbesondere der Auswahl der Kompositionen an, denn ist schon allein der Klang des Klaviers sehr erhaben, konzentriert sich Benjamin Richter zudem auf intensive, eindringliche Melodien.

Damit setzt der Pianist auf Emotionen, die den Hörern zwar nicht neu sind, sie aber dennoch phasenweise berühren. Das altbekannte Spiel aus Melancholie und Hoffnung, Freude und Trauer, Sehnsucht, Schmerz und Lebendigkeit ist zugegeben ein wenig abgedroschen, Richter greift diese Themen jedoch gelungen auf und begibt sich gemeinsam mit dem Zuhörer auf eine Achterbahnfahrt aus Dur und Moll.

Sein Klavierspiel erscheint dabei zunächst nicht unbedingt herausragend, solide weiß er aber, was er tut, und der Wechsel von lauten, energisch angeschlagenen Tasten hin zu ruhigen, sanften Melodiebögen gelingt. Die erhoffte Schwermut bleibt aber insgesamt aus und „The Grand Momentum“ driftet des Öfteren in die typische Klassik-Pop-Rock-Mischung ab, die derzeit an vielen Ecken geboten wird. Das macht das Album zu einem verlässlichen Begleiter für all jene, die auf den derzeitigen Hype an undergroundiger Mainstream-Klassik stehen, auch als sanfte Hintergrundbeschallung kann „The Grand Momentum“ überzeugen und lädt zum mehrmaligen Hören ein, doch um sich tief in die Symphonien fallen lassen zu können, fehlt es dem zwölf Tracks starken Werk an Substanz und an noch mehr Eigenständigkeit. Diesbezüglich holt Benjamin Richter noch nicht alles raus, was sein bespieltes Instrument und sein Talent an Potenzial bergen.

Nichtsdestotrotz hält „The Grand Momentum“ viele schöne Augenblicke parat. Bereits der leise, ruhige Einstieg in den Titeltrack, der gleichzeitig als Opener fungiert, zeugt von einer Sensibilität und Sentimentalität, die kurz für Gänsehaut sorgt.

Das sich anschließende „Hollow Life“ kombiniert im Mittelteil die Richter’sche Klavierklassik mit einer Slow-Motion-Variante des Endes von Linkin Parks Song „In The End“.
Ähnlich vereint „Enjoy the Silence Sonata“ Depeche Mode mit Beethoven, doch die großen Gefühle bleiben hier aus. Dies liegt allerdings nicht etwa am fehlenden Gesang, vielmehr verliert sich die Intensität in den kombinierten Passagen.

Benjamin Richter (Copyright: Lydia Richter)

Benjamin Richter (Copyright: Lydia Richter)

„The Grand Momentum“ hat dem Titel entsprechend seine großen Momente, und doch hätten es immer noch mehr sein können. Zudem wird das Instrument von Benjamin Richter zu sehr auf Nummer sicher gespielt. Abgesehen von Lautstärkevariationen durch die mal mehr und mal weniger intensiven Tastenanschläge oder dem Wechsel von langsamen und schnelleren Tempo vermisst man mehr Ecken und Kanten oder markante Strukturen, die über die genannten Spielarten hinausgehen. Mag der persönliche Stil des Künstlers einzigartig sein – insbesondere im Bereich der klassischen Pianomusik – so hätte auch das Klavierspiel Richters diese Besonderheit deutlicher widerspiegeln können. Etwas mehr Mut und Biss, wie im Sound der pianolastigen Band InLegend zu hören, hätte auch dem Künstler Benjamin Richter gut getan.
Oftmals fallen die Stücke außerdem zu kurz aus, um der Epik eines Klavierstücks gerecht zu werden. Damit soll das Ganze attraktiv massenkompatibel gehalten werden, ehe sich der Reiz eines Songs jedoch ausbreiten kann, endet das jeweilige Lied meist schon. Abhilfe kann jedoch ein genaueres Hören mit Kopfhörern schaffen, da dadurch die nicht scheinbar oft bestehende Distanz zwischen Musik und Hörer überbrückt wird.

Nicht jeder Anschlag der schwarzen und weißen Tasten trifft den Hörer direkt ins Herz, denn die massentauglichen Arrangements gehen auf Kosten der Virtuosität, dennoch ist „The Grand Momentum“ kein schlechtes Album. Es ist durchaus all jenen zu empfehlen, die sich für moderne Klaviermusik begeistern können und ein offenes Ohr für klassisch ausgerichtete Neuinterpretationen von Depeche Mode oder Linkin Park Klassiker haben. Diese Zielgruppe darf daher gerne auch einen weiteren Stern zu unserer Bewertung hinzuaddieren.

Video

Tracklist

01 The Grand Momentum
02 Hollow Life
03 Enjoy the Silence Sonata
04 Piano morte
05 Fuga magica
06 Per aspera ad astra
07 Der Kummer, der nicht spricht…
08 Wiegenlied
09 Nebula
10 Salvation Serenade
11 Lost in a Haze of a Dream
12 Zeit des Erwachens

Details

Benjamin Richter – Homepage
Benjamin Richter – Facebook

Label: Sevenone Music / Sony Music
Vö-Termin: 10.04.2015
Spielzeit: 44:45

Copyright Cover: Sony Music



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde