Review

Als „eine musikalische Gruselstory“ kündigt man der Presse das neue Doppelalbum „Verfallen, Folge 1: Astoria“ von ASP an. Und die Band um Alexander „Asp“ Spreng ist in der Tat bekannt für ihren Gothic Novel Rock, der Kunst, Literatur und Musik als Gesamtkunstwerk verbindet. Nichts weniger gibt es auch mit dem neuen Release, das sogar einen Hauch Kultur beinhaltet.

Denn das Fundament von „Verfallen, Folge 1: Astoria“ bildet eine auf 1919 datierte Geschichte rund um das 1915 eröffnete Hotel Astoria in Leipzig, welches heutzutage leer steht, damit quasi zu den Lost Places gehört und seinem Verfall überlassen wird.

Kafka meets Horror könnte die Devise der akustischen Erzählung über Protagonist Paul, mehr noch für die exklusiv für diesen Zyklus verfasste Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ von Kai Meyer, die sich in abgedruckter Form im üppigen Booklet von „Verfallen, Folge 1: Astoria“ befindet, lauten.
Letztere verknüpft aktuelles Zeitgeschehen mit fiktivem Grusel, der Spannung erzeugt sowie Lost Places-Charme und Urban Explorer-Attitüde (wie Hörbuch-Fans sie eventuell schon von einer Produktion wie „Mord in Serie: 15 Todesangst (Urban Explorerz)“ kennen) integriert.
Ob in Meyers Kurzgeschichte, die ASP als Inspirationsquelle diente, oder in der daraus entstandenen Erzählung von „Verfallen, Folge 1: Astoria“ selbst: Skurriles trifft auf Surreales, Grusel auf Spannung und Realität auf Fiktion. Und dabei schließen sich Ohrwürmer und Storytelling außerdem nicht aus.

Denn musikalisch setzen ASP auf ihre bewährten Gothic Rock-Elemente mit teils hartem Gitarrenriffing, verbinden an anderer Stelle jedoch auch abermals Akustikklänge mit Streicher-Sequenzen und kombinieren dies alles darüber hinaus gelegentlich mit gelungenem Synthi-Einsatz.

Vor allem durch die „Zwischentöne“, mit „Ich nenne mich Paul“, „Baukörper“, „Lift“ und „Blank“ vier an der Zahl, liefern ASP abwechslungsreiche Einschübe, die meist mit kleinen und größeren Stilbrüchen einhergehen.
In „Zwischentöne: Lift“ verschreiben sich ASP beispielsweise dem Tango, in „Zwischentöne: Ich nenne mich Paul“ erklingt ein Akkordeon, während die Drums die im Song besungene Zugfahrt lautmalerisch simulieren.
Den Erzähler mimt Alexander „Asp“ Spreng schließlich in „Zwischentöne: Blank“ und beweist durch eine hervorragende Betonung und eine eindringliche Stimme seine Sprecherqualitäten, die nicht nur technisch mit schaurig-effektvollem Hall perfekt in Szene gesetzt werden, sondern auch denen der Profis in nichts nachstehen. Dezente Pianotöne werden hier hintergründig als Begleitung platziert, ohne das Gesprochene aus dem Fokus zu rücken. „Zwischentöne: Blank“ leitet schließlich perfekt in den Track „Dro(eh)nen aus dem rostigen Kellerherzen“ über, dem schon in den ersten Sekunden Gitarrenanschläge hinzugefügt werden, die ebenso dominant hervorstechen wie das erzählerisch Vorgetragene. Letzteres scheint im Laufe des Tracks zugunsten der einsetzenden Drums in den Hintergrund zu rutschen, um schließlich ganz zu verschwinden und als „Gesang“ (monoton und lange auf gleichbleibendem Ton verharrend) wiederzukommen. Ein schleppender, tragender Song, der den Horroraspekt der Geschichte unterstreicht, insbesondere da er ab der Mitte insgesamt mit nur wenigen unterschiedlichen Tönen und Melodie auskommt.

Abseits der „Zwischentöne“ gibt es u.a. durch „Himmel und Hölle (Kreuzweg)“, „Mach’s gut, Berlin!“ oder „Astoria verfallen“ viele eingängige Songs mit wunderschönen Melodien, die es einfach machen, dem Erzählfluss der Geschichte zu folgen. Die Atmosphäre des Albums intensivieren darüber hinaus die ruhigeren Momente auf „Verfallen, Folge 1: Astoria“ wie sie beispielsweise in der Akustikballade „Alles, nur das nicht!“ wahrzunehmen sind. Jene verzichtet allerdings nicht die gesamte Spielzeit von über zehn Minuten auf E-Verstärkung der Sechssaiter, sodass sich der Song allmählich zu einer gefühlvollen Gothic Rock Ballade entwickelt.

Der Atmosphäre dient zudem das Booklet. Neben der Kurzgeschichte „Das Fleisch der Vielen“ befinden sich darin außerdem die als zeitgeschichtliche Dokumente aufgemachten Songtexte von „Verfallen, Folge 1: Astoria“ sowie historische Bilder des Hotels Astoria und Illustrationen von Artworker Joachim Luetke, passend zu Meyers Text.
Egal, ob man sich diese Fülle an Material nacheinander anschaut, durchliest und anhört oder als Gesamtpaket auf sich wirken lässt, die gelungene Veröffentlichung von ASP macht beides möglich, denn gerne greift man mehrmals zu „Verfallen, Folge 1: Astoria“. So bietet jeder weitere Durchgang neue und andere Möglichkeiten des Zugangs und der Betrachtungsweise des Gesamtkunstwerks.

ASP (Copyright: Joachim Luetke)

ASP (Copyright: Joachim Luetke)

Optisch dominieren Sepia und Schwarz. Haptisch kommt das Doppelalbum derart daher, dass es – wie immer – nicht möglich macht, die Veröffentlichung einfach nur zu den anderen Releases des Frankfurters zu stellen. Vielmehr erfordern das besondere Format und die Hingucker-Optik einen eigenen und prominenten Platz, den man „Verfallen, Folge 1: Astoria“ auch gerne gewährt.

Vorab lohnt jedoch zudem der Griff zur Bonus-CD, denn diese hält neben zwei Lesungen aus „Arkadien“ und „Die Alchimistin“ von und mit Kai Meyer zwei unplugged Tracks („Die Löcher in der Menge“ und „Die Gabe“) von ASP parat. Alles aufgenommen auf dem M’era Luna Festival 2013.

Schließen möchte ich dieses Review mit einem Zitat von ASP, entnommen dem Booklet von „Verfallen, Folge 1: Astoria“. Denn wenn man bedenkt, wie viel Liebe, Details, Engagement und Arbeit von allen Beteiligten in die Veröffentlichung gesteckt wurde, die keine andere Wertung als die Höchstpunktzahl zulässt, sollte der Wunsch der Band für alle Hörer (auch anderer Bands) zwar selbstverständlich sein, um diese Arbeit jedoch zu würdigen und honorieren schadet eine zusätzliche Erwähnung nicht. In diesem Sinne:

Bitte verbreitet die Aufnahmen dieser CDs nicht über Videoplattformen und teilt sie nicht über sogenannte Social Networks mit anderen. All diese Firmen ernähren sich von „fremden“ Inhalten und machen Milliardenumsätze. Bitte unterstützt uns Musiker und überlasst uns bitte die Entscheidung selbst, über welche Wege und mit welchem Material wir uns bewerben möchten. Sonst können wir nicht überleben! Vielen Dank für euer Verständnis und eure Hilfe!

Video

Hörprobe

Tracklist

CD 01
01 Himmel und Hölle (Kreuzweg)
02 Mach’s gut, Berlin!
03 Zwischentöne: Ich nenne mich Paul
04 Zwischentöne: Baukörper
05 Begeistert (Ich bin unsichtbar)
06 Zwischentöne: Lift
07 Astoria verfallen
08 Souvenir, Souvenir
09 Zwischentöne: Blank
10 Dro(eh)nen aus dem rostigen Kellerherzen
11 Alles, nur das nicht!
12 Loreley
13 Fortsetzung folgt … 1

Bonus CD – Live 2013
01 Kai Meyer: Lesung, Teil 1 (Arkadien)
02 Song: Die Löcher in der Menge
03 Kai Meyer: Lesung, Teil 2 (Die Alchimistin)
04 Song: Die Gabe

Details

ASP – Homepage
ASP – Facebook

Label: Trisol Music Group / Soulfood
Vö-Termin: 16.10.2015
Spielzeit: 73:15 + 48:47

Copyright Cover: Trisol Music Group



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde