Review

England, 1939 – Großbritannien befindet sich im Krieg mit Nazi-Deutschland und muss herbe Verluste einstecken. Gefechte im Luft- und Seekrieg können vor allem die Deutschen für sich entscheiden – der Grund dafür liegt in den chiffrierten Befehlen der Nazis, die dank Enigma kaum zu entschlüsseln sind. Im Bletchley Park arbeiten tausende Menschen, viele davon Frauen, daran, die Codierung zu knacken – mit mäßigem Erfolg. Der Mathematiker Alan Turing (Benedict Cumberbatch) wird engagiert, um gemeinsam mit weiteren Spezialisten den Enigma-Code zu entschlüsseln. Turing ist sich sicher, dass der Code mit einer Maschine geknackt werden kann – doch sein Plan macht ihm keine Freunde und er muss hart dafür kämpfen, diesen umsetzen zu können. Hilfe erhält er dabei vor allem von Mathematikerin Joan Clarke (Keira Knightley).

Alan Turing (Benedict Cumberbatch) und sein Team – haben Sie den Code endlich geknackt? | Copyright: Universum Film GmbH

Alan Turing (Benedict Cumberbatch) und sein Team – haben Sie den Code endlich geknackt? | Copyright: Universum Film GmbH

Für sein englischsprachiges Regie-Debüt hat sich Morten Tyldum eine Geschichte vorgenommen, die vor einigen Jahren schon einmal über die Kinoleinwände flimmerte. Das Knacken des Enigma-Codes übernahm damals jedoch nicht die historisch belegte Person des Alan Turing, sondern Dougrey Scott in Form von Thomas Jericho, der nicht nur durch einen anderen Namen, sondern auch mit 100%iger Heterosexualität glänzte. Das zumindest wurde bei der Produktion von „The Imitation Game“ beachtet: Alan Turing war schwul und dies macht auch der Film deutlich.

Der Film erzählt anhand dreier Erzählstränge aus dem Leben Turings: Wir erfahren von seiner Freundschaft/Zuneigung zu einem Klassenkameraden in der Schulzeit, über seine Arbeit in Bletchley Park und über seine Arbeit an den Vorreitern der Computer, der er nach dem 2. Weltkrieg bis zu seinem Tod 1954 nachging.

Cumberbatchs sowie Knightleys schauspielerische Leistungen im Film sind sehr gut – vor allem Cumberbatch hat dank seiner Rolle in „Sherlock“ bereits Erfahrungen mit der Art von Charakter, der Turing hier zugeschrieben wird. Warum das jedoch problematisch ist, dazu komme ich gleich.

In der International Movie Database wird „The Imitation Game“ als Biografie eingeordnet und entsprechend erwarten die ZuschauerInnen eine gewisse Genauigkeit, was die Darstellung der Ereignisse und Personen angeht. Wer sich im Vorfeld (oder auch nach Anschauen des Films) ein wenig mit Turing, seinem Leben und seiner Arbeit in Bletchley Park beschäftigt, dem fallen relativ schnell diverse Ungereimtheiten auf, die zumindest mir den Spaß am Film verdorben haben. Es ist 2015 und wir müssen uns nicht mehr damit zufriedengeben, dass zumindest Turings Homosexualität nicht unter den Tisch gekehrt wurde. 

Die Ungereimtheiten fangen bei den Charakterisierungen der unterschiedlichen Personen an und hören bei der Bezeichnung für Turings Maschine auf. Vor allem beim Hauptcharakter wurde ganz, ganz tief in die Kischeekiste gegriffen – stellenweise hatte ich das Gefühl, dass ich hier nicht „The Imitation Game“ schaue, sondern eine Folge „Sherlock“ – zwar sähe Watson hier einer gewissen Keira Knightley zum Verwechseln ähnlich, aber das ist ein Umstand, mit dem ich mich hätte abfinden können. Stattdessen wird Turing als Genie dargestellt, das weder Witze versteht, noch Flirten kann und das mit allen Personen um sich auf Kriegsfuß steht. Also genau die Art von Genie, die bereits hundertfach über den TV-Bildschirm geflimmert ist. Brauchten wir tatsächlich noch ein wandelndes Klischee? Nein, vor allem dann nicht, wenn die historische Person, auf die der Charakter basiert, diesem Klischeebild nicht entsprach und dies dank Zeitzeugenberichten und Biografien bereits belegt ist.

Nach Ende des Krieges müssen alle Informationen zu „The Bombe“ vernichtet werden. | Copyright: Universum Film GmbH

Nach Ende des Krieges müssen alle Informationen zu „The Bombe“ vernichtet werden. | Copyright: Universum Film GmbH

Ein weiter Punkt, der schon mehrfach kritisiert wurde, ist das Einbringen des Charakters John Cairncross in Turings Team. Cairncross war ein russischer Spion in Bletchley Park, der tatsächlich existierte, jedoch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu keinem Zeitpunkt mit Alan Turing, seiner Maschine und seinem Team in Berührung kam. Im Film (Achtung Spoiler!) deckt Turing Craincross‘ Spionage-Tätigkeit auf, verschweigt diese aber vor seinen Vorgesetzten, weil dieser ihn mit seiner Homosexualität erpresst, was Turing faktisch zu einem Verräter macht. Eine solche Darstellung der historischen Person, die Turing nun einmal war, ist äußerst grenzwertig. Vor allem, da Turing mittlerweile den meisten ein Begriff ist, auch wenn sie seine genaue Geschichte nicht kennen.

Zwar hat Turings Maschine – „The Bombe“ nicht „Christopher“ wie im Film – nach Schätzungen den 2. Weltkrieg um zwei Jahre verkürzt, doch dass bereits vor ihrer Fertigstellung in Bletchley Park durchaus erfolgreich Codes geknackt wurden, allen voran von Frauen übrigens, dem wird in „Imitation Game“ kaum Beachtung geschenkt. Dass die Alliierten in den zwei Jahren, die Turing für „The Bombe“ brauchte, nicht sang- und klanglos untergingen, ist auch eine Errungenschaft dieser Beschäftigten.

„The Imitation Game“ ist ein durchaus unterhaltsamer Film, mit dem sich ein Abend verbringen lässt. Wer jedoch Wert auf historische Genauigkeit legt, der sollte seinen Abend lieber mit etwas anderem verplanen – der Turing-Biografie von Andrew Hodges zum Beispiel.

Trailer

Handlung

England, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs: Der geniale Mathematiker Alan Turing wird vom britischen Geheimdienst engagiert, um – gemeinsam mit einer Gruppe von Code-Spezialisten – den als unentschlüsselbar geltenden Enigma-Code der deutschen Wehrmacht zu knacken. Mit unkonventionellen Methoden und seiner arrogant wirkenden Art macht sich Turing jedoch keine Freunde unter seinen Kollegen. Nur die junge Mathematikerin Joan Clarke hält zu ihm – sie sieht in ihm eine verwandte Seele, einen Außenseiter, der sich gegen alle Widerstände durchsetzen muss. Während Turing fieberhaft an einer elektrischen Rechenmaschine arbeitet, die Enigma entschlüsseln soll, kommen sich die beiden näher. Doch das Genie Turing hat ein wohl gehütetes Geheimnis. Sollte es an die Öffentlichkeit kommen, wäre sowohl das Enigma-Projekt, als auch Turing persönlich in großer Gefahr …

(Quelle: Universum Film GmbH)

Details

Format: Widescreen
Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Universum Film GmbH
Erscheinungstermin: 26.06.2015
Produktionsjahr: 2014
Spieldauer: 114 Minuten

Copyright Artikelbild: Universum Film



Über den Autor

Jen
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"Bro. Seriously. Seriously, Bro." "Bro. BroBroBroBro. Seeeeriously." - Hawkeye, Vol. 1