Review

Abseits ausgetretener Pfade

Mit Jordan Peele („Get Out“, „Wir“) und Ari Aster („Hereditary – Das Vermächtnis“) haben zwei Genre-Spezialisten die großen Bühnen der Welt erobert. Mit ihrer frischen und innovativen Herangehensweise haben sie das Horror-Genre bereits nachhaltig geprägt und werden es sicherlich auch künftig noch tun.

Das besondere an deren Filmen ist, dass sie differenzierte und vielschichtige Kompositionen sind, die scheinbar leichtfüßig Genre-Grenzen überschreiten. So sind diese Filme eben nicht „nur“ Horrorfilme, sondern bedienen sich auch gekonnt bestimmter Versatzstücke, die andere Genres bereithalten. Sie erzählen ihre Geschichten auf ihre eigene Art und Weise und drücken sich filmisch-inszenatorisch individuell aus. Bitterböse Sozial- und Gesellschaftskritik bzw. Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung hier oder eine clevere und ausgefeilte Familientragödie im Gewand verstörenden Dämonen-Horrors dort. Einschichtig geht es bei diesen beiden Autorenfilmern jedenfalls nicht zu.

Nachdem der zweite Horror-Thriller „Wir“ aus der Feder von Jordan Peele sogar noch eine Nuance besser geworden ist als dessen oscarprämierter Vorgänger „Get Out“, durfte man gespannt sein, ob dies auch für Visionär Ari Aster und seinen zweiten Langfilm „Midsommar“ gilt. Die Messlatte liegt dabei allerdings noch höher, denn meines Erachtens hat Aster mit „Hereditary“ (Meilenstein des Genres) schlichtweg einen der besten, weil eindringlichsten und intensivsten Horrorfilme der jüngeren Vergangenheit vorgelegt.

Gefühlschaos im Sonnenschein

Die junge Dani (Florence Pugh) trifft der denkbar schwerste Schicksalsschlag. Von ihrem Partner Christian (Jack Reynor) kann sie dennoch nur wenig Empathie für ihre Ausnahmesituation erwarten.

Und obwohl die Beziehung der beiden gehörig kriselt, bietet Chris seiner Freundin an, seine Freunde (Will Poulter, William Jackson Harper, Vilhelm Blomgren) und ihn auf einer Studienreise nach Schweden zu begleiten. Sie wollen gemeinsam mit ihrem Studienfreund Pelle dessen Heimatdorf Hårga in der Provinz Hälsingland besuchen. Dort findet ein besonderes neuntägiges Mittsommer-Ritual statt, das nur alle 90 Jahre zelebriert wird.

Die Neuankömmlinge werden von den freundlichen Dorfbewohnern zunächst sehr herzlich begrüßt. Im Laufe ihres Aufenthalts widerfahren den Studenten jedoch zunehmend befremdliche Situationen und die traditionellen Rituale der Einheimischen werden immer absonderlicher. Besonders verstörend ist es etwa, wenn die Dorfbewohner starke Gefühlsregungen und emotionale Ausbrüche durch Mimikry nachahmen.

Der Graben zwischen Dani und Christian wird derweil immer tiefer.

Analyse, Interpretation und Würdigung

Eines gleich vorweg: In Ari Asters „Midsommar“ geht es weniger gruselig als vielmehr befremdlich, teilweise verstörend und bisweilen auch lustig zu.

Eigenwillige Atmosphäre des Films

Wer sich eine hohe Jump-Scare-Dichte, visuelle Schockeffekte oder Schauerklischees erhofft, der ist hier – wie schon bei „Hereditary“ – schlicht an der falschen Adresse.

Asters zweiter Film ist sogar noch deutlich weniger ein (reiner) Horrorfilm als der Vorgänger. Der Film baut allerdings gekonnt eine unheilvolle und bedrohliche Stimmung sowie eine verstörende Atmosphäre auf. Im Gegensatz zum finster inszenierten Vorgänger übt dieser Film eine andersartige, seltsame Faszination auf das Publikum aus, ist er doch durchgehend in gleißendem Sonnenlicht in Szene gesetzt.

Spätestens die Kamerafahrt kopfüber hinein in das beschauliche Hälsingland erinnert dann stark an Stanley Kubricks Meisterwerk „Shining“ und ist die passende Ankündigung für einen Film, der schlichtweg anders ist.

Beziehungsende anders verarbeitet

So unterschiedlich die Werke jedoch in ästhetischer Hinsicht sind, so sehr teilen sie die Leidenschaft des Autorenfilmers, den vordergründigen Horror mit persönlichen Erfahrungen und emotionalen Konflikten anzureichern.

„Hereditary“ befasst sich mit einer dysfunktionalen Familie, mit emotionalem Schmerz, Leid, Isolation und psychischen Erkrankungen und auch in „Midsommar“ werden viele dieser Aspekte verhandelt. Im Fokus steht dabei allerdings nicht eine zerstörte Familie und deren beschädigte Leben, sondern eine toxische, ungesunde Beziehung zwischen Partnern, geprägt von gegenseitiger Abhängigkeit und gekennzeichnet durch ein kommunikationsloses Nebeneinanderherleben. Hier wie dort geht es um ein kompliziertes Beziehungsgeflecht. Die offensichtliche Horror-Geschichte um die tradierten Rituale in Schweden nutzt Aster als Vehikel für seine (eigentliche) Geschichte um eine vor dem Aus stehende Beziehung.

Kulturkonflikt

Im Subtext finden sich dann noch weitere Ebenen, wenn der Zuschauer gewillt ist, diese auszumachen.

So finden sich hier im Zusammenhang mit den archaischen Sitten des Dorfes auch tiefgründige kulturrelativistische Gedanken. Es wird die Frage aufgeworfen, wann noch von einer liberalen und kulturellen Vielfalt ausgegangen werden kann, und ab wann schlichtweg ein Verstoß gegen elementare Menschenrechte vorliegt, der auch aus Gründen der Sitten und Gebräuche keiner Rechtfertigung mehr zugänglich ist.

Hier wird womöglich auch eine unkritische Akademiker-Generation angeprangert, die nicht dazu in der Lage ist, das Festhalten an mitunter barbarischen Traditionen hörbar zu kritisieren, selbst wenn diese fundamentalen Werteentscheidungen zuwiderlaufen.

Fazit

„Midsommar“ ist ein den Zuschauer fordernder Film, der typische Erzählmuster weit hinter sich lässt. Das ist zweifellos und sogar nachvollziehbar nicht jedermanns Sache.

Die junge Dani erleidet einen Heulkrampf und die Dorfbewohnerinnen steigen ekstatisch ein in Ari Asters „Midsommar“.
(Copyright: Weltkino Filmverleih)

Der Film hat unstreitig seine Längen und hätte das eine oder andere Ritual aussparen können. Dies ist allerdings auch ein Teil des Vertrages, den man mit einem detailbesessenen Regisseur und Drehbuchautor wie Ari Aster eingeht.

Der Zuschauer muss die Bereitschaft mitbringen, sich auf diesen komplexen wie facettenreichen Genre-Mix einzulassen. Wer das tut, wird belohnt mit einem vielschichtigen Werk. Um die zahlreichen Details, Symbole, Hinweise und Zeichen zu entdecken, mag sich eine mehrfache Sichtung des Films anbieten (man achte auf die Wände!). Ich habe den Film bereits zweimal gesehen und bin der Auffassung, dass es in dieser Inszenierung nach wie vor viel zu entschlüsseln und zu entdecken gibt.

Maßstab für gutes Kino ist auch der Grad an Innovation und Einfallsreichtum sowie der Wille und die Leidenschaft, die Grenzen des Gewöhnlichen hinter sich zu lassen. Diese Ziele erreicht „Midsommar“ – ein intensiver und unbequemer Film, wie man ihn so noch nie gesehen hat.

Trailer

Inhalt

Dani und ihr Freund Christian begeben sich auf einen Sommertrip nach Schweden. Gemeinsam mit Christians Clique sind sie zu einem besonderen Mittsommerfestival eingeladen. Doch der anfänglich idyllische Eindruck der abgelegenen Gemeinschaft trügt, die freundlichen Dorfbewohner verhalten sich nach und nach verdächtiger. Sie bereiten ein Ritual vor, das nur alle 90 Jahre zelebriert wird.

(Quelle: Universum Film)

Details

Format: Breitbild
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Weltkino Filmverleih / Universum Film
Erscheinungstermin: 07.02.2020
Produktionsjahr: 2019
Spieldauer: 147 Minuten
Extras: Featurette / Trailer / Teaser / Wendecover

Copyright Cover: Weltkino Filmverleih



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)