Review

Mit internationalen Nominierungen und Auszeichnungen sowie einem Millionenpublikum im heimatlichen Produktionsland schraubt die britische Krimiserie „The Missing“ die Erwartungen der Zuschauer auch hierzulande sehr hoch. Seit dem 23. April kann man sich im Rahmen des ZDF-Sonntagskrimis (und ab 21.04. parallel auch auf DVD und Blu-ray) nun selbst ein Bild von der berührenden Geschichte eines Elternpaares machen, das während eines Familienurlaubs in Frankreich seinen Sohn verliert. Ausgebüchst? Ein Unfall? Ein Verbrechen? Das Miträtseln der Zuschauer beginnt – und die Charakterentwicklungen nehmen innerhalb der ersten Staffel auf acht Folgen ihren Lauf.

Jene stehen in „The Missing“ auch im Vordergrund – entsprechend hochkarätig fällt die Besetzung der Hauptrollen aus. Mit James Nesbitt, zuletzt vor allem in seiner Rolle Bofur im „Hobbit“ zu sehen, fand man einen herausragenden Charakterdarsteller, der auch für diese Produktion mit ambitionierter Vorbereitung auf seine Figur Tony Hughes glänzte. So lebte er während der Dreharbeiten weitestgehend zurückgezogen, um die Isolation und Leere des zu spielenden Familienvaters authentischer darstellen zu können.
Doch nicht nur James Nesbitt entpuppt sich als passende Besetzung, auch seine Serienpartnerin Frances O’Connor als Emily Hughes sowie die zahlreichen weiteren Akteure können überzeugen.

Von der deutschen Synchronisation kann man dies allerdings nicht behaupten. Eher künstlich und stimmlich nicht immer passend wirkend (störend hier vor allem die zu Beginn auftretende deutsche Kinderstimme des Sohnes Oliver Hughes), versäumt man es somit, die Emotionen in all ihrer möglichen Intensität an die Zuschauer zu transportieren.

Nichtsdestotrotz schafft es „The Missing“, die Zuschauer bei der Stange zu halten. Neben packenden Cliffhangern am Ende einer jeden Episode stellt sich zudem immer wieder die Frage, wie man selbst in solch einer Ausnahmesituation reagieren würde. Diese empathischen Züge veranlassen einige Zuschauer aber auch dazu, festzustellen, dass man Nesbitt zwar sein Können nicht absprechen kann (seine Filmografie zeigt dies), es wird jedoch eine individuelle Geschmacksfrage sein, ob man an ihm in seiner Rolle Gefallen findet oder nicht. Glaubwürdig ist er allerdings und so wird auch seine Charakterentwicklung nachvollziehbar dargestellt, wenngleich die zunehmende Besessenheit des Vaters, seinen Sohn auch nach acht Jahren noch zu finden, weitaus deutlicher hätte zum Ausdruck gebracht werden können. Jene läuft überraschend nebensächlich und unauffällig ab. Häufig sind seine Emotionen nur in der Mimik abzulesen, was einige Male zudem befremdlich auf den Zuschauer wirkt. Zusätzliche dramaturgische Kniffe wurden verpasst, indem sich die Macher an den falschen Stellen mit Länge aufgehalten haben. Hier wäre in jeder Hinsicht (Intensität, Emotionalität, Tempo) weitaus mehr möglich gewesen, denn Thematiken wie Kindesentführung/-verschwinden und die daraus resultierenden Ereignisse (wie z.B. Fremdgehen, Ehe-Aus, Mord aus Rache und übermannende Wut etc.) ergeben bzw. entwickeln sich in „The Missing“ plausibel und bieten diesbezüglich reichlich Stoff für tragisch-dramatische Inhalte, deren Potenzial allerdings nicht ausreichend ausgeschöpft wurde.

Gut erkennbar vermischen sich hingegen im Laufe der Staffel die Krimi- und Thriller-Elemente mehr und mehr mit der Drama-Komponente der Serie, was nicht zuletzt durch den gelungenen Soundtrack untermauert wird.
Vor allem der Titelsong (ein Remix von Dominik Scherrer des Titels „Come Home“ von der Band Amatorski) wirkt äußert passend und atmosphärisch und deutet bereits zu Beginn einer Folge auf die dramaturgischen Inhalte hin.

Verschärft dargestellt wird die Ausgangssituation von „The Missing“ zusätzlich durch den Schauplatz Frankreich als fremdes Urlaubsland für die britische Kleinfamilie. Die damit einhergehenden Schwierigkeiten (allen voran die „Sprachbarrieren“) werden auch für die Zuschauer ersichtlich, indem dies betreffend vor allem Untertitel zum Einsatz kommen oder der Konsument (ebenso wie die Protagonisten) in Unverständnis belassen werden. Damit fühlt man sich zum einen besser in die Charaktere ein, zum anderen unterbricht das Lesen der Untertitel regelmäßig das Anschauen der Serie und lässt den Zuschauer entweder mit Verständigungsproblemen zurück oder reißt ihn phasenweise ganz aus der Serie heraus.

Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn: Tony Hughes (James Nesbitt) und Emily Hughes (Frances O’Connor) in „The Missing | Copyright: Pandastorm Pictures

Dies und die Tatsache, dass die Geschichte von „The Missing“ in zwei Zeitebenen (changierend zwischen den Jahren 2006 und 2014) erzählt wird, bringen die Handlung einerseits voran und verdichten sie, andererseits erfordert dieses Vorgehen die gesamte Aufmerksamkeit des Zuschauers. Andernfalls ist es schwer, den Gesamtüberblick zu behalten; vor allem weil zusätzlich „Halluzinationen“ und Wunschvorstellungen implementiert wurden. Dies führt zu unvorhergesehenen Wendungen gleichsam wie zur Gefahr, allzu unübersichtlich zu werden.
Positiv und hilfreich daher, dass vor jeder Folge „Was zuvor geschah“-Sequenzen platziert wurden.

Krimi, Mystery, Thriller, Drama? Von allem ein bisschen bietet „The Missing – Die komplette erste Staffel“ und öffnet sich damit einem breiten Publikum. Empfehlenswert ist es allerdings, sich für die Blu-ray- oder DVD-Veröffentlichungen zu entscheiden, statt die einzelnen Folgen im Fernsehen zu sehen, da man im Heimkino besser am Ball bleiben und die Pausen zwischen den Folgen selbst bestimmen kann.

Trailer

Handlung

Der Familienurlaub von Tony und Emily Hughes (James Nesbitt, Frances O’Connor) endet in einem furchtbaren Albtraum. Im kleinen französischen Städtchen Chalons Du Bois verschwindet ihr fünfjähriger Sohn Oliver (Oliver Hunt) plötzlich in einer Menschenmenge. Die Polizei startet umgehend eine Suchaktion und beordert Julien Baptiste (Tcheky Karyo), einen der renommiertesten Ermittler Frankreichs, in den kleinen Ort. Ohne Erfolg: Der Junge bleibt spurlos verschwunden. Während die Verzweiflung der Eltern wächst, stürzen sich die Medien auf den spektakulären Fall.

Acht Jahr später kehrt Tony Hughes an den Ort des Verbrechens zurück. Schuldgefühle und Schmerz haben seine Ehe zerstört, doch während Emily in einer anderen Beziehung den Neuanfang gewagt hat, sucht Tony weiter wie besessen seinen Sohn. Als neue Hinweise auftauchen, wird auch das Interesse des mittlerweile pensionierten Julien Baptiste wieder entfacht …

(Quelle: Pandastorm Pictures)

Episoden

DVD 01
01 Eden (Eden)
02 Bete für mich (Pray For Me)
03 Die Versammlung (The Meeting)

DVD 02
04 Schuld (Gone Fishing)
05 Molly (Molly)
06 Beton (Concrete)

DVD 03
07 Rückkehr nach Eden (Return to Eden)
08 Bis dass der Tod (Till Death)

Details

Format: Dolby, PAL
Sprache: German (Dolby Digital 5.1), English (Dolby Digital 5.1)
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 3
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Pandastorm Pictures
Erscheinungstermin: 21.04.2017
Produktionsjahr: 2014
Spieldauer: 480 Minuten
Extras: Episodenguide, Featurettes, Episodenkommentare

Copyright: Pandastorm Pictures



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde