Review

Ungewöhnliche Genre-Kost aus deutschen Landen

Mit allerhand Vorschusslorbeeren schwappt „Pelikanblut“ von Regisseurin Katrin Gebbe zu uns ins Heimkino – der nach „Tore tanzt“ zweite Kinofilm der Regisseurin. Die ausgezeichnete deutsch-bulgarische Kinoproduktion wurde seit Erscheinen bereits mit großen Genre-Filmen wie „Babadook“, „Hereditary“ oder auch „Midsommar“ verglichen. Das dürfte freilich vor allem Horrorfilmfreunde aufhorchen lassen.

Ob der Film so gut ist und ob die Vergleiche zu den vorgenannten gerechtfertigt sind, das besprechen wir im Folgenden.

Es ist nicht, wie es scheint

Wiebke (45) lebt zusammen mit ihrer Adoptivtochter Nikolina (9) auf einem idyllischen Reiterhof. Nach vielen Jahren des Wartens, bekommt sie nun die Chance ein weiteres Mädchen, Raya (5), aus Bulgarien zu adoptieren.

Nikolina freut sich sehr über das lang-ersehnte Geschwisterchen. Die ersten gemeinsamen Wochen als Familie verlaufen harmonisch und die frischgebackenen Geschwister verstehen sich prächtig.

Aber schon bald merkt Wiebke, dass die – anfänglich charmante Raya – etwas verbirgt. Sie wird immer aggressiver und stellt eine zunehmende Gefahr für sich und andere dar. Vor allem Nikolina leidet unter ihren Übergriffen, aber auch Wiebkes Beziehungen und Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Um ihre Familie zu retten, muss Wiebke schließlich über Grenzen gehen und eine extreme Entscheidung treffen.

Starker Genremix 

Eines gleich vorweg: Regisseurin Katrin Gebbe legt mit ihrem zweiten Kinofilm wirklich einen starken, intensiven und sehenswerten Film vor.

Im Fokus stehen der Mutterwunsch der von Nina Hoss („A Most Wanted Man“) verkörperten Wiebke sowie die Beziehung zu ihren Adoptivtöchtern Nikolina (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo) und Raya (Katerina Lipovska).
Während die erste Annahme als Kind, also die von Nikolina, für die liebevolle Wiebke scheinbar völlig unproblematisch vonstattenging, verhält sich dies bei der Adoption von der kleinen Raya vollkommen anders. Diese stammt zwar ebenfalls aus Bulgarien und erwidert die mütterliche Liebe von Wiebke zunächst warmherzig und scheinbar glücklich – doch der Eindruck täuscht. Die Gefühle des Kindes sind nicht wahrhaftig.

Raya leidet an einer reaktiven Bindungsstörung. Aufgrund eines Traumas in frühester Kindheit weist das kleine Mädchen ein abnormes Beziehungsmuster zu Bezugspersonen auf. Sie ist nicht in der Lage, echte Emotionen zu zeigen und spiegelt oftmals nur die Emotionen des jeweiligen Gegenübers wider. Mit zunehmender Spieldauer testet Raya mehr und mehr die Grenzen des Erlaubten aus, wird immer aggressiver, gewalttätiger und unberechenbarer; darunter leidet Wiebke in privater wie in beruflicher Hinsicht und auch die Beziehung zu Nikolina verschlechtert sich, da sie dieser nicht mehr mit der angemessenen Aufmerksamkeit begegnen kann.

Für den Zuschauer wird das Gesehene zunehmend fesselnder und packender. Es entfaltet sich eine tragische Familiengeschichte, die von bedingungsloser Liebe, Leid sowie dem Abweichen von der sozialen Norm erzählt. Am ehesten erinnert der Film aufgrund dieser schweren Thematik an – die ebenfalls deutsche Produktion – „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt, in der Unangepasstheit, Impulsivität sowie besonders herausforderndes Verhalten auch eine wesentliche Rolle spielen.

An dieser Stelle ist durchaus Kritik angezeigt. Indessen weniger an Gebbes Film selbst, denn „Pelikanblut“ bietet fraglos einen aufregenden und gekonnten Genremix. Allein mit der Vermarktung des Films, mit der Gestaltung des Covers sowie den (überwiegend medialen) Vergleichen tut man dem Werk keinen Gefallen. Der Schwerpunkt liegt hier im Bereich familiäres Drama, während sich Elemente eines Thrillers hinzugesellen; das Genre des Horrors streift der Film gegen Ende der Laufzeit allenfalls. Das deutsche Cover der Blu-ray verklärt das Ganze auf unverständliche Weise. Wie „Midsommar Part 2“ wirkt das auf den ersten Eindruck. Wer Derartiges erwartet, der wird womöglich – zu Recht – von einem sehr guten Film enttäuscht sein. Und das schlicht, weil er oder sie etwas ganz anderes sehen wollte.

Wiebke (Nina Hoss) und ihre Adoptivtöchter Nikolina (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo) und Raya (Katerina Lipovska) | Copyright: DCM Film

Da hilft es nicht eben, wenn ein Zitat der schreibenden Kollegen auf dem Cover prangt, das marktreißerisch erklärt, es handele es sich um beklemmenden „Arthouse-Horror im Stil von MIDSOMMAR und HEREDITARY“. Das klingt natürlich catchy, stimmt aber nicht. Was stimmt, ist, dass Katrin Gebbe virtuos in der Lage ist, ein mitreißendes Drama mit zurückhaltenden Mitteln des Genre-Films anzureichern. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Ungeachtet dieser Problematik spielt Nina Hoss leidenschaftlich und facettenreich die alleinerziehende Mutter, während die kleine Katerina Lipovska erstaunlich die unberechenbare Raya mimt. Die zierliche Person vermag gewaltig Eindruck zu hinterlassen.

Das Ende des Films dürfte den einen oder anderen Zuschauer hingegen stirnrunzelnd zurücklassen, wird dieses doch nicht umfänglich der Komplexität des zuvor Erzählten gerecht.

Fazit

„Pelikanblut“ ist ein starker und sehenswerter Genremix, der sein Publikum bis zum Ende fesselt und mitreißt. Die Vergleiche mit den Größen des Horrorfilms der letzten Jahre tun der deutsch-bulgarischen Koproduktion keinen Gefallen.


Pelikanblut [Blu-ray]

Trailer

Inhalt

Wiebke (45) lebt zusammen mit ihrer Adoptivtochter Nikolina (9) auf einem idyllischen Reiterhof. Nach vielen Jahren des Wartens, bekommt sie nun die Chance ein weiteres Mädchen, Raya (5), aus Bulgarien zu adoptieren.

Nikolina freut sich sehr über das lang-ersehnte Geschwisterchen. Die ersten gemeinsamen Wochen als Familie verlaufen harmonisch und die frischgebackenen Geschwister verstehen sich prächtig.

Aber schon bald merkt Wiebke, dass die – anfänglich charmante Raya – etwas verbirgt. Sie wird immer aggressiver und stellt eine zunehmende Gefahr für sich und andere dar. Vor allem Nikolina leidet unter ihren Übergriffen, aber auch Wiebkes Beziehungen und Freundschaften werden auf die Probe gestellt. Um ihre Familie zu retten, muss Wiebke schließlich über Grenzen gehen und eine extreme Entscheidung treffen.

(Quelle: DCM Film)

Details

Bildformat: 2,39:1 (1080p/24)
Sprache: Deutsch (DTS-HD MA 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: DCM
Erscheinungstermin: 09.04.2021
Produktionsjahr: 2019
Spieldauer: ca. 127 Minuten

Copyright Cover: DCM



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)