Review

Drama, Krimi, Thriller, Fantasy, Ego-Shooter, Cyberpunk, Horror, Dystopie, Cosplay – von allem etwas wird in dem Film geboten, der auf den Namen „Polder – Tokyo Heidi“ hört.

Und jener schreibt vor allem seinen künstlerischen Aspekt sehr groß. Zuweilen sogar so groß, dass es schwerfällt, dem roten Faden der an sich interessanten Handlung zu folgen – oder ihn überhaupt zu finden.

Ein Spiel, das die Grenze zwischen Wirklichkeit und Virtualität aufhebt, ist – grob gesagt – Gegenstand des Films. Diese Verschmelzung von Fiktion und Realität inszeniert man hier derart, dass auch dem Zuschauer nicht immer ersichtlich wird, was real oder Spielinhalt ist und wie die Zusammenhänge insgesamt zu verstehen sind. Durch den teils verstörend dargestellten Plot erschließt sich daher der Sinn von „Polder – Tokyo Heidi“ über weite Strecken des Films nicht. Erschwerend kommen Rückblenden, die zusätzlich verwirren und ganze Zeitebenen durcheinanderbringen, hinzu. Oft wird zwar mit Farbwechseln (Schwarz-Weiß-Aufnahmen changieren mit Farbaufnahmen und gerne auch mal psychedelisch geprägten Szenen) gearbeitet und damit ein wenig Orientierung geboten, dennoch vermisst man deutlichere Strukturen; vor allem, da die Handlung sehr puzzleartig präsentiert wird und sich mittels inhaltlicher Versatzstücke entwickelt. Ein Schachzug, der dazu führt, dass der Zuschauer sich auch nach der Sichtung des Films noch längere Zeit mit ihm auseinandersetzt – oder zumindest versucht, diese Puzzleteile zusammenzusetzen.

Den Zugang zum Film erleichtern zudem die partiell vorkommenden deutschen Untertitel zur japanischen Sprachausgabe nicht, denn jene wurden in weißer Schrift auf weißem Hintergrund platziert, was das Lesen sehr anstrengend macht, zumal der Film als solcher bereits permanent eine hohe Konzentration erfordert, um weiterhin am Ball zu bleiben und sich nicht in zunehmender Resignation zu fragen, welche Rauschmittel die Macher genommen haben, oder welche man am besten selbst zu sich nehmen sollte, um das Ganze zu verarbeiten und zu verstehen.

Einer filmstudentischen Abschlussarbeit gleich kombiniert die Produktion amateurhafte Züge mit anspruchsvollen und insbesondere kunstvollen Aufnahmen und Kameraschnitten, sodass das Ergebnis als exzentrisch, experimentell, expressionistisch und surreal bezeichnet werden kann. Die bunt gemischte Mixtur der Genres tut ihr Übriges, ist aber äußerst positiv hervorzuheben, denn im Gegensatz zur Handlung wurden die einzelnen stilistischen Elemente stimmiger kombiniert und umgesetzt.

Exzentrisch, expressionistisch und surreal - kurz: Kunst, das ist "Polder - Tokyo Heidi" (Copyright: Dschoint Venture Filmproduktion / Niama-Film GmbH)

Exzentrisch, expressionistisch und surreal – kurz: Kunst, das ist „Polder – Tokyo Heidi“ (Copyright: Dschoint Venture Filmproduktion / Niama-Film GmbH)

Beeindruckend und des Lobes würdig ist außerdem die schauspielerische Leistung. Mit Friederike Kempter und Nina Fog sind zwei starke Frauen präsent, die ihre Rollen perfekt verkörpern. Insgesamt überzeugt der Cast auf ganzer Linie – genau wie die Idee hinter „Polder – Tokyo Heidi“. Schade nur, dass der Inhalt nicht griffiger und zugänglicher inszeniert wurde, um das dahinter stehende spannende Thema auch bei einem größeren Publikum Anklang finden zu lassen.

Denn alles in allem hinterlässt „Polder – Tokyo Heidi“ wohl bei den meisten Zuschauern während und auch nach dem Schauen ein großes Fragezeichen. Wer jedoch auf künstlerische Ausdrucksfilme steht, wird unserer Bewertung sicherlich einen Stern hinzuaddieren und gar eine mutige Offenbarung in „Polder – Tokyo Heidi“ sehen. Der „Normalsterbliche“ hält hingegen 2 Punkte noch für zu gut bewertet. „Polder – Tokyo Heidi“ ist somit definitiv Kunst, aber es kann für so manch einen leider auch weg.

Trailer

Handlung

NEUROO-X steht für Games, die die Grenze zwischen Wirklichkeit und Realität aufheben. Ein neues Gadget, das sagenumwobene ROTE BUCH, bietet das ultimative Spielerlebnis. Die geheimsten Sehnsüchte der Gamer werden von der Engine gescannt und in phantastische Adventures verwandelt. Marcus, der Chief Development Manager von NEUROO-X, stirbt kurz vor der Fertigstellung des ROTEN BUCHs. Seine Geliebte Ryuko findet heraus, dass bei der Testreihe des Spiels in China Furchtbares geschehen ist, und je tiefer sie in die Geheimnisse von NEUROO-X abtaucht, umso mehr verliert auch sie den Bezug zur Realität. Sie vernachlässigt ihren Sohn Walter, der sich in das Game einloggt und in der digitalen Parallelwelt verschwindet. Ryuko findet sich wieder in einer Welt voller Dämonen, Hexen, Rittern und Terroristen.

(Quelle: Camino Filmverleih)

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Details

Originaltitel: Polder – Tokyo Heidi
Land: Schweiz, Deutschland 2014/2015
Produktion: Dschoint Venture Filmproduktion / Niama-Film GmbH
Dauer: 90 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 01.12.2016
Vertrieb: Camino

Copyright Artikelbild: Dschoint Venture / Niama-Film



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde