Review

Über Haute Couture kann man denken, schreiben, philosophieren, berichten oder sprechen, aber – abgesehen vom Selbsttragen – ist Sehen für die meisten Modefans vermutlich die einzige Möglichkeit, diese aufwendigen Kreationen zu bewundern. Die Wangen der Fashionjünger werden sich daher mit Sicherheit vor Freude „Valentino-Rot“ gefärbt haben, als die inoffizielle Top-Designer-Reihe von Koch Media mit „Valentino: Der letzte Kaiser“ fortgesetzt wurde.

Dem interessierten Publikum und dem Modeschöpfer selbst wurde die Dokumentation erstmals im Jahr 2008 auf den Filmfestspielen in Venedig präsentiert. Obwohl Valentino Garavani, der bereits 1959 sein eigenes Modehaus gründete, nach insgesamt 45 Jahren auf eine bewegte und erfolgreiche Karriere zurückblicken kann, steht in den 96 Minuten nicht sein gesamtes Lebenswerk im Vordergrund. Als die Dreharbeiten unter der Leitung des Vanity-Fair-Journalisten Matt Tyrnauer 2005 begannen, war vermutlich auch noch nicht abzusehen, dass sich der „letzte Kaiser“ am Ende der Aufnahmen nach einem nicht verlängerten Vertrag aus der Branche zurückziehen würde.

Valentino bei der Arbeit (Copyright: Koch Media)

Valentino bei der Arbeit (Copyright: Koch Media)

Dieses Portrait, im Übrigen der erste Film des Journalisten Tyrnauer, hat sicherlich einige interessante Facetten einfangen können: Valentino beim Zeichnen oder in Anwesenheit der Modelle bei Anproben, dazu aufgeregte Schneiderinnen, die in wenigen Stunden Hunderte Pailletten aufnähen sollen, bis hin zu Diskussionen über die richtige Menge Sand auf dem Laufsteg – eben all das, was man einem exzentrischen Designer so zutraut, wenn er eine Schau vorbereitet. Schön, dass so auch die Arbeit hinter der Bühne gewürdigt wird.

Neben dieser Spring/Summer-Collection (2006) wird auch der 45-jährigen Retrospektive ein besonderer Platz eingeräumt, mit der 45 Jahre Valentino-Couture gefeiert werden sollten – zu Beginn wohl gemerkt unter der Prämisse, dass es anschließend weitere Kreationen des Modeschöpfers geben würde.

Gerade an diesem Punkt bewegt sich die Dokumentation auf einem schmalen Grad: Gern sehen die Zuschauer Drama hinter der Bühne, dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl, wenn das Kamerateam eigentlich weggeschickt wird und trotzdem weiterfilmt. Von einer kleinen Prise Sensibilität hätten auch die Dreharbeiten zu den privaten Momenten profitieren können, vielleicht hätte das Team dann wirklich persönliche Einblicke abseits der typischen Presseerklärungen erhalten. So schwankend zwischen dem stillen Begleiter und einem nervigen Störenfried gelingt es Tyrnauer nicht immer, die richtigen Stimmungen einzufangen.

Was vielen Models fehlt, hat der Mode-Kaiser reichlich: Valentinos Möpse (Copyright: Koch Media)

Was vielen Models fehlt, hat der Mode-Kaiser reichlich: Valentinos Möpse (Copyright: Koch Media)

Dafür punktet das Erstlingswerk aber an anderen Stellen: Es dominiert überwiegend eine cineastische, ja beinah verträumte Erzählperspektive, die zusammen mit den zeitlosen Modekreationen Valentinos optisch ein Leckerbissen ist, sogar ohne auf das Blu-ray-Format zurückgreifen zu müssen.

Ebenso erfreulich ist, dass auf eine Synchronisation verzichtet wurde. Dank der Untertitel kann sich das Ohr, sicherlich auch im Sinn des Designers, der auf seine Herkunft großen Wert zu legen scheint, ungestört am Italienisch erfreuen.

Dass die besten Geschichten das Leben selbst schreibt, ist ein altkluger aber nichtsdestoweniger wahrer Spruch. Wenn man also die kleineren Schwächen aufseiten des Regisseurs ausklammert und das subtile Drama des wahren Lebens zu schätzen weiß, das sogar Modegrößen wie Valentino aus dem eigenen Unternehmen befördern kann, wird sich an der nur optisch ausschweifenden Filmkunst erfreuen können. Modefans werden hier ihre Freude am Zusehen haben!

Trailer

Handlung

Seine Kreationen stehen für höchste Eleganz bei einfach gehaltenem Farbdesign: Seit den frühen 50er Jahren kleidet Valentino Garavani – der ganzen Welt längst nur noch unter seinem Vornamen bekannt – die Weltprominenz von Elizabeth Taylor bis zu Jacqueline Kennedy ein. „Valentino: der letzte Kaiser“ folgt dem großen Modedesigner und seinem Partner Giancarlo Giammetti über ein Jahr – von den Vorbereitungen für die Spring/Summer-Collection 2006 in Paris bis hin zur 45-jährigen Retrospektive im Folgejahr.

Der große Modeschöpfer selbst musste erst durch Standing Ovations während der Filmpremiere in Venedig davon überzeugt werden, dass er Teil eines außergewöhnlichen Dokumentarfilmprojektes war. Über ein Jahr hat sich Vanity-Fair-Koryphäe Matt Tyrnauer Zeit genommen, um Valentino während seiner letzten Arbeitsjahre so nahezukommen, wie kaum jemand vor ihm. Das Ergebnis ist Dokumentarfilmkunst, mit dem Koch Media seine inoffizielle Reihe zu den großen Top-Designern („Lagerfeld Confidential“, „YSL: L’Amour Fou“) fortsetzt.

(Quelle: Koch Media)

Details

Format: PAL
Sprache: Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
FSK: Infoprogramm
Studio: Koch Media GmbH – Film
Erscheinungstermin: 09.10.2014
Produktionsjahr: 2008
Spieldauer: 96 Minuten

Copyright Cover: Koch Media



Über den Autor

Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer