Review

Ein Spiel, das die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt. Uns kommt da sofort der erst kürzlich in den Kinos platzierte Film „Polder – Tokyo Heidi“ in den Sinn. Ein amerikanisches und vor allem massenkompatibleres Pendant bildet der moderne Social-Media-Thriller „NERVE“ vom Regisseuren-Doppel Henry Joost und Ariel Schulman („Paranormal Activity 3 + 4“), der nach einem erfolgreichen Kinostart (mit fast 750.000 Zuschauern) nun auch daheim auf DVD, Blu-ray oder digital geschaut werden kann.

„Bist du Player oder Watcher“, lautet die zentrale Frage des Spiels, das entsprechende Aktivität oder Passivität vom User verlangt, durch sogenannte Challenges den Mut der Protagonisten unter Beweis stellen soll und sie nach erfolgreichem Abschluss finanziell belohnt. Zu Risiken und Nebenwirkungen einen Arzt oder Apotheker zu befragen, nützt dabei nicht viel, denn erst allmählich werden den Charakteren die Konsequenzen des illegalen, aber angesagten Onlinegames „NERVE“ bewusst …

Den vielfältigen Herausforderungen stellen sich in „NERVE“ vor allem die zu Game-Partnern werdenden Hauptfiguren Vee und Ian, die mit den Nachwuchsstars Emma Roberts und Dave Franco besetzt wurden.
Auch wenn ihr schauspielerisches Talent nur begrenzt zum Ausdruck kommt, insbesondere, da man stets ein wenig mehr von der Nichte Julia Roberts‘, die bereits in „Wir sind die Millers“ eine gute Figur machte, und dem „Bad Neighbors“- oder „Die Unfassbaren“-Star Dave Franco erwartet hätte, so wirken sie in ihren Rollen doch sehr authentisch. Überraschenderweise stellen sie sogar die etablierte Juliette Lewis in den Schatten; dies allerdings nicht durch ein hohes Maß an Schauspielkunst, sondern aufgrund der Überflüssigkeit ihrer Figur, der man weder – angesichts der hochkarätigen Besetzung – ausreichend Screentime einräumte noch ihre Reaktionen (vor allem gegen Ende des Films) abnimmt.

Zunehmend unglaubwürdig fallen zusätzlich die Challenges aus. Obwohl die Idee des Films hervorragend ist und zu Beginn auch perfekt und gleichsam realistisch umgesetzt wurde, erscheinen die immer heikler werdenden Herausforderungen etwas „too much“. Zwar spitzen sich die Situationen analog zur Handlung immer mehr zu, was zu Spannung und einem temporeichen Plot führt, weniger Übertreibungen hätten dem Ganzen jedoch einen noch realistischeren und damit gleichsam packenderen Zug verliehen.

Dies gelingt immerhin auf ganzer Linie durch eine brillante Kameraführung. Entsprechend der Grundthematik des Films scheint der Zuschauer „mittendrin, statt nur dabei“ zu sein. Häufige Egoperspektiven und Handyaufnahmen spiegeln die Sicht der Figuren wider und erzeugen eine direkte Nähe zur gezeigten Szene.

Auch hinsichtlich des Soundtracks gibt es an „NERVE“ nichts zu beanstanden. Passend unterstreicht die ausgewählte Musik die jeweilige Situation und fügt sich in das moderne, hippe, jugendliche Erscheinungsbild des Films ein.

Emma Roberts und Dave Franco in „NERVE“ (Copyright: Studiocanal)

Der greift oberflächlich außerdem Themen wie Spielsucht, Anonymität hinter Nicknames, der „gläserne Mensch“, Datensammlungen, die Naivität der User bei Internetaktivitäten, die Existenz des Darknets sowie Manipulierbarkeit und die Folgen von Gruppendynamiken auf, sodass letztlich ein bisschen Auskennen in Sachen Neuer Medien sicherlich nicht allzu verkehrt ist, allzu sehr in die Tiefe geht „NERVE“ dabei aber zu keinem Zeitpunkt. Nichtsdestotrotz nimmt der anfangs mit einigen humorvollen Dialogen überzeugende Film aber an Ernsthaftigkeit merklich zu; schade um die nachlässiger werdende witzige Unterhaltung, positiv hingegen für die steigende Dramatik, Action und Spannung.

Im Vergleich zum kunstvollen „Polder – Tokyo Heidi“ schneidet „NERVE“ natürlich durch seinen modernen, besonders die Jugendlichen ansprechenden Touch grandios ab und dürfte trotz Teenie-Schwerpunkt einem breiten Publikum gefallen. Allerdings wurde bei der thematischen Umsetzung zugleich teilweise ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, sodass es Einbußen bezüglich einer möglichen weitaus größeren Authentizität gibt. Für großartige Unterhaltung zwischendurch ist mit dem Social-Media-Thriller jedoch gesorgt. Daher gilt: Das eigene Smartphone einmal beiseitelegen und mit „NERVE“ dann doch mal zum „Watcher“ werden.

Trailer

Handlung

Bist du Player oder Watcher? Auf Vees (Emma Roberts) Highschool gibt es so gut wie kein anderes Gesprächsthema mehr als die immer riskanter werdenden Challenges, die das illegale Online-Game „Nerve“ seinen Spielern stellt. Um ebenso, wie ihre Freundin Sydney, einmal im Mittelpunkt zu stehen meldet sich die eher schüchterne Vee kurzentschlossen selbst bei „Nerve“ an. Angetrieben vom Kick des Verbotenen bricht Vee mit ihrem ebenso attraktiven wie mysteriösen Game-Partner Ian (Dave Franco) schnell alle Tabus: keine Challenge ist ihnen zu riskant. Über Nacht werden Vee und Ian die Sensation des immer gefährlicher werdenden Spiels! Doch als Vee herausfindet, dass ihre gesamten Social-Media-Accounts gehackt wurden, und versucht, aus dem Spiel auszusteigen, muss sie feststellen, dass es dafür längst zu spät ist…

(Quelle: Studiocanal)

NERVE – Homepage
NERVE – Facebook

Details

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: STUDIOCANAL
Erscheinungstermin: 19.01.2017
Produktionsjahr: 2016
Spieldauer: 93 Minuten
Extras: Outtakes, Trailer, interaktiver Player-Mode, Ausschnitte aus realen NERVE-Challenges auf einem New Yorker Musikfestival

Copyright Cover: Studiocanal



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde