Review

Was unterscheidet eine gute Leistung von einer sehr guten Leistung? Aus der Schulzeit kam mir der Begriff „Transferleistung“ in den Sinn. Ein Begriff, an den ich beim Hören des neuen Albums „In Sequence“ von Amoral des Öfteren erinnert wurde.

Auf ihrem siebten Studioalbum machen die Finnen nicht nur so ziemlich alles richtig, was man richtig machen kann, sondern sie bringen eben noch das gewisse Etwas, das ein gutes Album zu einem ganz besonderen macht. Dabei wird schon beim Line-up geklotzt und nicht gekleckert. Der frühere Sänger Niko Kalliojärvie ist zurück und komplettiert die Band zu einem Sextett mit zwei Sängern, drei Gitarristen und der Maxime: „Mehr ist mehr!“

Dabei lassen Amoral von der ersten Minute an keine Zweifel an ihren musikalischen und kompositorischen Fähigkeiten aufkommen. Letztere sind im Vergleich zu früheren Werken nochmals vielseitiger geworden.

Während nach einem epischen Intro der Opener „Rude Awakening“ noch mit energiegeladenen Metal-Passagen, kräftigen Growls und großartigen Gesangsharmonien glänzt, entfalten die sechs Herren über die kommende Stunde ein Repertoire aus progressivem Rock, ruhigen, getragenen Akustik-Passagen (Anathema lässt grüßen) und melodischen Death-Metal-Passagen mit wuchtigen Screams, die von der Gitarrenarbeit manchmal ein bisschen an Arch Enemy erinnern. Um hier die richtige Balance zu finden, braucht es schon sehr viel Feingefühl im Songwriting; Amoral meistern diese Hürde spielend.
In jedem Moment hat man das Gefühl, dass die Band genau das umsetzt, was sie sich vorgenommen hat und dabei an vielen Stellen zu überraschen weiß. Zum Beispiel im Song „The Betrayal“, der nach einem Akustik-Intro zu einem echten Energiemonster anwächst. Die mehrstimmigen, disharmonischen Gesangslinien in der Blastbeat-dominierten Strophe sind überraschend großartig. Mit dieser Vielseitigkeit dürfte die Bandbreite der Fanbasis entsprechend groß sein. Ob Prog, Melo-Death oder Power-Metal: Sofern man die Scheuklappen zuhause lässt, kann hier jeder auf seine Kosten kommen.

Amoral (Copyright: Amoral)

Amoral (Copyright: Amoral)

Das wirklich Außergewöhnliche an diesem Album ist aber, dass die Musik nicht nur beim Konsumieren ein Genuss ist, sondern dass sie uns mitnimmt auf eine Reise. Die Vielseitigkeit der Emotionen, die Amoral in ihre Songs einbringen, ist geprägt von einer enormen Feinheit, mal subtil, mal sehr direkt, aber immer voller Leidenschaft und Intensität.
Wunderbar illustriert wird dies zum Beispiel am Song „Helping Hands“. Es scheint, als würden uns Amoral hier mit einer Dichte an Emotionen und Stimmungen entrücken. Musik, die nicht den Selbstzweck sucht, sondern sich voll und ganz in den Dienst der Emotion stellt, Musik als Tor zu einer anderen Welt. Wer sich darauf einlassen kann, der darf sich auf eine herausragende Zeit freuen.

Mit „In Sequence“ ist den Nordlichtern ein echtes Referenzwerk in puncto Vielseitigkeit und Emotion gelungen, welches wohl einen neuen Höhepunkt in der Bandgeschichte darstellt. Im Vergleich zu früheren Werken sind die Songs mehr auf den Punkt gebracht und einfach noch einen Tick ausgefeilter. „In Sequence“ ist in der Tat ein amoralisches Angebot, das ihr auf keinen Fall ablehnen solltet!

Video

Tracklist

01 In Sequence (Prologue)
02 Rude Awakening
03 The Betrayal
04 Sounds Of Home
05 The Next One To Go
06 Helping Hands
07 Defuse The Past
08 From The Beginning (The Note Part 2)

Details

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Label: G-Records / Rough Trade
Vö-Termin: 05.02.2016
Spielzeit: 57:38

Copyright Cover: G-Records



Über den Autor

Tim
Je länger man kaut, desto süßer das Brot!