Review

In jüngster Vergangenheit sind wieder vermehrt die Person Roman Polański und die gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe in den Fokus des medialen Interesses gerückt. Wir wollen hierzu weder Stellung beziehen, noch Urteile fällen. Es möge jeder Zuschauer und Leser selbst entscheiden, ob er die Person vom Künstler zu trennen und abstrahieren vermag.

Wir wollen uns vorliegend Polańskis neuestem Werk „Intrige“ oder im Original „J’accuse“ widmen. Das detailverliebte und aufwendige Historiendrama behandelt die Dreyfus-Affäre und verhandelt darüber hinaus die gesamtgesellschaftlichen und politischen Probleme des seinerzeitigen Frankreichs.

Die Handlung

1895 in Frankreich: Der junge und aufstrebende jüdische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wird wegen vermeintlichen Landesverrats zugunsten des Deutschen Kaiserreichs verurteilt. Ihm wird im Laufe einer erniedrigenden Zeremonie jegliche militärische Ehre und militärische Treue abgesprochen. Anschließend wird er zu lebenslanger Haft auf die Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana verbannt.

Zeuge dieses Verfahrens ist der Oberstleutnant Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), seines Zeichens alles andere als ein Judenfreund, der auch schon Ausbilder des jungen Dreyfus war.
Kurz darauf wird Picquart zum Geheimdienstchef eben jener Abteilung befördert, die Dreyfus der angeblichen Spionage überführte. Picquart wird mit einem korrupten Staatsapparat, einer geradezu lächerlich dünnen Beweislage und unverhohlener Judenfeindlichkeit seitens seiner Vorgesetzten konfrontiert. Schließlich gerät der integre und pflichtbewusste Picquart durch seine Ermittlungen selbst in Gefahr und wird Beteiligter in einem Justizskandal sondersgleichen.

Bewertung

Mit „Intrige“ legt Roman Polański („Chinatown“, „Der Pianist“, „Der Gott des Gemetzels“) schlicht einen der besten Filme seiner Karriere vor. Sein Beitrag über die Dreyfus-Affäre ist weniger spannend als vielmehr kurios und tragisch.
Durchgehend weiß Polański das behandelte Thema packend und fesselnd zu erzählen und zu inszenieren. Ein ums andere Mal muss der Zuschauer mit dem Kopf schütteln und das Geschehen wie gebannt verfolgen angesichts der offen zur Schau gestellten Ungerechtigkeit und des schonungslosen Antisemitismus, der sich in dem Justizskandal offenbart. Auch der berühmt gewordene Artikel „J’accuse…!“ des Schriftstellers Émile Zola kommt hier nicht zu kurz.

Vorliegend werden militärische und politische Hierarchien immer wieder clever hinterfragt, wenn es um die Abwägung Schutz des Ansehens des Staates und seiner Einrichtungen mit dem Anspruch jedes Einzelnen auf Gerechtigkeit und ein faires Verfahren geht.

Jean Dujardin kann auch in der ernsten Rolle des Oberstleutnant Marie-Georges Picquart glänzen. (Copyright: Weltkino Filmverleih GmbH)

Über sein eindringliches geschichtliches Thema hinaus, gewinnt der Film noch an Wichtigkeit und Dringlichkeit im Hinblick auf seine Aktualität. Polańskis Film mahnt zur Wachsamkeit gegenüber einem neu aufkeimenden Antisemitismus, der offenbar wieder einen fruchtbaren Nährboden gefunden hat, und setzt ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben. Der erfahrene Filmregisseur schenkt uns indessen nicht die Illusion eines Happy Ends oder das selbstgefällige Gefühl, bereits etwas aus der Geschichte gelernt zu haben, sondern endet bewusst nüchtern, ohne die Dinge zu verklären.

Im Ganzen profitiert das Drama von der großartigen Musik von Alexandre Desplat sowie dem überzeugenden Schauspiel der Akteure. Insbesondere Jean Dujardin („The Wolf of Wall Street“, „The Artist“, „OSS 117 – Er selbst ist sich genug“) beweist einmal mehr, dass er ein Schauspieler ist, der sich dadurch definiert, dass er alles spielen kann – vom Clown bis zum Charaktermimen.

Fazit

Roman Polański meldet sich eindrucksvoll zurück. Mit der Dreyfus-Affäre greift der Regisseur ein – jedenfalls hierzulande – viel zu wenig beachtetes Thema auf, das noch dazu hochaktuell und hochbrisant ist. Getragen von der Schauspiellaune des Ensembles gelingt ein packendes Historiendrama, das das Publikum auch nach dem Abspann noch weiter beschäftigen wird.

Trailer

Inhalt

Am 5. Januar 1895 wird der junge jüdische Offizier Alfred Dreyfus wegen Hochverrats in einer erniedrigenden Zeremonie degradiert und zu lebenslanger Haft auf die Teufelsinsel im Atlantik verbannt. Zeuge dieser Entehrung ist Marie-Georges Picquart, der kurz darauf zum Geheimdienstchef der Abteilung befördert wird, die Dreyfus der angeblichen Spionage überführte. Anfänglich überzeugt von dessen Schuld kommen Picquart Zweifel, als weiterhin militärische Geheimnisse an die Deutschen verraten werden. Doch seine Vorgesetzten weisen ihn an, die Sache unter den Tisch fallen zu lassen. Entgegen seines Befehls ermittelt er weiter und gerät in ein gefährliches Labyrinth aus Verrat und Korruption, das nicht nur seine Ehre, sondern auch sein Leben in Gefahr bringt.

(Quelle: Weltkino Filmverleih GmbH)

Details

Format: Anamorph
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Weltkino Filmverleih / LEONINE
Erscheinungstermin: 03.07.2020
Produktionsjahr: 2019
Spieldauer: 132 Minuten
Extras: Making of / Trailer / Wendecover

Copyright Cover: Weltkino Filmverleih



Über den Autor

Fabian
Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)