Review

Der Apachenhäuptling Winnetou ist mit Sicherheit der bekannteste Indianer in Deutschland, obwohl er nur eine rein fiktive Gestalt des Autors Karl May ist. Seine Winnetou-Romane, vor allem aber die Verfilmungen mit Pierre Brice in der Rolle des edlen Apachen erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit und genießen fast schon Kultstatus. Eine Neuverfilmung, wie sie zu Weihnachten von RTL ausgestrahlt wird, muss sich zweifellos dieser großen Herausforderung stellen.

In den Handel kommt das TV-Event ab 23. Dezember als DVD- und Blu-ray-Box sowie als limitierte Blu-ray-Sammleredition in einer Western-Holzkiste. Angelegt als Dreiteiler besteht die Winnetou-Kollektion aus den Filmen „Winnetou – Eine neue Welt“, „Winnetou – Das Geheimnis vom Silbersee“ und „Winnetou – Der letzte Kampf“. Grundlage dieser Rezension bildet der Auftakt „Winnetou – Eine neue Welt“.

Der deutsche Aussiedler Karl May schließt sich als Ingenieur im amerikanischen Westen einer Eisenbahngesellschaft an, die im Wettrennen um die erste transkontinentale Eisenbahn ihren Gleisbau rücksichtslos vorantreibt. Seine deutschen Prinzipien muss May angesichts der natürlichen und technischen Herausforderungen beim Streckenbau schnell ablegen. Auf einem Erkundungsritt kommt es zur Konfrontation mit den Indianern. May wird verwundet und von den Apachen mitgenommen. Während seiner Genesung lernt er viel über das Leben und den Glauben der Indianer und entwickelt großes Verständnis für die „roten Wilden“. Er gewinnt das Vertrauen des Häuptlingssohns Winnetou und versucht, eine blutige Auseinandersetzung der Apachen mit den Weißen zu verhindern. Doch Missgunst und Profitgier machen seine Bemühen scheinbar zunichte …

Die Handlung von „Winnetou – Eine neue Welt“ orientiert sich somit grob an der Romanvorlage, auch wenn viele Details in der filmischen Adaption anders arrangiert werden.
Der Fokus dieses ersten Teils der Trilogie liegt ganz klar auf der Entwicklung der Figur Karl May, dem späteren Old Shatterhand.

Handlungsführung und -tempo, aber auch die Stimmung der Szenerien erinnern stark an den Hollywood-Blockbuster „Der mit dem Wolf tanzt“. Dadurch vermittelt der Film ein weitestgehend realistisches Bild vom Leben im Wilden Westen, was sowohl die Weißen als auch die Indianer betrifft. Zu dieser gewollten Authentizität trägt zudem bei, dass viele Dialoge in Apache-Sprache und nur mit deutschen Untertiteln erfolgen, sodass die Indianer nicht nur für den Protagonisten, sondern auch für die Zuschauer zunächst fremd und unnahbar wirken.

Cineastische Qualitäten (u.a. durch die Kameraführung und authentische Szenerien) sowie die Atmosphäre des Films lassen kleine dramaturgische und logische Schwächen in der zweiten Filmhälfte in den Hintergrund treten und verschmerzen.

Davon lenkt ebenfalls die Rolle des filmischen Karl May durch die hervorragende Besetzung mit Wotan Wilke Möhring ab. Er verkörpert das deutsche Greenhorn auf sympathische Art und Weise und agiert in jeder Szene glaubwürdig.

Mit den bunten und actionreichen Verfilmungen aus den 60er Jahren, mit „Indianer-Romantik“ und übersteigertem Helden-Mythos hat diese Verfilmung nichts am Hut – und das ist auch gut so.
Winnetou ist (noch) nicht der edle und unfehlbare Apache. Er ist wild, stolz, manchmal außerdem impulsiv. Nik Xhelilaj spielt ihn auf sehr gute Weise. Auch seine Figur entwickelt sich im Verlauf des Films und reift durch seine Freundschaft zu Old Shatterhand – wenn auch nicht so stark, wie vom Zuschauer vielleicht erwartet. Dazu ist die Rolle des Winnetou in „Eine neue Welt“ einfach (noch) nicht stark genug angelegt; Winnetou hat hier bei Weitem nicht die Präsenz, die man sich bei einer titelgebenden Figur gewünscht hätte. Seine Schwester Nscho-tschi zum Beispiel (gespielt von der mexikanischen Schauspielerin Iazua Larios) ist Old Shatterhand und dem Zuschauer fast schon näher. Damit ist es beinahe logisch, dass sich zwischen Winnetou und Old Shatterhand in „Eine neue Welt“ keine Blutsbrüderschaft, sondern „nur“ eine Freundschaft entwickelt.

Szenefotos aus „Winnetou – Der Mythos lebt“ (Copyright: SquareOne / Universum Film)

Mit Jürgen Vogel und seiner Figur des Josef Rattler ist der Part des Antagonisten ebenfalls erstklassig besetzt.

„Winnetou – Eine neue Welt“ ist kein Remake des Klassikers „Winnetou I“. Dies sollte man beim Schauen und der Bewertung des Films stets im Hinterkopf behalten. Die Figuren sind anders, tiefgründiger, mit Stärken, aber auch mit vielen Fehlern und Schwächen angelegt. Sie sind sich unschlüssig, treffen Fehlentscheidungen, haben Vorbehalte. Dies alles macht den ersten Film des Dreiteilers sehr bodenständig und realitätsnah. Somit ist „Eine neue Welt“ eine überzeugende, visuell ansprechende und auch anspruchsvolle Neuverfilmung des „Mythos Winnetou“ geworden und macht definitiv neugierig auf den Fortgang dieser Trilogie.

Trailer

Handlung

Die legendären Geschichten von Winnetou und seinem Blutsbruder Old Shatterhand neu und modern erzählt: Das faszinierende Western-Abenteuer als Dreiteiler.

1860, Arizona: Der deutsche Ingenieur Karl May möchte auf einer Eisenbahnbaustelle die „Neue Welt“ mit aufbauen. Doch sein Traum wird schnell von der harten Realität eingeholt. Als er in ein Gefecht mit Indianern verstrickt und schwer verletzt wird, ändert sich alles: Er wehrt den Häuptlingssohn Winnetou mit einem Faustschlag ab und erhält so den Namen „Old Shatterhand“. Zunächst noch ein Gefangener, verliebt er sich in die Kultur der Apachen – und in Winnetous Schwester Nscho-Tschi. So beschließt er, sich Seite an Seite mit Winnetou der Bedrohung durch die skrupellosen Eisenbahnbauer entgegenzustellen. Es ist der Beginn eines großen Abenteuers, das in der Jagd nach einem sagenumwobenen Schatz und schließlich in einem dramatischen Kampf gegen machtgierige Ölmagnaten gipfelt …

Von „Der Medicus“-Regisseur Philipp Stölzl, dem Produzenten der „Wickie“-Filme und der Produktionsfirma von „Fack ju Göhte“ mit großer Starbesetzung umgesetzt.

(Quelle: SquareOne / Universum Film)

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.78:1
Anzahl Disks: 3; bestehend aus den Filmen „Winnetou – Eine neue Welt“ (Gegenstand dieser Rezension), „Winnetou – Das Geheimnis vom Silbersee“ und „Winnetou – Der letzte Kampf“
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: SquareOne Entertainment / Universum Film
Erscheinungstermin: 23.12.2016
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 270 Minuten
Extras: Dokumentation: „Winnetou – Eine Legende wird zum Leben erweckt“ Teil 1 & 2 | Deleted & Extended Scenes | Helikopter-Aufnahmen vom Set | VFX-Effekt-Making-Of | Offizielle RTL-Trailer |Audiokommentare zu Teil 1 & 3 u.a. mit Wotan Wilke Möhring & Philipp Stölzl

Copyright Cover: SquareOne / Universum Film



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde