Review

Tokio des 21. Jahrhunderts, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Aber mit dem Anime „Speed Grapher“ wird nicht nur dieses gesellschaftliche Problem dargestellt. Er führt seine Zuschauer an den äußersten Rand der menschlichen Begierden und sogar darüber hinaus; in eine Welt, in der nur Geld und Gelüste zählen und diese sich durch die „richtigen“ Kreise sogar auch noch äußerlich manifestieren.

Tatsumi Saiga ist ein ehemaliger Kriegsfotograf. Fotografieren ist sein Leben und er schreckt auch nicht davor zurück, mit Soldaten ins Krisengebiet zu ziehen, um jegliche Gräueltaten, die Menschen begehen können, auf Film festzuhalten. Es zieht ihn jedoch wieder zurück nach Tokio, wo er seinen Unterhalt als Paparazzo verdient. Im Zuge seiner Arbeit verschlägt es ihn in einen Geheimclub, in dem es mit übernatürlichen Dingen zuzugehen scheint. Bevor er weiß, wie ihm geschieht, befindet er sich schon inmitten dieses Personenkreises und stößt auf ein Mädchen, das dort als „Göttin“ verehrt wird. Angesichts seiner Enttarnung soll er sterben, es gelingt ihm zwar zu entkommen, aber nach dem Kontakt mit der „Göttin“ scheint er unerklärliche und vor allem tödliche Fähigkeiten erlangt zu haben.

Im Tokio von "Speed Grapher" gehen Geld und Gewalt Hand in Hand. (Copyright: 2005 GONZO)

Im Tokio von „Speed Grapher“ gehen Geld und Gewalt Hand in Hand. (Copyright: 2005 GONZO)

„Speed Grapher“ entstand 2005 im berühmten Studio Gonzo, die u.a. auch für „Hellsing“, „Gantz“ oder „Full Metal Panic!“ verantwortlich waren. Zunächst mag es ein wenig befremdlich scheinen, dass der Anime nach einem Ausflug in die Tiefen von Korruption und Prostitution darin übergeht, dass ein Fotograf mit einem Drücker auf den Auslöser seiner Kamera Menschen zu töten vermag. Dennoch zeigt sich hier schon die Mischung aus Mystery und Thriller in diesem Werk. Es wurde definitiv viel Wert auf Kreativität und Unterhaltung gesetzt. Tatsächlich gibt es in diesem Gesamtwerk kaum Füllerepisoden und jede einzelne Folge birgt ein neues Drama oder bietet actiongeladene Szenen.

Um gleich ein paar positive Aspekte und gleichzeitig Kritikpunkte nebeneinander herlaufen zu lassen: „Speed Grapher“ überzeugt mit einer drastischen Darstellung der niederen Bedürfnisse, die scheinbar in so gut wie allen Menschen stecken. Sei es nun sexuelles Verlangen oder die Gier nach viel Geld, ohne welches man in diesem Tokio ein Nichts ist. Es ist nicht so, dass diese Elemente nicht effektvoll genug eingebunden wurden. Sie werden nur sehr klischeemäßig abgearbeitet. Da haben wir den sabbernden reichen alten Mann, der auf halbnackten jungen Frauen herumreitet, oder die Witwe, deren Schweigen über den Mord an ihrem Mann durch eine Menge Geld erkauft wird. Man geht hier nicht in die Tiefe, sondern bedient viel Allgemeines.

Kreativ zeigt man sich jedoch bei den Auswirkungen der sogenannten Euphoriakraft, die den geheimen Fetisch in einen Menschen erwachen und nach außen tragen lässt: Ein Tänzer, der nachts im morphenden Sado-Maso-Outfit über die Dächer springt oder einen sadistischen Zahnarzt, dem buchstäblich zusätzliche Gliedmaßen mit etlichen Utensilien wie Bohrern wachsen. Diesbezüglich darf man „Speed Grapher“ zugutehalten, dass hier keine surrealen Extremen gescheut werden, was die Verfolger beim Katz und Maus Spiel mit den Protagonisten um einiges furchteinflößender wirken lässt. Einziges Manko: Die Konfrontationen enden oft viel zu kurz und Saiga scheint kaum Probleme mit seinen Angreifern zu haben. Ein wenig mehr Hingebung in den Zweikämpfen hätte man sich schon wünschen können.

Ebenfalls liegt hier immer ein gewisser Unterton in der Luft, der schwer zu beschreiben ist; irgendwie ein wenig drückend, aber auch passend zur gesamten Stimmung während der Handlung. Unterbrochen wird diese jedoch immer mal wieder durch mehr oder weniger lustige Gag-Passagen, in denen sich der Anime scheinbar gar nicht mehr ernst zu nehmen scheint.

Auch optisch liefert „Speed Grapher“ ab. Zwischendurch erscheinen die Animationen mal halbherzig und klobig, aber ansonsten lässt sich das Ganze angenehm verfolgen. Auch das Design der Charaktere, besonders der Antagonisten, gestaltet sich ihrer Persönlichkeiten entsprechend. Bei den Eigenschaften der Figuren kann man geteilter Meinung sein. Größtenteils erscheint Saiga durch seine durchgehend ruhige Art sehr sympathisch, während die „Göttin“ Kagura oft viel zu naiv und klischeebehaftet wirkt. Viele Intentionen ergeben sich im Laufe der Serie, was oft neue Handlungsstränge und Wendungen aufwirft, die dem Anime immer wieder sehr gut tun.

Angefangen vom Intro bis hin zum etwas ruhigeren Outro spielt die Musik auch stets eine bestimmende Rolle. Während der Szenerie gibt es wahlweise sanfte Piano-Klänge oder einen sehr jazzigen Sound. So gut die komponierte Musik auch ist, gibt es immer mal wieder Probleme mit der Lautstärkenregelung zwischen der Synchronisation und der akustischen Untermalung. Nicht nur in der deutschen, sondern auch in der japanischen Originalvertonung verschwindet sie oft unter den energetischen Klängen, sodass man das eine oder andere Mal zurückspulen wird, um wichtige Dialoge akustisch vernehmen zu können.

Mit seinen neu gewonnen Kräften gibt es stets neue Gestalten, die Saiga an den Kragen wollen. (Copyright: 2005 GONZO)

Mit seinen neu gewonnen Kräften gibt es stets neue Gestalten, die Saiga an den Kragen wollen. (Copyright: 2005 GONZO)

Wo wir beim Thema Synchronisation angelangt sind. Für die deutsche Vertonung wurden viele bekannte Stimmen ins Boot geholt, welche ihren Job professionell durchziehen. Dennoch wird man feststellen, im Vergleich zu den japanischen Stimmen, dass die Verteilung hier nicht immer ganz auf die Charaktere abgestimmt wurde. Stellenweise gibt es sogar Passagen, die gar nicht synchronisiert wurden. Amateurhaft, da man sich nicht mal die Mühe gemacht hat, diese irgendwie zu „verstecken“. Also die japanische Sprache ausgewählt, Untertitel aktiviert und ein Übel weniger.

„Speed Grapher“ hat viele Ecken und Kanten, auf die man leicht hätte verzichten können. Dennoch sind sie nun mal vorhanden und schmälern den guten Gesamteindruck ein wenig, den dieser Anime im Grunde macht. Denn vor allem lädt Gonzo hier durch eine fesselnde Erzählweise und abwechslungsreiche Elemente dazu ein, an der Serie dranbleiben zu wollen. Am Ende obsiegt die Unterhaltung, die „Speed Grapher“ dem Zuschauer bietet und ihn zu einem mehr als sehenswerten Anime macht.

Handlung

Unter der schillernden Oberfläche des Tokioter Vergnügungsviertels versteckt sich ein Sündenpfuhl aus Korruption, Prostitution und Glücksspiel. Der ehemalige Kriegsfotograf Tatsumi Saiga verdient sein Geld inzwischen als Paparazzo und begibt sich in die Tiefen des Roppongi Clubs, den Inbegriff des Lasters. Dort begegnet er der Tänzerin Kaguya, die von allen „die Göttin“ genannt wird. Durch ihren Kuss erwachen in Saiga übernatürliche Kräfte, mit deren Hilfe er das Mädchen vor den Fängen eines grausamen Syndikats beschützen muss.

(Quelle: Nipponart)

Details

Format: PAL
Sprache: Japanisch (DTS-HD 5.1), Deutsch (DTS-HD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 6
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Gonzo
Publisher: Nipponart
Erscheinungstermin: 25.03.2015
Produktionsjahr: 2004
Spieldauer: ca. 600 Minuten
Extras: Booklet, Postkarten

Copyright Cover: Nipponart



Über den Autor

Christopher