Review

Die japanische Metal Idol Group Babymetal hat ihr selbstbetiteltes Debütalbum 2014 veröffentlicht und legt nun, nach mehreren Singles, Projekten und Touren, das zweite Studioalbum „Metal Resistance“ nach.
Am 1. April 2016 erscheinen zeitgleich diverse Varianten, im Folgenden soll es um die „Out of Japan“-Edition gehen.

Auf ihrer „Road of Resistance“, den Metal und die Idol-Tradition in Kawai Metal zu vereinen, haben sich die drei Mädchen Su-Metal (Jahrgang 1997, Model und Sängerin), Yuimetal und Moametal (beide geboren 1999, Tanz und Vocals) tatkräftige Unterstützung in Form ihrer Kami-Band (Backup-Band) aufgebaut. „Kami“ bedeutet übersetzt „Gott“ und ist gar nicht so blasphemisch, zumindest musikalisch. Denn an den Instrumenten wirken namhafte Vertreter der japanischen Musikerlandschaft: Gitarrist Shinji Yuuto alias Leda war in den Heavy und Visual Kei Metalbands Deluhi und Galneryus aktiv, Mikio Fujioka gilt als der Young Guitar Genius Japans und Takeyoshi Omura vereint Geschwindigkeit und Melodiösität auf der Gitarre; Yuya Maeta war als Support-Drummer für die Blue Man Group unterwegs und Hideki Aoyama ist für sein schnelles Spiel bekannt, das ihm wohl schon sein Vater in die Wiege legte, während Bohte Saisuke alias BOH seinen sechssaitigen Bass durch gekonntes Slapping und Soli ins Rampenlicht stellt.

Babymetal (Copyright: Babymetal)

Babymetal (Copyright: Babymetal)

Während die Mädchen sich in der Idolgruppe Sakura Gakuin kennenlernten und so Babymetal gründeten, stießen die anderen Bandmitglieder nach und nach dazu. Die ersten Konzerte wurden Playback gespielt, mit den „Kami“ in schwarz-weißen Skelettanzügen im Hintergrund. Doch glücklicherweise haben sich Babymetal rasant entwickelt und expandieren mit ihrem ansprechenden Stilmix global, um die Grenzen zwischen den Genres zu überwinden.

In dieser Mission startet der Opener „Road of Resistance“ mit melodischen Riffs der Leadgitarristen von DragonForce, Herman Li und Sam Totman. Die aufgebaute Spannung wird jäh von den kindlichen Stimmen mit „One, two, three, four!“ gebrochen, um die angestaute Energie unvermittelt durch ein Schlagzeuggewitter mit Gitarrensoundwand loszulassen. Die Vocals, für westliche Ohren durchaus nicht so fremd wie andere japanische Exporte, bündeln die Rhythmen und reißen den Hörer mit bis zum finalen Gitarrensolo mit highpitched Scream – wenn man das bei Su-Metal so nennen kann. Eingestreute Growls bilden ein Gleichgewicht zum zuckersüßen Klargesang und im Ganzen ist der Song abwechslungsreich und doch bei allem Elementemix sehr stimmig und linear. Obwohl ein Großteil in Landessprache verfasst ist, verführen die englischsprachigen Textstellen doch zum Mitsingen und brennen sich ins Gedächtnis.

Ein ganz anderer Ton wird mit dem zweiten Titel „KARATE“ angeschlagen, der Leadsingle zum Album.
Die an Dubstep erinnernden Soundeffekte und Basslines erzeugen einen drängenden Rhythmus, der vom Sprechgesang aufgegriffen und dann von Klargesang, Chorus und Riffs pointiert wird. Auch diese Einstreuung ist nicht überraschend, hat Skrillex doch schon die Single „Gimme Chocolate!!“ remixed und gemeinsam mit Babymetal performed. Dennoch hält sich die Anleihe in Grenzen und es bleibt poppig.
„Awadama Fever“ schlägt in die gleiche Kerbe, indem mit harten Riffs eröffnet wird und der Klargesang quasi durch das Programm führt.

Wer tapfer bis hierher durchgehalten hat, sollte wissen, dass japanische Alben oftmals mit vielen Abwechslungen gespickt sind. So wird es mit dem nächsten Titel „YAVA!“ sehr joshi – minimalistisch-industrielle Soundeffekte kreieren eine digitale Klangwelt und man kommt nicht umhin, sich ein dazu passendes Videospiel vorzustellen. Die visuelle Untermalung ist durch die durchchoreografierten Tanzeinlagen auf jeden Fall gegeben und stellenweises Growlen stellt den Bösewicht. Wer für derartige Experimente offen ist, wird womöglich trotzdem Gefallen am Spannungsaufbau finden, der durch Tempowechsel und variierende Vocals fesselt.

Mit dem getragenen Intro von „Amore“ wird es emotional, aber nicht weniger energiegeladen.
„Meta Taro“ beschwört mit den simpleren Melodien, Wiederholungen und Kontrastgrowlen eher militärische Bilder herauf, ohne dabei monoton zu werden.

Titel Nummer 7 ist eine der beiden Besonderheiten auf der „Out of Japan“-Edition. „From Dusk Till Dawn“ statt „Syncopation“ öffnet poppig, der glasklare Gesang in Höhen, die man Su-Metal von den vorherigen Titeln zu urteilen nicht zugetraut hätte, tastet sich durch aufwallende und wieder abebbende Soundtürme und „Break!“ ist der Einsatz der nunmehr bekannten elektronischen Elemente, die nach diesem Solo wieder in den Hintergrund treten und den nachhallenden Gesang als Outro sehr fantastisch wirken lassen.

„GJ!“ und „Sis. Anger“ sind eher bodenständige Stücke mit Sprechgesang in Japanisch und Englisch, Steigerungen und Reprisen in Melodie und Rhythmik und punktgenauem Einsatz aller Techniken.

Mit „No Rain, No Rainbow“ kommt Abwechslung in Form einer Ballade ins Spiel. Zu Klavierbegleitung und unterstützt von eher hintergründigen Gitarren und Drums bietet Su-Metal in ihrem Solo ergreifenden Klargesang. Die Gitarrenriffs erzeugen in Kombination mit dem zarten Piano, Streichern und der dann kraftvoll einsetzenden starken Stimme eine Dramatik, die an Stücke von X Japan aus den Neunzigern erinnert.

Babymetal (Copyright: Babymetal)

Babymetal (Copyright: Babymetal)

„Tales of Destinies“ holt einen zurück in die Realität des japanischen Stilmixes, der hier wirklich alles zu enthalten scheint. Sogar ein swingendes Klavierintermezzo duelliert sich mit den Doubleblass- und Blastbeatarrangements und wirkt dabei nicht einmal deplatziert. Egal, an welcher Stelle der fragmentarisch zusammengesetzten Strophen man aussteigen möchte, der Refrain fasst alles wieder unter der Hand „Babymetal“ zusammen. Das ruhige Outro am Klavier ruft einem ins Gedächtnis, dass man unbewusst die Melodien schon verinnerlicht hat.

Nach so einem Aufgebot muss der letzte Song natürlich ein epischer sein: „THE ONE (English Version)“ befindet sich auf der „Out of Japan“ in englischer Variante und ist nicht nur einfach schön anzuhören, sondern gut komponiert und noch besser produziert, stellvertretend für das ganze Album. Nach heavy Riffs als Intro beginnt der englischsprachige Klargesang direkt in voller Stärke und fesselt mit jeder Silbe. „This is our song, this is our dream“ bindet den Hörer direkt ein, „We are the ones forever, you’re the only one“ lässt offen, ob hier ein lyrisches Ich zu einem fiktiven Partner spricht, die Band zu ihrer Fangemeinde oder zur Musik. Babymetal jedenfalls empfangen die Welt mit offenen Armen, und dass sie sich mit diesem Projekt einige Traumsituationen verwirklicht haben, war an verschiedenen Stellen zu lesen.

So stark die Rezeption auch divergiert, so fest steht auch ihr Erfolg: Der Opener „Road of Resistance“ wurde schon 2015 als Single veröffentlicht und bei den Loudwire 5th Annual Music Awards zum Best Metal Song of 2015 gekürt und als Band erhielten sie den Breakthrough Award des Metal Hammer. Ruhig wird es um diese Kombo so schnell nicht werden und man darf gespannt sein, was die Zukunft hier noch bringt in Form von eigenem Songwriting und persönlichen Entwicklungen der Künstler. „It’s time to get ready“ – for Babymetal!

Video

Tracklist

01 Road of Resistance
02 KARATE
03 Awadama Fever
04 YAVA!
05 Amore
06 Meta Taro
07 From Dusk Till Dawn
08 GJ!
09 Sis. Anger
10 No Rain, No Rainbow
11 Tales of The Destinies
12 THE ONE (English Version)

Details

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Label: earMUSIC / Edel
Vö-Termin: 01.04.2016
Spielzeit: 54:09

Copright Cover: earMUSIC



Über den Autor

Maria
Tunichtgut von Welt