Review

Erst jüngst in den deutschen Filmkunst- und Programmkinos gelaufen, erscheint „The Nest – Alles zu haben ist nie genug“ von Autor/Regisseur Sean Durkin, hochkarätig besetzt mit Jude Law und Carrie Coon, bereits am 12. November auf Blu-ray und DVD für das Heimkino. Digital steht der Film bereits seit dem 05. November zur Verfügung.

Im Fokus stehen der Umzug einer vierköpfigen Familie aus der amerikanischen Vorstadt nach London sowie die damit einhergehende Zerrüttung und Spaltung.

Ob sich die Sichtung dieser Familien- und Ehekrise lohnt, verraten wir in unserer Besprechung.

Handlung

In diesem Psycho-Thriller spielt Jud Laws Charakter, Rory, einen ehrgeizigen Unternehmer, der seine amerikanische Frau und seine Kinder in sein Heimatland England bringt, um neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden. Nachdem die Familie die Zuflucht ihrer sicheren amerikanischen Vorstadt verlassen hat, stürzt sie in die Verzweiflung eines archaischen 80er Jahre-Britannien und ihr unbezahlbares neues Leben in einem englischen Herrenhaus droht die Familie zu zerstören. Während die unheimliche Isolation des Hauses die Familie weiter auseinander treibt, gerät jeder Mensch in einen selbstzerstörerischen Kreislauf und lässt jeden unsicher, ob die Familie diese lebensverändernde Vertreibung überleben wird.

(Quelle: ‎ Ascot Elite Filmverleih)

Die Welt ist nicht genug

Zuvorderst sei auch hier mal wieder ein gut gemeinter Hinweis erlaubt. So heißt es sowohl in der obigen Kurzbeschreibung als auch in dem Auszug der schreibenden Kollegen auf dem Cover, es handele sich hier um einen Psycho-Thriller. Das stimmt nicht. „The Nest“ ist ein intimes und intensives Familiendrama. Eine solche Vermarktung des Films und ein solches Marketing spricht schlicht die falsche Zielgruppe an und tut am Ende des Tages niemandem einen Gefallen.

Nun wollen wir uns allerdings den inhaltlichen und qualitativen Aspekten des Films widmen.

Wenn uns die Filmgeschichte eines gelehrt hat, dann, dass man nicht mit seiner Familie in ein abgeschiedenes, finsteres Herrenhaus ziehen sollte. „Shining“ lässt freundlich grüßen. Das bekommen nun auch die Eheleute Rory und Allison O’Hara zu spüren.

Der von Jude Law verkörperte Rory arbeitet im Finanzbereich und ist gebürtiger Brite. Das Motiv für die Rückkehr in die ungeliebte – von Regeln, Etiketten und gesellschaftlichen Konventionen geprägte – Heimat ist überwiegend wirtschaftlicher Natur. Der ehrgeizige Geschäftsmann riecht das ganz große Geld. Dabei ist sein Verhältnis zu London durchaus ambivalent. Während er das zurückhaltende Geschäftsgebaren seiner Landsleute nicht ausstehen kann und selbst stets nach dem American Dream strebt, findet er doch großen Gefallen an den steifen Cocktailpartys und dem belanglosen Snobklatsch der britischen High Society. Dort inszeniert sich Rory mit großer Lust als aufstrebender Lebemann, Charmeur und Weltenbummler. In den Zwischentönen macht Sean Durkin immer wieder – gekonnt – deutlich, dass der Charakter und sein Streben nach Erfolg, Geld und Anerkennung in der eigenen bescheidenen Vergangenheit als Kind der britischen Arbeiterklasse wurzelt.

Die von Carrie Coon dargestellte Allison stammt hingegen aus den USA. Auf den ersten Blick passt sie hervorragend zu ihrem Ehegatten. Doch der Schein kann trügen. Und das tut er auch hier. Allison findet keinen Gefallen an der ständigen Entwurzelung der eigenen Familie. Zwar gefällt auch ihr der Traum vom großen Reichtum sicherlich gut; er ist jedoch nicht von derart maßgeblicher Bedeutung wie für Geldmensch Rory. Im Gegensatz zu ihrem Mann sind ihr die Festivitäten und die demonstrative Zurschaustellung von Reichtum und Macht zunehmend zuwider; die rissige Fassade der glücklichen und perfekten Gattin bröckelt. Am liebsten sieht sie sich als Pferdetrainerin der burschikosen Art – mit Zigarettenkippe im Mund und einem schlagfertigen Spruch auf den Lippen.

Diese Unterschiede zwischen den Eheleuten O’Hara mögen in den – optimistischen und lebensfrohen – USA lediglich ein beiläufiges Problem gewesen sein, entwickeln sich in England allerdings zu einer unerbittlichen Krise. Dies bekommen auch die von Charlie Shotwell und Oona Roche verkörperten Kinder zu spüren, die noch dazu mit ihren eigenen Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen haben.

Das Herrenhaus 

Zwar legt Sean Durkin in keinster Weise einen Thriller oder einen klassischen Gruselfilm vor, dennoch nutzt er die visuellen und atmosphärischen Mittel und Muster, wie man sie aus Horrorfilmen bisweilen kennt. So wird das finstere englische Herrenhaus neben Jude Law und Carrie Coon zu einem weiteren Protagonisten des Dramas.

Auf den ersten Blick sind die O’Haras (Carrie Coon und Jude Law) das perfekte Ehepaar – doch der Schein trügt. (Copyright: Ascot Elite Entertainment)

Das Gefühl der Entfremdung entsteht nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern vor allem durch Durkins Inszenierung. Die Kamera schafft stets eine gewisse Distanz zu den Akteuren, meidet Nahaufnahmen und nutzt die Weite und Finsternis der Räume sowie das dunkle Holz und das geradezu antike Inventar des Landhauses. Dadurch wird die Fremde und Unterkühltheit akzentuiert, die das alte Herrenhaus heraufbeschwört und die die Familie immer weiter auseinander treibt. Etliche Szenen gehen dem Zuschauer dabei gehörig an die Nieren, ohne dass wir es hier mit einem Thriller und auch nicht mit einem Grusel- oder Horrorfilm zu tun haben.

Fazit

Eine Mogelpackung hat „The Nest“ von Autor/Regisseur Sean Durkin in Bezug auf sein Genre überhaupt nicht nötig. Das Publikum bekommt hier ein sehr intensives Familiendrama serviert, das nicht vorgeben muss, etwas anderes zu sein. Als Bewunderer der HBO-Serie „The Leftovers“ ist es eine große Freude, die fantastische Carrie Coon an der Seite von Jude Law spielen zu sehen. Beide spielen sich – salopp gesagt – den Wolf und mit herausragender Hingabe gegenseitig an die Wand. Ein echter Schauspielfilm, der die Stärken seiner Hauptfiguren jederzeit brillant einzusetzen weiß.


The Nest – Alles zu haben ist nie genug [Blu-ray]

Trailer

Inhalt

In diesem Psycho-Thriller spielt Jud Laws Charakter, Rory, einen ehrgeizigen Unternehmer, der seine amerikanische Frau und seine Kinder in sein Heimatland England bringt, um neue Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden.

Nachdem die Familie die Zuflucht ihrer sicheren amerikanischen Vorstadt verlassen hat, stürzt sie in die Verzweiflung eines archaischen 80er Jahre-Britannien und ihr unbezahlbares neues Leben in einem englischen Herrenhaus droht die Familie zu zerstören. Während die unheimliche Isolation des Hauses die Familie weiter auseinander treibt, gerät jeder Mensch in einen selbstzerstörerischen Kreislauf und lässt jeden unsicher, ob die Familie diese lebensverändernde Vertreibung überleben wird.

(Quelle: Ascot Elite Home Entertainment)

Details

Sprache: Deutsch / Englisch
Ton: DTS-HD Master Audio 5.1
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 1.85:1 (1080p/24FPS)
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungstermin: 12.11.2021
Produktionsjahr: 2020
Spieldauer: ca. 108 Minuten

Copyright Cover: Ascot Elite Home Entertainment



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)